“Es soll aber die Wahrheit sein” – Herbst

“Es soll aber die Wahrheit sein” – Herbst

Daniel träumt. Elisabeth, besucht ihn jede Woche, liest ihm vor und sieht ihm zu. Er war immer schon alt, aber sie war zwölf, als sie sich kennengelernt haben, ihr Nachbar. Sie haben ein ganzes Leben hinter sich, gemeinsam, getrennt, und auch vor sich, denn es gibt noch Hoffnung in dieser Welt, solange es Geschichten gibt. Und es gibt Kunst, auch wenn sie einem das Herz bricht.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Noch während der letzten Seiten diese Rezension begonnen und sie sofort darauf vollendet.
  2. Geblinzelt, weil ich … also ich hatte das was im Auge (aber nicht, weil das Buch traurig war, im Gegenteil, weil es Hoffnung spendet).
  3. Geflucht, weil der Buchhandel (und der ganze restliche Handel), geschlossen sind und ich nicht auf der Stelle “Winter” kaufen kann.

Mein Eindruck zu “Herbst”:

Ich liebe Ali Smith. Von allen Autoren und Autorinnen, die ich bisher gelesen habe, gibt es nur zwei, von denen ich jedes Buch, egal worum es geht, ohne den Klappentext zu lesen kaufen würde. Ali Smith ist eine davon (der zweite ist Alex Capus). Mit ihrem Talent für Sprache, für Feinsinnigkeit, mit ihrem unterschwelligen Humor – selbst wenn sie über eine Fruchtfliege schreibt, ich würde es lesen.

Worum geht es in “Herbst”? Um Kunst? Um Sterben? Um Leben? Ja, auch. Aber auch um Politik (Brexit), Literatur und Theater. Definitiv um Frauen, Frauenschicksale, Emazipation. Auf dem Buchrücken steht “Genial”. “Grandios.” “Unerträglich ergreifend.” Und: “So gut war Ali Smith noch nie”. Und wisst ihr was? Es stimmt.

Ali Smith: Herbst. Foto: M. D. Grand

Stärken des Buchs:

“Herbst” ist der Auftakt zu Ali Smiths Jahreszeitenquartett. Es verfolgt keinen linearen Handlungsstrang, wirbelt Eindrücke, Emotionen, Wahrheit, Fiktion alles wild durcheinander.  Auf jeden Fall geht es um Daniels Sterben und Elisabeths Leben, sein Leben, das Leben ganz allgemein. Es geht um Liebe, aber anders, nicht die romantische Liebe, und um das Unerhörte. Ali Smith schreibt ohne Rücksicht zu nehmen, poetisch und zum Nachdenken anregend, trotzdem fesselnd. Mit ihrem einmaligen Stil malt sie eine einmalige Freundschaft, ein einmaliges Portrait, wie eine Collage, bei der man nichts erkennt und alles begreift.

Das Buch berührt einen tiefer als andere Texte, gerade durch ihren Stil, durch das Aufbrechen der schriftstellerischen Normen. Es geht oft um Klang, um Gefühl, um Erspürtes und weniger um das was da steht. Trotzdem hat es eine Handlung, die einen mitnimmt, durch Jahrzehnte führt,  durch Träume und Wahrheiten, im Fokus immer die Sprache. Historische Fakten sind zärtlich eingewoben, die Charaktere lebendig, greifbar. Ein Buch, das berührt, melancholisch, wie der Herbst, aber vorallem hoffnungsvoll.

Schwächen des Buchs:

Durch fehlende Anführungszeichen und den ihr ganz eigenen Stil, der sich durch fehlende Ordnung und gewagte Sprachakrobatik auszeichnet, ist es oft schwer zu unterscheiden, was gesprochen ist, was gedacht, was erfunden, und was wahr? Außerdem hat man das Gefühl, dass einem ständig etwas entgeht, etwas Wichtiges, wenn es doch bloß greifbar wäre … dadurch wird das Lesen mehr zu einem emotionalen Erlebnis (ich schwöre, ich hatte ab und zu Tränen in den Augen), gerade, weil der Text oft nicht fassbar ist, wild (Elisabeths Einstieg liest sich wie Kafkas “Der Prozess”). Es fühlt sich an, wie ein Gedicht, dessen Zeilen man nicht richtig deuten kann, nur als Roman, 265 Seiten lang. (Wer sowas nicht mag, wird es mit Sicherheit hassen.)

Auch das Spiel mit Wahrheit und Fiktion trägt zu dem Gefühl des Nicht-Verstehens bei (aber irgendwie trotzdem im positiven Sinn). Ich habe mehrmals beim Lesen den Computer angemacht und nachgelesen, weil ich von so vielem noch nie gehört hatte, von Pauline Boty oder Christine Keeler, Figuren, die auftauchen und verschwinden und so perfekt verwoben sind mit dem, was Smith erfunden hat, dass man nicht mehr weiß, was wirklich geschehen ist und was nicht. Ich gebe es zu, am Ende habe ich sogar Daniel Gluck gegoogelt, weil so vieles, von dem ich dachte, es sei erfunden, eigentlich wirklich passiert ist. Ich habe beim Lesen stundenlang recherchiert – Wissenslücken, die für Briten vielleicht leichter füllbar sind. (Vielleicht aber auch nicht. Wer weiß.)

Mein Fazit:

Trotz allem und vor allem genau aus diesen Gründen, habe ich “Herbst” geliebt, von der ersten Seite weg. Es hat mich gepackt, gefesselt, mit reingezogen, obwohl ich gefühlt die Hälfte nicht zu hundert Prozent verstanden hab. Dafür konnte ich mich ganz auf das Gefühl des Lesens kozentrieren, das Gefühl, das ihre Worte ausgelöst haben, ihre Formulierungen. Ich habe mich beim Lesen sogar ertappt, weil ich eine unnatürliche Angst entwickelt habe, die Autorin könnte sterben, bevor sie alle vier Bände des Jahreszeitenquartetts vollendet hat (Ich meine, wer weiß, SchottInnen leben ja durchschnittlich nicht so lang!) – sie muss diese Bücher schreiben. Die Welt braucht ihre Geschichten! Ich brauche das! (Zum Glück ist “Winter” schon heraußen, “Frühling” erscheint im März, das heißt “Sommer” wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch rauskommen.)

Noch während des Lesens wusste ich, dass ich es wieder lesen werde, denn es ist eines dieser Bücher, die man immer und immer wieder zur Hand nehmen kann, auf die man sich immer wieder neu einlassen und in denen man immer wieder etwas Neues finden wird. Auch diesmal schon habe ich während des Lesens an manche Stellen zurückgeblättert und Passagen neu gelesen, weil man sich noch im Lesen weiterentwickelt, anders zu denken beginnt, und weil das Buch immer wieder auf sich selbst referiert, subtil, genau wie der Humor, der sich zwischen den Zeilen versteckt.

Mein Fazit also? Ein Buch, das jede Frau gelesen haben sollte und jeder Mann erst recht. Ein Buch, das nachhallt. Deshalb und weil ich sie liebe, vergebe ich an Ali Smith alle Sterne, die ich hab.

Du willst mehr von Marlen lesen? Hier gelangst du zu ihren Rezensionen.

Herbst

Ali Smith

Gegenwartsliteratur
Hardcover, 272 Seiten

erschienen bei Luchterhand

21. Oktober 2019

ISBN 978-3-630875781
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