Er ist von vorne wie von hinten – Otto

Er ist von vorne wie von hinten – Otto

Der Künstler Otto befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, die auf Performances mit Spiegeln beruht, und gleichzeitig in einer tiefen Sinnkrise. Er erbt ein altes Haus und eine Kiste, die detaillierte Aufzeichnungen seiner ersten sieben Lebensjahre enthält. Otto geht auf einen Erfahrungstrip rückwärts durch die Zeit zu den Ursprüngen seines Lebens.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Buch vorsichtig in die Schutzhülle zurückgesteckt.
  2. Mich gefragt, ob die Geschichte ohne Bilder ähnlich gewirkt hätte.
  3. Ein weniger gutes Buch gelesen.

Mein Eindruck zu “Otto”:

Weißer Untergrund und ein wenig schwarze Farbe. Selbst ohne Buchstaben (oder mit sehr wenigen) kann man aus dieser Kombination ganze Welten erschaffen. Geht mit mir und Marc-Antoine Mathieus „Otto” auf eine Reise!

Stärken des Buchs:

Wo fange ich an? Dass Marc-Antoine Mathieu einen ganz besonderen Stil und seine Werke eine verwirrende Form von Tiefe besitzen, habe ich bereits in der Rezension von „Der Wirbel“ erwähnt. Otto – höchstwahrscheinlich so benannt, weil der Name ein Palindrom ist und es im Buch viel um Spiegelungen als Symbol für Selbsterkenntnis geht – besitzt diese Form von Tiefe. Es geht um nichts Weniger als den Sinn des Lebens und den Kern des menschlichen Bewusstseins, was das Gleiche ist, zusammengefasst auf wenige Seiten, die wiederum hauptsächlich aus Bildern bestehen. Wie macht Mathieu das?

Das ungewöhnliche Format (wie eine handelsübliche Graphic Novel, aber quer statt hoch) bietet Mathieu die Möglichkeit, die Illusion von Chronologie zu erzeugen, immer ein oder zwei Bilder pro Seite, immer weiter zurück durch die Zeit, immer weiter voran, auf die Erkenntnis zu. In Kombination mit der wiederholten Verwendung von Zoom-In und Zoom-Out Effekten entsteht der Eindruck einer Wellenbewegung, einer Mehrdimensionalität, die übliche Graphic Novels nicht bieten können. Marc-Antoine Mathieu arbeitet gerne mit verschiedenen Versionen dieser Mehrdimensionalität, die durch die Kombination aus Zeichnungen und der Arbeit mit dem Material (sei es nun das Format, ausgeschnittene Seiten oder eingebaute Spiralen) entstehen. Das allein macht seine Kunst bereits wertvoll.

Immer vom Kleinen zum Großen und vom Riesigen zum Winzigen geht die Reise. Ein Zettel nach dem anderen verbindet Otto auf der Suche nach sich selbst und baut so ein vieldimensionales Konstrukt, das ihn darstellt und Ähnlichkeit mit einem Hirn hat. Das ist es, was ich mit der Wellenbewegung meinte: vor und zurück und hoch und nieder und ausgedehnt und zusammengeschrumpft und plötzlich ergibt alles ein neues Bild, plötzlich ergibt alles Sinn.

Kommen wir zum Buch als Gegenstand. Der Verlag Reprodukt vertreibt grundsätzlich hochwertige Bücher. Nie habe ich es anders erlebt. „Otto“ kommt als hochwertiges Hardcover und in einem Schuber daher. Was sollte man mehr erwarten? Leder und Goldlettern? Ich bin mehr als zufrieden mit dem Produkt.

Schwächen des Buchs:

Marc-Antoine Mathieu überlässt vieles den Leser*innen. Er durcharbeitet in einem Buch, das kaum dicker ist als die meisten Comics, ein Menschenleben, eine künstlerische Existenz, philosophische Ideen zum Bewusstsein und den Sinn des Lebens. Das ist spannend zu sehen, aber extrem komplex, lässt man sich wirklich auf den Trip ein. Gelegentlich hätte ich mir eine Seite mehr gewünscht in jedem Schritt. Auch vor das Endergebnis wird man einfach gestellt und muss plötzlich ernsthaft nachdenken: Was nun? Ich mag das. Mögt ihr das?

Auch schon in der Rezension von „Der Wirbel“ hatte ich die Pseudo-Kritik angebracht, dass Mathieu kein großer Zeichner ist im Sinne detaillierter Kunst oder der Nutzung von Farbe oder fast aller Gesichtsausdrücke. Er minimalisiert die Bilder, lässt manche Panels einfach schwarz oder weiß, weil sie eine Überfülle von Partikeln oder eine Leere ausdrücken sollen. Ist das eine Schwäche? Nein. Mathieu nutzt seinen minimalistischen Stil, um niemals vom Kern der Story abzulenken. Es geht hier in gewisser Weise um die Reinheit von Gedanken und hübsche Bildchen würden ablenken. Dass man seinen Stil, besonders seine Figuren, dennoch sofort wiedererkennen kann, spricht für ihn. Dennoch kann nicht jede*r diesen Stil mögen und daher erwähne ich den Punkt.

„Otto“ ist zwar ein komplexes Werk, aber wer eine Diskussion vieler verschiedener Ideen zum Thema Bewusstsein erwartet oder generell ein extrem tiefes Eintauchen ins Thema, wird enttäuscht werden. Wir sprechen hier immer noch über eine Mischung aus Bildchen und Wörtern – vermutlich nicht mehr Wörter als diese Rezension jetzt schon enthält. Große Erkenntnisgewinne bekommt man kaum durch die Lektüre, aber sie dient definitiv als Denkanregung.

Mein Fazit zu “Otto”:

Wer komplexe Graphic Novels, die man in kurzer Zeit lesen kann, um dann lange darüber nachzudenken, mag, ist hier richtig. „Otto“ von Marc-Antoine Mathieu erfüllt all das mit viel Fantasie und einem dicken Hauch Surrealismus. Ich bin zufrieden.

Du willst mehr von Matthias lesen? Hier gelangst du zu seinen Rezensionen.



Otto

Marc-Antoine Mathieu

Graphic Novel
Softcover, 96 Seiten

erschienen bei Reprodukt

01. Juli 2017

ISBN 978-3-956401312

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