Trauern über fiktive und echte Monster – Frankenstein [Rezension]

Trauern über fiktive und echte Monster – Frankenstein [Rezension]

Der wissbegierige Wissenschaftler Dr. Frankenstein baut ein Wesen aus Leichenteilen zusammen, das er zum Leben erweckt. Doch kaum erblickt er die Kreatur, verstößt er sie voll Ekel. Diese bleibt sich selbst überlassen und sucht die Liebe der Menschen, verbreitet aber nur Schrecken zu seinem Leidwesen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Gedacht: Wow!
  2. Mich gefreut, weil ich meinem Kind erzählen kann, dass ich in der Zeit seiner Geburt sowas Cooles wie Frankenstein gelesen hab
  3. Lange traurig über das Gelesene nachgedacht

Mein Eindruck zu Frankenstein:

Na ja, Frankenstein* spricht für sich. Wer kennt diese Geschichte nicht? Sofort denkt man an Grusel und Schauer, an ein Buch perfekt für die Geisterstunde. Falsch, denn auch wenn den Leser ab und zu der Horror packt (jawohl, Horror, keine einfache Furcht mehr), ist es eine Geschichte für das Herz und den Verstand. Leider werden viele es nicht lesen, weil man beim Buchtitel mehr an gruselige Unterhaltung denkt. Daran sind vielleicht auch die flachen Verfilmungen Schuld.

Stärken des Buchs:

Noch nie habe ich eine emotionale Weisheit erlebt wie  bei Frankenstein. Am meisten traf mich die brutale Wahrheit, wie ablehnend der Mensch ist, wenn er Furcht verspürt. Und oft grundlose Furcht. Doch wir Menschen ergründen dieses Gefühl nicht. Wir geben uns keinen Raum für Zweifel, denn wir folgen unserem Urinstinkt und was wir nicht kennen, fürchten wir. Das ist eine harte Gesellschaftskritik und nie habe ich eine Geschichte so eins zu eins auf die heutige Zeit legen können – auf jede Zeit! Frankensteins Monster wird durch die wiederholende Ablehnung wütend und schließlich genau das: ein Monster.

Da frage ich mich: Erschaffen wir Menschen uns nicht unsere eigenen Monster? Eine weitere philosophische Frage drängt sich auf und zwar die der Schuld. Natürlich hat Dr. Frankenstein diese Kreatur selbst geschaffen und sich anschließend nicht drum gekümmert. Aber kann man ihm den Horror und Ekel verübeln, den er verspürte? Er hat diese Gefühle nicht gewählt. Er hat Angst und nur deswegen drückt er sich vor seiner Verantwortung. Und seine Kreatur, die abscheuliche Taten verrichtet? Was ist mit ihrer Schuld? Sie ist einsam, fühlt sich zurückgewiesen und die wachsende Wut treibt ihn dazu. Beide, Frankenstein und sein Monster, haben zwischendurch Mitleid mit dem anderen und versuchen, sich zu bessern, stehen sich selbst mit ihren Ängsten jedoch im Weg. Es ist das stärkste und ehrlichste Buch, das ich kenne.

Frankenstein als E-Book, Foto: Magret Kindermann
Frankenstein als E-Book, Foto: Magret Kindermann

Schwächen des Buchs:

Frankenstein besteht aus Briefen und Erzählungen, was manchmal etwas unglaubwürdig ist. Denn zu Beginn schreibt ein Forscher seiner Schwester von einem Schiff aus von seiner Begegnung mit Dr. Frankenstein. Dieser erzählt von seiner Kreatur, was der Forscher wörtlich wiedergeben kann. In diesem Bericht gibt es wieder zahlreiche Briefe. Ich behaupte, es ist unmöglich, dass der Forscher all das so akkurat seiner Schwester schreiben konnte.

Dazu kommt plötzlich ein Haufen Personen dazu, für die der Leser Gefühle haben soll. Ich war zwischendurch verwirrt, wer das noch mal war. Das war zu viel verlangt und hätte von der Autorin Mary Shelley galanter gelöst werden können. Jedoch fühlte ich mit den Personen nach einer Eingewöhnungsphase trotzdem ordentlich mit.

Mein Fazit zu Frankenstein von Mary Shelley:

Mary Shelleys Frankenstein* ist eine wahre Überraschungstüte und ich finde, jeder, der gerne liest, sollte Frankenstein kennen. Teilweise erinnerte es mich an Moby Dick oder 20.000 Meilen unter dem Meer, es gibt also eine ordentliche Brise Meerwasser und Abenteuer dazu. Gönnt euch dieses Buch.

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Frankenstein

Mary Shelley

Horror Science Fiction
Softcover, 352 Seiten

erschienen bei Penguin Classics

01. Januar 1818
(Neuauflage 16. Januar 2018)

ISBN 978-0-143131847

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Magret liest nie, ohne dabei zu schimpfen. Am wenigsten mag sie wiedergekäute Ideen, leere Worthülsen oder Floskeln. Dafür steht sie auf Experimente, selbst wenn sie schiefgehen. Die Figuren sind ihr wichtiger als der Plot. Daher liest sie vor allem Entwicklungsromane, klassische und welche der Gegenwartsliteratur.

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