Schneebedeckte Berge und menschliche Abgründe – Schattenfuchs

Schneebedeckte Berge und menschliche Abgründe – Schattenfuchs

Schattenfuchs: 1883, in einem abgelegenen Ort in Island. Ein Mann geht auf die Jagd nach einem Fuchs, eine Frau stirbt und wird begraben. Doch irgendetwas stimmt hier nicht.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Aufs Thermometer geschaut: 29.5° Zimmertemperatur.
  2. Mich nach Island gewünscht.
  3. Kalt geduscht.

Mein Eindruck zu “Schattenfuchs”:

„Schattenfuchs“ von Sjón ist ein ungewöhnliches Buch, manche Passagen sind geradezu seltsam. Es handelt sich um einen Kurzroman, der, wenn man es recht bedenkt, eine Unmenge an Dingen leistet, ohne auch nur im Geringsten überfüllt zu wirken. Hier haben wir eines dieser Bücher, das mehr Bedenk- als Lesezeit benötigt und trotzdem einfach genossen werden kann.

Stärken des Buchs:

Wo soll ich anfangen? „Schattenfuchs“ bietet alles auf, was man in einen so kurzen Roman packen kann: Poesie, Abenteuer, Sprachkunst, eingeschobene Briefe, wunderschöne Naturbeschreibungen, ein ständiges, märchenhaftes Gefühl von Mystik und ein Abschluss, der an Schicksal glauben lässt. Dazu wird immer wieder eine Prise Humor eingestreut, der mir anfangs ungewohnt erschien, aber mir immer sympathischer wurde.

Erzähltechnisch wird ebenfalls einiges geboten. Die Abschnitte des Romans sind datiert, aber nicht chronologisch angeordnet. Der erste Teil des Buches, der die Jagd beschreibt, ist sehr poetisch gehalten, was sich auch im Buchsatz zeigt. Die wenigsten Seiten des ersten Teils sind vollständig bedruckt, manche tragen bloß einen einzigen Satz. Dadurch entsteht eine Lyrikband-Optik.

Mir gefällt es auch, dass erst am Ende wichtige Informationen auftauchen, die das gesamte Buch in neuem Licht erscheinen lassen und neue Interpretationen erlauben. Plötzlich wird die unterschwellige Spannung aufgelöst. Damit erinnert „Schattenfuchs“ schon wieder an einen Krimi, obwohl er keiner ist.

Trotz aller Kniffe und Modernität des Buches, erzählt „Schattenfuchs“ auch einfach eine spannende Geschichte und lässt detaillierte Bilder von Island, der Natur, den Menschen, Häusern und Gewohnheiten im Kopf des Lesenden entstehen. Man bekommt einen Eindruck vom Leben und den Ansichten der Menschen dieser Region um 1883. Außerdem umstrahlt Teile der Geschichte ein Hauch von echter Liebe und Menschlichkeit, gerade am Ende. Diese Bilder, der Schnee, der Fuchs und die Menschlichkeit sind es, die mir am deutlichsten im Gedächtnis geblieben sind.

Schwächen des Buchs Schattenfuchs:

„Schattenfuchs“ ist ein sehr schmales Buch, ein Kurzroman, und der Stil in Teilen fast lyrisch. Das ist keine Schwäche. Allerdings läuft die Geschichte Gefahr, durch seine Knappheit Leser*innen zu verlieren. Übergänge zwischen Szenen oder Zeiten sind häufig ausgelassen. Wer unaufmerksam liest oder es gewohnt ist, jeden Schritt beschrieben zu kriegen, dürfte nicht selten verwirrt sein beim Lesen. Ist das eine Frage von Vorlieben und Gewohnheiten? Vielleicht. Ähnlich wilde Sprünge wurden mir im Lektorat mehrmals angestrichen. Von diesem Punkt abgesehen wird es schwierig, echte Schwächen in „Schattenfuchs“ zu finden.

Mein Fazit zu Schattenfuchs:

„Schattenfuchs“ ist ein wunderbares, dünnes Buch, das man in kurzer Zeit lesen kann und das nicht nur deshalb zum Wiederlesen einlädt.

Du willst mehr von Matthias lesen? Hier gelangst du zu seinen Rezensionen.



Schattenfuchs

Sjón

Gegenwartsliteratur Märchen  historisch
Softcover, 144 Seiten

erschienen bei S. Fischer

09. September 2011

ISBN 978-3-596178001

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