Ich bin sehr hübsch, das sieht man nur nicht so [Rezension]

Ich bin sehr hübsch, das sieht man nur nicht so [Rezension]

Es ist der 31. Dezember. Die Protagonistin hat ihren Freundeskreis verjagt, da war doch die Sache mit dem Kaninchen, und ausgerechnet heute muss ihr Freund zur Beerdigung seiner Tante. Was tun also? Die Protagonistin, ich nenne sie im Folgenden Sarah, geht einkaufen und lädt sich Gäste ein. Da ist der schüchterne Kassierer aus dem Supermarkt, die Frau, die unsagbar viel Spinat einkauft und viel zu lang am Pfandflaschenautomaten braucht, eine ehemalige Schulfreundin, die vielleicht gar nicht auf die gleiche Schule mit Sarah gegangen ist, und zwei Paare. Das eine Paar streitet sich ständig, das andere knutscht und nimmt nichts anderes wahr, dann gibt es noch den Mann vom Späti und den Taxifahrer, der aber gar nicht auf Sarahs Silvesterfeier kommen möchte.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Erkannt, dass ich deutsche Humorbücher hasse, weil ich sie nicht verstehe
  2. Noch einmal über die besten Stellen gelacht
  3. In die Luft gestarrt

Mein Eindruck zu “Ich bin sehr hübsch, das sieht man nur nicht so”:

Ich habe anderes erwartet. “Ich bin sehr hübsch, das sieht man nur nicht so” kannte ich nur vom Titel, dem Untertitel, der irgendwas mit Scheitern zu tun hat und vom Klappentext. Der Klappentext zeigt einen szenenfreien Dialog zwischen Sarah und ihrem Taxifahrer, in welchem er sagt, dass er multitaskingfähig ist: Er kann ihr zuhören und sich trotzdem dabei langweilen! Das ging mir beim Lesen nicht so. Langeweile kam keine auf. Im Gegenteil: Ich hatte großen Spaß beim Lesen. Allerdings, wie bei dieser Art des Humors üblich und auch bei Antoine Monot, Vincent Ebert und Julius Fischer, nur wirklich in der ersten Hälfte des Buches.

Stärken des Buchs:

Die Protagonistin redet einen Scheiß, ey…! Das ist voll cool. Ihre Gedanken sind voller Abschweifungen, wie sie auch in meinem Kopf stattfinden. Sie sind ansprechend, witzig, total überdreht und dadurch mega sympathisch. Ich habe mich oft zusammenreißen müssen, um in der Bahn nicht laut loszulachen. Humor hat die Dame! Ich bin begeistert von den stumpfen, feinfühligen Spitzen des Humors, die gekonnt an den richtigen Stellen rüberkommen und die Geschichte mit Witz und Charme anreichern. I like!

Der Schreibstil wirkt, als sei das Buch in einem Atemzug geschrieben worden. Die Handlung dauert genau einen Tag, und es wirkt wirklich, als habe die Autorin dieses Buch an einem Tag live direkt von Gedanken in das Buch transkribieren lassen. Genial, herrlich, wunderbar.

Schwächen des Buchs:

Schwach ist meiner Meinung nach der Plot, aber das überrascht mich inzwischen nicht mehr. Ich habe ein Buch über das Scheitern erwartet, dachte, es gäbe mehr tiefsinnigen Inhalt, der mir als Leserin irgendwas bringt. Da habe ich die falschen Erwartungen an diesen Blindkauf gesetzt. Aber dennoch wurde ich gut unterhalten. Bis zu einem gewissen Maß, denn die Geschichte ist natürlich völlig unglaubwürdig, die Personen überzogen oder schlichtweg unsympathisch, und unter’m Strich sind einfach alle hilflos. Nicht hilflos wie in “guck mal, alle Leute haben solche Probleme”, sondern im Sinne von “ich steh hier rum und werde erwähnt, weiß aber nicht, wieso ich im Buch vorkomme”. Das ist für mich eine bedeutende Schwäche, zumal es nicht mehr viel Spaß macht zu lesen, wenn ein Klischee das nächste jagt und ich mich frage, ob es wirklich irgendwo einen Menschen gibt, der solch stereotype Menschen kennt.

Es bleiben ein paar Fragen offen, die mich ärgern:

Wieso gibt es dieses dauerhaft knutschende Paar, das kein einziges Mal wirklich mit der Außenwelt interagiert? Worüber muss man sich hier weswegen lustig machen, und wo zum Geier gibt es so absurde Menschen?

Warum säuft die Protagonistin so viel Alkohol und denkt immer noch gleich, ist sie vielleicht Alkoholikerin?

Wo zur Hölle kriegt man solch schlechte Freunde her, die einen wegen dieser Kaninchensache fallen lassen, sich am Telefon schweigsam geben, wenn die Protagonistin anruft und komisches Zeug redet?

Wer würde jemals auf so eine Feier gehen und den Abend für sich nicht vorzeitig beenden?

Was soll das mit dem Kaninchen?

Ich kann so viel sagen: Nur die letzte Frage wird beantwortet, und die auch eher schlecht als recht. Hat mich nicht wirklich umgehauen. Lustiger war es, als die Sache mit dem Kaninchen noch nicht aufgedeckt worden war. Auch das Ende hat mir schlichtweg nicht gefallen.

Mein Fazit zu “Ich bin sehr hübsch, das sieht man nur nicht so”:

Allein schon des Titels wegen ist dieses Buch lesenswert. Nein, im Ernst, wer mit Humorbüchern etwas anfangen kann, die total überdreht, unrealistisch, eine Mischung aus pseudo-realistisch und pseudo-fiktiv sind, wird dieses Buch lieben. Wer wie ich ist und genau damit nichts anfangen kann, kriegt einen lockeren, dünnen Buchsnack für zwischendurch. Es ist ein gutes Buch. Nicht herausragend, nicht umwerfend, aber eben auch nicht Mittelmaß. Ich habe herzlich gelacht und mag das Buch. Nicht mehr und nicht weniger.

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COVERBILD

Ich bin sehr hübsch, das sieht man nur nicht so

Sarah Bosetti

Humor
Softcover, 192 Seiten

erschienen bei Rowohlt

20. Oktober 2017

ISBN 978-3-499633171


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