Die Sache mit dem Feminismus – Es kann nur eine geben

Die Sache mit dem Feminismus – Es kann nur eine geben

“Frauen sind [Wort einfügen]”. Ein Satz, den ich schon immer gehasst habe. Ich habe keinen Bock auf Sexismus. Auf eine Einteilung in zwei Geschlechter. Aber auch drei Geschlechter sind irgendwie doof. Ich bin schon immer eher dafür, Geschlechter einfach abzuschaffen. Denn Frauen und Männer sind irgendwie ja doch dasselbe. Und Genderfluide, Transsexuelle, Zwitter und alle Geschlechts-Nuancen dazwischen in ein und denselben Topf packen? Schwierig.

Menschen brauchen in einer perfekten Welt kein Label. Und irgendwie habe ich es offenbar über Jahre geschafft, in einer solchen perfekten Welt zu leben. Bis ich “Es kann nur eine geben” gelesen habe und Carolin Kebekus mich mit der Nase in die Scheiße gestubst hat.

In diesem Buch geht es darum, wie Frauen in unserer Gesellschaft gestellt sind, wie sie behandelt werden, wo sie negativ beeinflusst werden und wie sie selbst negativ beeinflussen. Das alles und was das mit uns anstellt, zeigt Carolin Kebekus in ihrer gewohnt humorvollen, aber zugleich bitter schmeckenden Art in “Es kann nur eine geben”.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die Schlümpfe recherchiert
  2. Twitter auf meinem Smartphone deinstalliert
  3. Diese Rezension begonnen

Mein Eindruck zu “Es kann nur eine geben”:

Mit “Es kann nur eine geben” halte ich eine Art Feminismus-Grundkurs in den Händen. Und ich wünschte, ich hätte dieses Buch früher schon gelesen. Denn meine Berührungspunkte mit dem Feminismus waren bisher eher unglücklicher Art. Als Person, die sich eine komplett antisexistische Welt ohne Geschlechter als identitätseinschränkende Labels wünscht, war mir der Feminismus immer suspekt. Ein bisschen zu viel Kirche für meinen Geschmack, aber das war und ist für die Autorin Lebensrealität – und die katholische Kirche und wie sie mit Frauen umgeht ist super interessant zu lesen. Und skurril.

Stärken des Buchs:

Es geht um die Rechte der Frau. Frau hier, Frau da. Frau, Frau, Frau. Als gäbe es nur Frauen und keine Transpersonen. Oder als gäbe es keine Situationen, in denen Männer in unserer Gesellschaft schlechter gestellt sind als Frauen. Noch dazu bin ich mit meinem sehr ausgewogenen Set an Meinungen bisher nur mit den Personen in Austausch gekommen, die Feminismus auf ein sehr extremes Level heben und total unkonstruktiv (und im Internet) kommunizieren. Doch mit diesem Buch habe ich eine üppige Mischung aus Beobachtungen vor allem über die Kindheit von Carolin Kebekus (und von mir selbst und meinem Aufwachsen) und wie Mädchen geprägt wurden, erhalten.

Ist mir vorher nie aufgefallen: Bei Tik, Trick und Track gab es irgendwann noch dieses eine Mädchen.

In Schlumpfhausen wohnen all die tollen Schlümpfe mit Talenten und Charaktereigenschaften. Jeder Schlumpf hat einen Namen, der auf der prägnantesten Charaktereigenschaft oder Fähigkeit basiert. Schlaubi, Fauli, Hefti. Und dann ist da Schlumpfine, deren einzige Charaktereigenschaft oder Fähigkeit das Weiblichsein ist.

Bei TKKG gibt es drei Jungs, jeder mit einer anderen Persönlichkeitsprägung. Und Gaby, das Mädchen.

Carolin Kebekus schreibt über die fehlende Identifikation für Mädchen in Kinderbüchern, -Hörspielen, -Filmen und -Serien. Und auch darüber, dass sie selbst mal bei einer gemischten Comedy-Show abgelehnt wurde, weil im Cast bereits eine Frau war. Es gibt oft nur einen Platz für die eine Frau – das macht Carolin Kebekus humorvoll und zugleich bitterernst deutlich. Was mir noch nie aufgefallen ist, krieg ich jetzt nicht mehr aus dem Kopf. Eine ganz starke Zusammenstellung dieser Tatsachen mit einigen ehrlichen und irgendwie vertrauten Anekdoten aus dem eigenen Leben. Sehr gelungen!

Aber es geht in diesem Buch nicht nur darum, wie Frauen in Geschichten dargestellt werden und wie Frauen in gewissen Branchen behandelt werden oder um Gender-Pay-Gap, Gender-Data-Gap und Gender-Pension-Gap (Kurz: Frauen verdienen weniger Geld, vor allem wegen einer höheren Teilzeit-Quote, der bevorzugten Branche und der Tatsache, dass Männer wohl eher Männer befördern, Frauen haben ein deutlich höheres Risiko, unter Altersarmut zu leiden, und Medikamente werden für Männer hergestellt und Frauen sind der medizinische “Sonderfall”). Es geht auch darum, dass Frauen untereinander gerne mal richtig scheiße sein können. Um Bodyshaming, um Pick-Me-Girls, um Kriege unter Müttern, um das ganze “Rumgebitche” – und dabei zeigt die Autorin gleichermaßen auf, wie furchtbar das von den involvierten Frauen ist, und woher das wohl kommt. Was Medien, Eltern-Generation, Gesellschaft, Gesetze, Männerbünde und Frauenhass für weibliche Charaktere “erzeugen” und wie unkollegial die Damenwelt dann auch mal sein kann.

Das war jetzt viel Input zum Inhalt, aber das ist auch gewollt. Denn der Inhalt ist super stark, super reichhaltig. Das Buch ist kein Dauer-Gemecker und auch kein “Ich erklär dir Dummchen jetzt mal was”. Es ist ein “Komm, wir regen uns mal zusammen auf”, das sowohl anstachelnd und mit dem Finger in der Wunde daherkommt, aber zugleich auch den Ball flach hält. An keiner Stelle habe ich das Gefühl, dass die Autorin Carolin Kebekus unüberlegte Worte schreibt, übertreibt oder die “Gegenseite”, die Männer, verteufelt. Zudem heißt das zwölfte und letzte Kapitel “Lösungen”, und das ist doch mal was, oder?

Eine Stärke noch zum Schluss dieses Abschnitts: Carolin Kebekus ist vollkommen offen und ehrlich und erzählt auch von ihren eigenen Fehlern und früheren Ansichten. Das finde ich stark und ich darf gestehen, dass mich genau dieser Aspekt überhaupt dazu bewegt hat, diese Rezension zu schreiben. Bisher dachte ich, man dürfe auf keinen Fall irgendetwas zum Thema Frauen oder Feminismus ins Internet stellen, wenn man nicht eine der beiden extremen Seiten einnimmt, ohne dann virtuell verdroschen zu werden.

Schwächen des Buchs:

Eigentlich kann ich keine Schwäche an diesem Buch finden. Keine Schwäche am Buch selbst, sondern “so insgesamt” ist, dass dieses Buch von Männern gelesen werden sollte, es aber für Frauen gemacht ist. Klar, Frauen dürfen, können und sollen “Es kann nur eine geben” unbedingt lesen, vor allem, wenn sie sich noch nie damit befasst haben, an welchen Stellen Frauen in der Gesellschaft richtig bescheiden behandelt werden, aber die Message gehört vor allem in die Ohren der Erzeuger. Aber niemals wird sich jemand von der katholischen Kirche (der etwas zu sagen und zu beeinflussen hat) dieses Buch durchlesen. Und die Produzenten massentauglicher Kindergeschichten egal in welchem Format auch nicht. Auch der Mann in Führungsposition, der seinen Nachfolger bestimmt, wird dieses Buch nicht lesen. Entweder ist er gescheit und befördert nach Qualifikation und Soft Skills, oder er ist ein Idiot und befördert irgendeinen Typen, der ihm sympathisch ist. Das ist schade und verbleibt mit einem bitteren Beigeschmack. Aber so funktioniert unsere Gesellschaft. Diejenigen, die das Richtige sagen, werden von den Falschen gehört.

Dennoch muss ich in meiner Bewertung einen Stern abziehen. Einfach, weil Carolin Kebekus viel zu oft die Männer als “die Männer” behandelt: Eine Gruppe. Eingeschworen. Verschworen? Aber alle gleich. Irgendwie. Es kann nicht richtig sein, sich für eine Gruppe stark zu machen, indem man die andere Gruppe pauschalisiert und ihnen zum Teil mit den eigenen Gedanken und Worten Gleiches antut. Sexismus funktioniert in beide Richtungen. Der Sexismus gegen Männer hält sich in Grenzen, ist aber stellenweise vorhanden.

Mein Fazit zu “Es kann nur eine geben”:

Carolin Kebekus hat mein Weltbild auf den Kopf gestellt. Ich habe über so vieles so wenig (oder: so gar nie nicht) nachgedacht, dass ich beim Lesen von “Es kann nur eine geben” gleich mehrere Mindfucks hatte. Ein hervorragendes Buch. An einigen Stellen ist es mir zu “unüberlegt feministisch”, also manchmal driftet das Ganze schon in sexistische Sphären ab, aber das ist die einzige Schwäche.

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“Es kann nur eine geben”

Carolin Kebekus

Sachbuch
Softcover, 352 Seiten

erschienen bei KiWi-Paperback

07. Oktober 2021

ISBN 978-3-462001747


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One Reply to “Die Sache mit dem Feminismus – Es kann nur eine geben”

  1. Vielen Dank für deine Besprechung, auch und gerade weil sie auch kritisch ist. Ich selbst bin hin und hergerissen, ob es bei 350 Seiten nicht ‹nur› eine Aneinanderreihung von Anekdoten würde, die zwar launig zu lesen ist, aber eben wenig ‹Substanz› hat v.a. Im Vergleich zu Büchern wie ‹Unsichtbare Dinge› oder ‹Das Patriarchat der Dinge› die schon aufgrund ihres recherchierten Unterbaus einen Mehrwert haben. Kannst du das eventuell etwas einordnen, so du die genannten oder ähnliche Titel auch gelesen hast? Hab vielen Dank.

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