Geradlinig und vorhersehbar – Ich. Darf. Nicht. Schlafen. [Rezension]

Geradlinig und vorhersehbar – Ich. Darf. Nicht. Schlafen. [Rezension]

Christine Lucas wacht in einem Bett auf, das ihr nicht gehört. Neben einem Mann, den sie nicht kennt. In einem Haus, das ihr fremd ist, und sie trägt Kleidung einer Frau, die sie nicht kennt. Sie hastet ins Badezimmer und sieht eine ca. 20 Jahre ältere Frau als sie eigentlich ist. Sie hat in der Vergangenheit ihr Gedächtnis verloren und leidet unter zwei Arten der Amnesie. Immer, wenn sie geschlafen hat, vergisst sie alles.

Ihr Ehemann Ben kümmert sich rührend um sie und erklärt ihr jeden Morgen, wer sie ist und dass sie geheiratet haben. Dann geht er zur Arbeit, und Christine lernt ihren Arzt kennen, bei dem sie seit einigen Wochen in Behandlung ist. Sie schreibt ein Tagebuch, und das ist die einzige Möglichkeit, sich an Vergangenes zu erinnern und das Rätsel über die eigene Existenz zu erfahren …

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ich bin aufgestanden (habe mir die letzten 20 Seiten für den Morgen aufgehoben und es war schon 6:40 Uhr, höchste Zeit, aufzustehen!)
  2. Kaffee gemacht
  3. Das Fenster geöffnet und den Schnee des Februars begrüßt

Mein Eindruck zu Ich. darf. nicht. schlafen.:

Ein Buch mit Detailverliebtheit, die nervt, einem Spannungsbogen, der nur Spaß macht, wenn man selbst unwissend ist und sich eigene Theorien zusammendenkt. Kein Page-Turner, aber nicht langweilig. Dennoch langatmig. “Ich. darf. nicht. schlafen.” kann man lesen, definitiv. Es war keine verschwendete Zeit, im Gegenteil. Es war eine nette Zeit. Die Stärken und Schwächen sind durchwachsen und ausgeglichen.

Stärken des Buchs:

Besonders stark empfinde ich die Geradlinigkeit der Geschichte. Es ist schon, nicht von Rückblenden und verschiedenen Perspektiven erfasst zu werden, und das gesamte Buch (das zu mehr als 60 % aus dem Tagebuch der Christine Lucas besteht), lässt sich als einheitliches Gedankenprotokoll lesen. In der Haupthandlung liest die Protagonistin ihr eigenes Tagebuch, und der Leser wird genau wie sie in die Vergangenheit zurückgeworfen. Zwar leiten einige Schlingen ins Leere, aber die meisten Hinweise auf den Ausgang der Geschichte regen zum Nachdenken und kalkulieren an.”Ich. darf. nicht. schlafen” ist ein Buch, das definitiv nicht “tot” gelesen werden darf. Der Leser muss mitdenken, ja, mitfiebern, sofern es das Genre möglich macht, und eigene Theorien entwickeln, wie das Buch zu Ende geht und wer lügt.

Somit dachte ich beim Lesen zwischendurch, Dr. Nash, der Arzt, sei der Betrüger, der sich in ihr Leben schleicht und nur so tut, als würde er sie behandeln. Aber es könnte auch sein, dass das Tagebuch nicht von Christine, sondern von jemand anderem geschrieben wurde. Jemand könnte sie damit an der Nase herumführen und ihr eine Version ihrer Vergangenheit geben, die sie zwingend glauben muss, die aber nicht wahr ist. Das Ganze kann aber auch ein Romanentwurf der ehemaligen Schriftstellerin sein, den die Protagonistin aus Langeweile verfasst hat. Oder aber Ben ist nicht Ben, sondern immer ein x-beliebiger Mann. Nirgends wird Ben beschrieben, vielleicht wechseln sich zehn geisteskranke Männer ab und tun jeweils so, als seien sie Ben, erzählen ihr zum Spaß dies und das oder vergewaltigen sie zwischendurch mal. Sie erinnert sich doch eh nicht dran.

Das alles zeigt: Die Geschichte hat viel Potential. Und genau das hat beim Lesen Spaß gemacht. Wie die Geschichte selbst ist, nun ja, das liest du im Absatz “Schwächen des Buchs”. Aber nicht zu wissen wie (bzw wie vorhersehbar) die Story ausgeht, macht beim Lesen sehr großen Spaß!

Ich. Darf. Nicht. Schlafen. Foto: Kia Kahawa
Ich. Darf. Nicht. Schlafen. Foto: Kia Kahawa

Schwächen des Buchs:

Das Buch “Ich. Darf. Nicht. Schlafen.* soll ein Thriller sein. Ich fürchte, Thriller sind nicht mein Genre: Damit habe ich ja schon in der Vergangenheit meine Probleme gehabt, und auch dieses Werk aus dem Fischer-Verlag zeigt, was ich an Thrillern bemängele: Sie ziehen sich in die Länge, wie auch schon mein erster Thriller, Split Second, und diese gähnende Langatmigkeit lässt der Geschichte einige tolle Elemente in der Bewertung absinken. Die Geschichte ist an sich spannend, hätte aber auf 200 Seiten genauso viel Raum haben können. Wenn der Leser selbst ein schlechtes Gedächtnis hat, kann er jedes Mal beim Lesen darauf vertrauen, viele Wiederholungen und einen repetetiven Schreibstil zu finden, der die Erinnerungen auch an den Leser zurückbringt. Leider sind die Leser aber nicht von der Amnesie betroffen, die die Protagonistin im Buch hat: Und es wirkt einfach nur nervig.

Auch die Detailverliebtheit muss ich unter den Schwächen aufführen. Ich mag detailverliebte Bücher, einen akribischen Schreibstil und schöne Beschreibungen. Aber S. J. Watson hat es einfach übertrieben. Selbst, wenn man sich, um Seite 250 rum, fragt, ob jetzt die Handlung langsam mal beginnt, wird in leicht spannenden Momenten der Lesefluss unterbrochen, um irgendwas zu beschreiben. So geschieht ein Konflikt, es kommt zu Gewalt, und was der Protagonistin wichtig ist, ist, dass Bratensoße und ein paar Erbsen beim zerbrochenen Teller in den Teppich fließen.

Wenn alle Thriller langatmig und sehr deutlich auf die 400 Seiten aufgebläht sind, bin ich kein Thriller-Leser. Ich warte noch auf ein einziges spannendes Buch in dieser “Spannungsliteratur”.

Als letzte Schwäche muss ich die Protagonistin selbst anbringen. Ihr Charakter, ihre Vergangenheit, ihre Gedanken – alles passt. Aber von ihrem Handeln, vor allem, wenn der Leser durch die ganzen überdeutlichen Anzeichen seit 30 Seiten gerafft hat, wem man nicht vertrauen darf und wie man sich verhalten sollte, damit nichts Schlimmes passiert – dann denkt die blöde Kuh genau das Gegenteil und macht, was sinnloser nicht sein kann. Sie steckt in einer nicht endenden Gedankenschleife, die durch ihre Naivität und Dämlichkeit gleichermaßen gefüttert wird, wie die Gedanken auch diese Eigenschaften vorwärts pushen. Ein klarer Teufelskreis.

A propos Teufelskreis: Die Geschichte war relativ vorhersehbar. Auf den ersten 100 Seiten hatte ich keine Ahnung und wurde angefixt, auf Seite 100 bis 250 habe ich eigene Theorien entwickelt und mich immer wieder umentschieden, wie die Geschichte ausgeht, und von Seite 250 bis 400 war alles vorhersehbar.

Als letztes möchte ich den Titel bemängeln. Er passt nicht. Ich möchte nicht spoilern, daher sage ich das nur knapp. Ebenso wenig, wie mir das Cover gefällt, denn es trägt nichts zur Geschichte bei, und ich kann mir nicht einmal nach der Rezension den Autorennamen merken, genau so wenig gefällt mir der Titel im Kontext der Geschichte. Ich habe anderes erwartet, bin aber nicht enttäuscht. Nur aber auch nicht gehyped.

Mein Fazit:

Ich. Darf. Nicht. Schlafen.* ist ein nettes Buch. Es ist perfekt für vergessliche Menschen und Personen, die schnell lesen und daher schneller in der Handlung vorankommen. Wer nur 40 Seiten in der Stunde liest, so wie es mir bei diesem Buch erging, wird nach zwei Stunden enttäuscht sein, weil nichts passiert und dafür alles wiederholt wurde. Aber insgesamt ist “Ich. Darf. Nicht. Schlafen.” ein lesenswertes Buch, so lala, ni fu ni fa.

Du willst mehr von Kia lesen? Hier kommst du zu allen Rezensionen unserer Rezensentin.

Ich. darf. nicht. schlafen.

S. J. Watson

Thriller
Softcover, 400 Seiten

erschienen bei S. Fischer

26. September 2012

ISBN 978-3-596191468
9,99 € bei Amazon*

 

Kia über Frauenfiguren

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Beim Buchensemble gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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