Graue Reisen – Ich – ein anderer

Graue Reisen – Ich – ein anderer

Imre Kertész, Auschwitz-Überlebender, Autor und Übersetzer, beobachtet einen neuen Lebensabschnitt und eine Verwandlung in sich. Er reist, er reflektiert, er scheint sanfter geworden zu sein.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Durchatmen
  2. Dankbar sein, dass gerade niemand im Sterben liegt, den ich liebe
  3. Ultimate Fighting gucken

Mein Eindruck zu „Ich – ein anderer“:

Vor den Werken von Imre Kertész habe ich mich des schwierigen Themas wegen – in diesem Buch berichtet er, wie man herablassend gesagt habe, er habe nur ein einziges Thema: Auschwitz – immer gefürchtet, und dann habe ich zum falschen Buch gegriffen. Auschwitz hat ihn nie losgelassen, doch behandelt „Ich – ein anderer“ die innere Veränderung des Autors, seine Entwicklung weg vom ständigen Konflikt und hin zu mehr Ruhe. Diese Ruhe wirkt noch immer bitter, deprimierend, grau in ihrer Reflexion und verwundbar durch die ständigen Fragen: Bin ich gut genug? Was ist mein Werk, mein Leben wert? Wer bin ich? Gibt es einen Sinn in alledem?

Stärken des Buchs:

Kertész fasziniert durch seine Reflexionen und Betrachtungen. Die Erfahrungen des ständig Unerwünschten (als Jude, als Ungar, als ungarischer Jude) lassen ihn die Welt anders betrachten und zeigen den Leser*innen, wie bedrohlich diese sein kann. Doch er macht auch Hoffnung, argumentiert für einen schmalen Lebenssinn, auch wenn er ihn selbst nicht zu sehen scheint.

Meine Ausgabe von „Ich – ein anderer“ hat beim Lesen massiv an Volumen zugelegt, weil ich ständig Stellen unterstreichen und mit Klebezetteln markieren musste. Es gibt so viele tiefsinnige Gedanken und schöne Sätze, die jeweils eine eigene Betrachtung und die eine oder andere Stunde unserer Zeit verdient haben. Auf unter 130 Buchseiten befindet sich der Inhalt eines Lebens der Bildung und Schriftstellerei.

Schwächen des Buchs:

„Ich – ein anderer“ ist kein leichtes Buch. Ist das eine Schwäche? Nicht wirklich. An vielen Stellen wirkt es allerdings fragmentarisch, einzelne Eindrücke und Gedanken werden in den Raum gestellt und verschwinden wieder. Es passt zum Nomadenleben des Autors in der Zeit des Schreibens, aber erleichtert die Lektüre nicht gerade.

Wer nicht viel gelesen hat, geht unter. Es gibt Absätze in diesem Buch, in denen 3 oder 4 Autoren oder Philosophen erwähnt oder zitiert werden, und die Zitate stammen zum Teil aus Essays über weitere Autoren oder Philosophen. (Ich schreibe hier übrigens nicht im generischen Maskulinum.) Man wird mit Namen und Fetzen ihrer Arbeit bombardiert, um die Punkte des Autors zu untermauern, und kennt man die meisten nicht, wird es nervig.

Die letzte Schwäche ist ebenfalls keine Schwäche, aber ein wichtiger Hinweis: Ich habe gesagt, „Ich – ein anderer“ sei das falsche Buch gewesen. Damit meine ich, dass es im Buch, das kein Roman ist sondern autobiographisch, um die Veränderungen im Leben und im Werk von Imre Kertész geht und dass man Leben und Werk besser kennen sollte, bevor man es liest. Wer diesen Autor kennenlernen möchte, sollte woanders starten. Vielleicht beim „Roman eines Schicksallosen“.

Mein Fazit zu Ich – ein anderer:

Faszinierend, die meiste Zeit logisch deprimierend und am Ende herzzerschmetternd ehrlich, sprachlich großartig, gedanklich spannend, aber durchgängig schwierig und nichts für Leser*innen, die eine Story und warme Gefühle erwarten oder die keine Lust haben, mehrmals pro Seite innezuhalten und sich zu fragen, was zur Hölle der Satz, den sie eben gelesen haben, bedeuten soll.

Du willst mehr von Matthias lesen? Hier gelangst du zu seinen Rezensionen.

Ich – ein anderer

Imre Kertész

Biografie
Softcover, 128 Seiten

erschienen bei Rowohlt

01. Oktober 1999

ISBN 978-3-499225734


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