Lust auf mehr – Berlin, eine Stadt in 17 Begegnungen

Lust auf mehr – Berlin, eine Stadt in 17 Begegnungen

Siebzehn Namen, siebzehn Begegnungen. Katharina Stein fängt in ihrem ersten eigenen Kurzgeschichtenband die Persönlichkeit(en) Berlins ein. Das Buch entstand im Rahmen des Wettbewerbs für den „Young Storyteller Award“ von story.one. Wie es nicht gewinnen konnte, ist mir wahrlich ein Rätsel.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Buch in die Tasche gepackt
  2. Die Leute in der U-Bahn beobachtet
  3. Ins Büro gegangen

Mein Eindruck zu „Berlin – Eine Stadt in 17 Begegnungen“:

Als designierte Berlin-Expertin des Buchensembles musste ich dieses Buch rezensieren. Siebzehn kurze Geschichten mit nicht mehr als zwei, drei Seiten Länge erzählen von den unterschiedlichsten Begegnungen in Berlin. Alle Texte sind dabei aus der Ich-Perspektive erzählt und sprechen ein anderes Du an. Von der herzlichen Bäckerin Sylvia, die auch den trübsten Morgen kuschlig scheinen lässt, über den One-Night-Stand Taylor, der oder die nur Englisch spricht, bis hin zu Billie, dem Paketboten (der Paketbotin?) mit großen Träumen. Jeder Text ist mit dem Namen des „Du“ betitelt, um das es gerade geht, und zeigt jeweils nur einen kurzen, aber dafür umso eindrücklicheren Moment im Berliner Alltag.

Auch von außen kommt dieses dünne Büchlein sehr ansprechend daher. Das Cover zeigt eine zartrosa Hochhausfassade, die auf den ersten Blick wie ein grafisches Muster wirkt. Man muss schon genau hinsehen, um zu erkennen, was sich dahinter verbirgt – was wiederum sehr gut zum Inhalt passt.

Da Katharina Stein eine Berliner Autorinnen- und Lektorinnenkollegin von mir ist, ging ich an diese Kurzgeschichtensammlung übrigens mit besonders strengem Blick heran. Sie ist ihr erstes eigenes Buchprojekt und diese sind ja häufig nicht immer so berauschend. Vor allem, da die Kurzgeschichte meiner Ansicht nach die Königsdisziplin in der Schriftstellerei ist. Umso positiver überrascht war ich, dass es so viel Gutes über diese „17 Begegnungen“ zu sagen gibt.

Stärken des Buchs:

Katharina Stein ist eine messerscharfe Beobachterin. Selten habe ich von „meiner“ Stadt ein so vielfältiges Bild in so präzisen Worten gefunden. Sie schafft es, in nur wenigen Sätzen ein Bild von einer ganz bestimmten Art von Person heraufzubeschwören, eine Begegnung plastisch zu schildern und die Ahnung einer Geschichte zu erzählen, deren weiteren Verlauf nur das Ich kennt. Dabei dauert ein Text nicht länger als die Fahrt von einer U-Bahn-Station zur nächsten und doch fühlt man sich den Figuren so nahe, als hätte man sie eben noch selbst getroffen – in der U-Bahn, beim Einkaufen, in der Lieblingsbar. Mit allen hätte ich am liebsten noch mehr Zeit verbracht.

Ganz allgemein bin ich großer Fan davon, wenn das Gender von Figuren nicht explizit genannt wird, wie z.B. bei „Grund“ von Sylvia Wage. Die Ich-Du-Perspektive bietet sich dafür am besten an, kann aber schon auch mal zu anstrengend werden, wenn sie sich z.B. in einem ganzen Roman durchzieht. Bei so kurzen Texten wie den „17 Begegnungen“ bietet sich diese Perspektive dagegen umso besser an, da es siebzehn unterschiedliche Dus sind, die uns hier präsentiert werden und die alle ihren ganz eigenen Sound haben. Besonders gut gefällt mir, dass manche Namen und Beschreibungen sehr genderneutral ausfallen (wie z.B. Flo, Taylor oder Billie), während bei anderen das Gender umso wichtiger ist, wie etwa bei Joy. Manchmal spielt Katharina Stein auch einfach mit Stereotypen, wie beispielsweise bei Sylvia, Amira oder Halim. Sie tut dies jedoch immer respektvoll, wertschätzend und meist mit einem erfrischenden Twist.

Jeder Satz ist so wunderbar in den nächsten gewebt, dass ich es schwierig fand, mir Zitate herauszuschreiben, die dieses Gefühl einfangen, aber hier sind ein paar, die es mir besonders angetan haben:

„Manche Pflanzen wurzeln in die Tiefe. Andere in die Breite, ganz dicht unter der Oberfläche, und trinken alles Leben, das sie bekommen können, mit einem Mal.“

„Der Schal ist ein Geschenk deiner Mutter – Mom nennst du sie und für einen Moment fühle ich mich alt, weil ich immer noch Mama sage.“

„Dann schweigt die Musik und nur noch das Klackern deiner Stricknadeln bleibt.

In ihrem Takt wird die Stadt zu Musik.“

Schwächen des Buchs:

Was mir nicht so besonders gut gefällt, ist das Layout. Durch die eingeschränkten Möglichkeiten bei story.one sieht der Buchsatz nicht so schön aus, wie bei anderen Verlagen. Einerseits fällt es auf, dass die fehlende Möglichkeit zur Kursivschreibung manchmal den Lesefluss stört. Darüber hinaus gefällt mir auch nicht, dass nach jedem Absatz eine Leerzeile steht. Ob das Lesenden, die sich noch nie mit Buchsatz beschäftigt haben, überhaupt auffällt, bleibt allerdings fraglich.

Mein Fazit „Berlin – Eine Stadt in 17 Begegnungen“:

Ich sag es wie es ist: Mich haben die siebzehn kurzen Begegnungen nachhaltig beeindruckt. Die vielfältigen, authentischen, berührenden Kurzgeschichten ergeben ein so wunderbar rundes Bild meiner liebsten Stadt, dass ich es wirklich allen ans Herz legen möchte, die erleben wollen, wie sich Berlin anfühlt. Katharina Stein ist mit diesem Erzählband ein wunderbares Debüt gelungen, das Lust auf mehr macht.

Du willst mehr von S. M. Gruber lesen? Hier gelangst du zu ihren Rezensionen.



„Berlin – Eine Stadt in 17 Begegnungen“

Katharina Stein

Gegenwartsliteratur
Hardcover, 80 Seiten

erschienen bei story.one publishing

23. August 2021

ISBN 978-3-710802584


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One Reply to “Lust auf mehr – Berlin, eine Stadt in 17 Begegnungen”

  1. Die Autorin habe ich kürzlich auf Twitter kennengelernt. Man konnte ein Wort nennen und sie hat dazu eine kleine Geschichte geschrieben. Das hat mich schon total eingenommen. Daher werde ich das Buch von ihr auf jeden Fall lesen. Deine Rezension macht mir noch mehr Lust auf das Buch.

    Liebe Grüße
    Petrissa

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