100 Mal das Gleiche – Ich steh auf mich [Rezension]

100 Mal das Gleiche – Ich steh auf mich [Rezension]

In “Ich steh auf mich” gibt Sigrid Engelbrecht Tipps zur Selbstliebe. Sie schreibt über Selbstwertschätzung, Wertschätzung anderer und Beziehungen. Somit geht es um Liebe und Freundschaft, Selbstwertschätzung und Wertschätzung anderer, Impulse für mehr davon, Schauplätze und Beispiele von zu wenig davon, Folgen von fehlender (Selbst)wertschätzung und Hintergrundinformationen.

Aufgebaut ist dieses Buch als ein Ratgeber, den man nach und nach lesen und Übungen befolgen kann. Der Fokus liegt dabei darauf, den Leser oder die Leserin davon zu überzeugen, Selbstwertschätzung in sein oder ihr Leben zu lassen und alle negtiven Situationen und Auswirkungen fehlender Selbstliebe und Selbstwertschätzung zu beleuchten.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ich habe den “Schwächen-Teil” dieser Rezension geschrieben
  2. Fotos vom Buch gemacht
  3. Entschieden, dass ich dieses Buch aussortieren möchte (auch, wenn das noch immer wehtut!)

Mein Eindruck zu Ich steh auf mich:

Ich steh auf mich* nervt. Ein Buch, das viel will und nichts kann. Ein Zurückblicken auf Negatives, Angstmachen vor zu wenig Selbstwertschätzung, und aufgebläht bis ins Geht-Nicht-Mehr. Dieses Buch ist nichts anderes als ein Schreibauftrag an die Autorin, in dem sie einen Markt bedienen sollte, zumindest fühlt es sich so an.

Stärken des Buchs:

“Ich steh auf mich” ist ein toller Titel, und das Buch enthält, was wichtig ist: Situationen und Anleitungen zu mehr Selbstliebe. Verhalte dich dir gegenüber gut, liebe dich selbst, dann kannst du auch andere lieben. Ist eine gute Sache, ein gutes Thema.

Auch unter Stärken aufzulisten ist der Druck des Buchcovers. Der Buchtitel “Ich steh auf mich” ist sehr filigan und ragt dreidimensional aus dem Cover raus, die Farben sind toll, das Buch hat mich angesprochen … Ihr merkt schon, wenn ich bei den Stärken des Buches so anfange, dann wird es eine dieser Rezensionen.

Cover von “Ich steh auf mich”, Foto: Kia Kahawa

Schwächen des Buchs:

Bis mindestens Seite 62 geht es nicht um den Leser oder die Leserin. Ich habe mich beim Lesen sehr distanziert gefühlt.

Sexismus lässt die Autorin auch nicht aus: Selbstwert ziehen sich Männer aus der Leistung, Frauen aus Schönheit und ihr Äußeres.

“Während für diese Form der Kompensation mittels Selbstausbeutung überwiegend Mönner anfällig sind, ist es vorrangig eine Domäne von Frauen, auf Attraktivität zu setzen und andere auf diesem Weg ausstechen zu wollen.”, Seite 62

“Frauen bauen hinsichtlich der Stärkung ihres Selbstwertempfindens viel auf ihre sozialen Beziehungen und ihre soziale Kompetenz, während Männer mehr auf persönliche Fähigkeiten und Erfolge setzen. Auch sind für mehr Frauen als Männer der Körper und das Wahrnehmen der eigenen Attraktivität bedeutsame Selbstwertquellen […]”, Seite 38

Diese Aussagen sind sicher nicht falsch, aber beim Lesen einfach super nervig, denn die Autorin macht im gesamten Buch nichts anderes. Sie spricht von Selbstwert und einigen Buzzwords drumherum wie Selbstliebe, Selbstwertschätzung, Wertschätzung von außen, Wertschätzung durch Freunde und den Partner, prägende Einflüsse … und dann baut sie jeden einzelnen Abschnitt wie folgt auf:

  1. Was es dir bringt, mehr Wertschätzung in dein Leben zu lassen
  2. Warum es schlecht ist, wenn du es nicht tust
  3. Irgendwas ohne Kontext, mit Studien oder Männer-Frauen-Vergleichen
  4. Ein Zitat einer befragten Person, das alles nochmal wiederholt
  5. eventuell eine Übung
  6. REPEAT

Die Wiederholung der Wiederholung

Gerade Punkt 6 stört mich: Denn sie macht es. Auf über 250 Seiten. Immer wieder. Was es bringt. Warum man es tun sollte. Und was wäre, wenn nicht. Sie blickt immer zurück, ständig gibt es Informationen noch und nöcher darüber, was wäre, wenn wir uns selbst klein machen oder nicht wertschätzen. Ich lese eine halbe Stunde. Und nach 30 Minuten lese ich, was wäre, wenn wir uns nicht selbst wertschätzen würden. Und was es brächte, wenn wir es täten. Dann eine Übung, wobei Übungen 1 – 17 nichts anderes als Achtsamkeits- und Atemübungen sind, was auch schön ist, aber wie soll ich bitte atmen, wenn ich einem Kanon bedruckter Seiten ständig lese, was wäre, wenn ich es nicht täte und wie es sich auswirken würde, wenn ich es täte? In “Ich steh auf mich” fällt kein einziges Wort darüber, wie man sein Leben sinnvoll in den Griff kriegt, wie man die Selbstliebe aufbauen und trainieren kann oder wie es weitergeht. Es ist ein reines Überzeugungsbuch. Bist du nach Seite 20, oder wie ich schon vor dem Lesen davon überzeugt, dass du mehr Selbstliebe benötigst, ist das Lesen eine einzige Redundanz.

Und dann stört mich noch diese völlig hirnlose Zielgruppenorientierung. Der Leser oder die Leserin ist angestellt, lebt streng monogam (wenn der Partner fremd geht, hat das gefälligst eine Katastrophe zu sein!!!!) und hat einen Freundeskreis sowie ein potentielles Kind. Der Inhalt dieses Buches hätte mit einem vernünftigen Lektorat auf 150 Seiten gepasst, vielleicht 120, und dann hätte man noch was zu Singles und Menschen in Lebenskrisen oder mit Krankheiten machen können, etwas zum Thema … keine Ahnung, wie Selbstliebe unser Tun und Handeln beeinflusst? Wie gut es sich eigentlich anfühlt? Wie wir ins Handeln kommen, Routinen aufbauen, uns wie einen besten Freund behandeln, mit Wut umgehen, überwältigende Emotionen in Kontrolle bringen und was ist, wenn wir Fehler machen und uns dann, genau dann selbst lieben sollen. Aber zu all diesen Themen gibt es in “Ich steh auf mich” von Sigrid Engelbrecht kein einzigs Wort.

Übrigens: Teilweise kann man die weiße Schrift auf hellorangem Hintergrund nicht lesen. Zudem ist das Papier auch noch cremeweiß, was den Kontrast weiter verringert. Menschen mit Seheinschränkungen, ihr werdet keinen Spaß mit diesem Buch haben!

Auszug aus "Ich steh auf mich": Der Kontrast der orangefarbenen Kästen und der weißen Schrift ist schlecht lesbar. Foto: Kia Kahawa
Auszug aus “Ich steh auf mich”: Der Kontrast der orangefarbenen Kästen und der weißen Schrift ist schlecht lesbar. Foto: Kia Kahawa

Angry Kia is ANGRY!

Ohne Scheiß, ich schlage jetzt drei zufällige Seiten auf und zitiere vor mich hin:

“Sich selbst rundum zu akzeptieren – unabhängig vom Erscheinungsbild, von bestimmten Eigenschaften, Alter, Leistung und Kompetenzen oder anderen “Vorbedingungen” – fällt uns oft nicht leicht.”, Seite 34

Danke, liebe Autorin. Ein schöner Einstieg in das Kapitel “Sich akzeptieren – voll und ganz” auf Seite 34. Hier gehts also mit den Basics los, das ist doch nett!

“Ein Mangel an Selbstwertschätzung hat zahlreiche Auswirkungen im ganz normalen Alltag, wobei vielen Betroffenen gar nicht bewusst ist, dass für so manche Probleme, mit denen sie es täglich zu tun haben, ein niedriges Selbstwertempfinden die Ursache ist.”, Seite 67

Danke, liebe Autorin. Ein netter Einstieg in das Kapitel “Nachhaltige Auswirkungen” auf Seite 67. Jetzt haben es auch langsam denkende und Merkschwache gerafft: Es fällt schwer, es ist blöd, wenns nicht klappt.

“Im Alltag sind wir oftmals mit einem Mangel an Wertschätzung konfrontiert.”, Seite 130

“Wo Wertschätzung fehlt, fühle sich Menschen zurückgesetzt und abgewertet.”, Seite 144

“Von anderen Menschen wertgeschätzt zu werden ist ein Grundbedürfnis, das alle Menschen kennen und dessen Erfüllung auch jedem guttut – und trotzdem lassen wir es im zwischenmenschlichen Kontakt oft daran mangeln […].”, Seite 209

Okay, okay, okay, OKAY! Ich hab’s kapitert. Bis Seite 209 von 288 sind die Basics also erklärt und so oft wiederholt, dass ich mangelnde Selbstliebe kotzen kann. Was sagt denn das Resümée, das letzte Kapitel auf den letzten Seiten? Beginnt dieses Kapitel vielleicht mit irgendwas, womit man arbeiten kann?

“Es ist ein Grundbedürfnis, sich sowohl als Person mit den individuellen Stärken und Schwächen zu schätzen und zu mögen als auch sich von anderen gesehen, anerkannt, geschätzt und gemocht zu fühlen.”, Seite 279

I’m out.

Mein Fazit zu Ich steh auf mich:

“Ich steh auf mich” hätte locker auf 150 Seiten gepasst und wäre dann sogar gut gewesen. Für Anfänger*innen, die sich selbst hassen und überzeugt werden müssen, dass Selbstliebe ein Teil ihres Lebens sein muss, ist dieses Buch vielleicht nicht schlecht, aber selbst dann müssten die Leser*innen der Zielgruppe eine echt lange Leitung haben und auf Wiederholungen stehen. Liest du ein Kapitel im Monat und vergisst in den dreieinhalb Wochen, die du nicht liest, was vorher im Buch stand, ist es vielleicht nett, aber so sollten Bücher nicht konzipiert sein.

Du willst mehr von Kia lesen? Hier findest du all ihre Rezensionen.

Ich steh auf mich – Wertschätzung macht mich & andere stark

Sigrid Engelbrecht

Ratgeber
Softcover, 288 Seiten

erschienen bei Knaur

02. Mai 2017

ISBN 978-3-426877692


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Kia über Kurzgeschichten

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Beim Buchensemble gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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