Literarischer Rorschachtest – Grund

Literarischer Rorschachtest – Grund

Auf dem Grund des Brunnens liegt eine Leiche. Die Schwestern kommen, um beim Beseitigen zu helfen. Die Mutter hat absichtlich Demenz bekommen. Der Vater war ein böser Mensch und das ist der Grund – für alles. So einfach ist das. Vielleicht ist aber auch alles gelogen und eigentlich ganz anders.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. einen Ingwertee bestellt
  2. Eine Stunde lang im Buchclub über mögliche Lesarten diskutiert
  3. Crêpes gegessen

Mein Eindruck zu “Grund”:

Ich hatte so viel Gutes über diesen kurzen Roman von Sylvia Wage gehört, dass ich sicher war, meine Erwartungen wären zu hoch. So gut konnte er doch nicht sein, oder?

Nun ja – doch.

Mit diesem nur 170 Seiten langen Meisterwerk ist der Autorin ein Gänsehaut hervorrufender Kunstgriff gelungen. Das erzählende Ich ist so unzuverlässig, dass wir komplett auf uns alleine gestellt sind, um zu erraten, was tatsächlich passiert ist. Aus all den möglichen Lesarten müssen wir uns für die eine entscheiden, die uns am wahrscheinlichsten erscheint, die sich für uns am richtigsten anfühlt. Ständig fragen wir uns beim Lesen, was stimmt und was gelogen ist, dabei ist die eigentliche Frage eine ganz andere. Was wir glauben, dass passiert ist, sagt am Ende nämlich am meisten über uns selbst aus.

Stärken des Buchs:

Die Unzuverlässigkeit des erzählenden Ichs ist so konsequent durchgezogen, dass es unmöglich ist, einen Anhaltspunkt dafür zu finden, was nun tatsächlich passiert ist (im Rahmen der fiktiven Geschichte, versteht sich). Als Leser*in schlüpft man in eine zuhörende Rolle, die dadurch verstärkt wird, dass das Ich zwischendrin immer wieder mit seiner Therapeutin über die Geschehnisse spricht. Ihre möglichen Reaktionen auf die Erzählung der Geschehnisse antizipieren die Reaktionen der Lesenden. Was die Therapeutin dem Ich glaubt oder nicht glaubt, dient ebenfalls dazu, uns am Wahrheitsgehalt des Erzählten noch weiter zweifeln zu lassen – oder eben nicht. Was also anfangs wirkt wie eine Hilfestellung, das Gelesene einzuordnen, stellt sich im Laufe der Zeit nur als weitere Fährte heraus, von der wir nicht wissen, ob sie falsch ist. (Genau genommen wissen wir nicht einmal, ob die Therapeutin tatsächlich existiert.) Je tiefer in der Geschichte, desto mehr Abgründe tun sich auf, die es zu erkunden gilt.

“Grund” von Sylvia Wage, Foto: S. M. Gruber

Sprachlich besticht „Grund“ mit einer Nüchternheit, die den Zynismus und die Verbitterung des Ichs gekonnt akzentuiert. Je krasser die Themen, desto abgebrühter spricht das Ich darüber. Die (vielleicht nicht existierende) Therapeutin würde das vermutlich einen Schutzmechanismus nennen, denn an Traumata scheint es der gesamten Familie nicht zu mangeln. Diese Abgebrühtheit in Kombination mit einer trotzdem sensiblen, einfühlsamen Erzählweise sorgt dafür, dass man dem Ich eigentlich alles glauben möchte – selbst dann noch, wenn es einem schon sagt, dass etwas gelogen sei.

Das Schönste an dieser unzuverlässigen Erzählperspektive ist ja, dass alles erlaubt ist. Wenn alles eine Lüge sein kann, wird jede Ungereimtheit zu einem gewollten Detail, einem Hinweis für aufmerksam Lesende. Das ist jedoch nicht etwa aus Faulheit der Autorin so, denn auch die Ungereimtheiten sind in sich wieder schlüssig (ich schwöre, diese Aussage ergibt Sinn, wenn man das Buch gelesen hat). Je nachdem, welche Aussage man als Wahrheit annimmt, tun sich unterschiedliche Lesarten auf, für oder gegen die sich anhand ebendieser Details argumentieren lässt. Wie oft ich mir beim Lesen gedacht habe, „Ha! Jetzt weiß ich was die Lüge ist!“, nur um ein paar Zeilen später wieder meine Meinung zu ändern.

Schwächen des Buchs:

Bei den Schwächen dieses Buchs ist man schnell am Ende: Es gibt keine.

Okay, es gibt eine kleine. Das Ich ist genderlos geschrieben, was großartig ist. Allerdings gibt es zwei Sätze, bei denen eine männliche Form durchrutscht. Es könnte sich dabei zwar auch um ein generisches Maskulinum handeln, das gar kein echter Hinweis auf das Gender sein muss, doch in einem Buch, in dem ansonsten jedes Wort sitzt, habe ich den Anspruch, dass so etwas eigentlich nicht passieren sollte.

Auch das Cover gefällt mir nicht. Die Idee mit dem U ist ja ganz einfallsreich, aber farblich sieht es mir zu sehr nach Thriller aus. Hätte ich es nicht empfohlen bekommen, hätte ich es vermutlich nicht gelesen. Was sehr schade gewesen wäre.

Mein Fazit zu “Grund”:

Eine Geschichte, die so konsequent unzuverlässig erzählt wird, dass man niemals mit Sicherheit sagen könnte, was davon gelogen ist und was nicht. Es tun sich an jeder Ecke Leerstellen auf, die wir beim Lesen mit Bedeutung füllen, ohne es zu merken, und uns so unsere eigene Wahrheit zusammenreimen. Am Ende lehrt uns die Geschichte, die wir für „wahr“ halten, am meisten über uns selbst. Ein literarischer Rorschachtest, wenn man so will. Und eine absolute Leseempfehlung.

Du willst mehr von S. M. Gruber lesen? Hier gelangst du zu ihren Rezensionen.



Grund

Sylvia Wage

Gegenwartsliteratur Thriller
Hardcover, 176 Seiten

erschienen bei eichborn Verlag

27. August 2021

ISBN 978-3-847900931


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