Sich wütend und allein fühlen – Einer von uns [Rezension]

Sich wütend und allein fühlen – Einer von uns [Rezension]

Ein fesselnder, erschütternder Roman über zwei junge Brüder und ihren übergriffigen Vater – Daniel Magariels Buch ist das verblüffende Debüt eines neuen, großen Talents. Die drei – ein zwölfjähriger Junge, sein älterer Bruder und ihr Vater – haben den „Krieg“ gewonnen: So nennt der Vater seine bittere Scheidung und den Kampf ums Sorgerecht. Sie verlassen Kansas und fahren nach Albuquerque, um noch einmal neu zu beginnen.

Die Jungen gehen zur Schule, spielen Basketball, finden Freunde. Ihr Vater arbeitet von Zuhause aus. Bald aber wachsen sich kleine Fehltritte des Vaters zu einer finsteren Irritation aus, müssen die Jungen erkennen, dass sich ihr Vater verändert, unberechenbar wird, mitunter brutal. Vor der kargerhabenen Kulisse der Landschaft New Mexicos erzählt Magariel mit bestechender Klarheit, wie die Jungen verzweifelt versuchen, die Familie zusammenzuhalten, sich gegenseitig schützen und helfen, und schließlich ums eigene Überleben kämpfen. „Einer von uns“ ist eine kurze Geschichte mit gewaltiger emotionaler Wucht.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mich gefragt, ob das Buch biografische Züge hat
  2. Meiner Mama am Telefon gesagt, dass sie eine gute Mutter war
  3. In der Sonne gelegen

Mein Eindruck zu Einer von uns:

Das Buch, das Buch, das Buch. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so schwer ist. Es ist dünn, die Sprache ist leicht, der Erzähler ist ein 12-Jähriger. Klingt luftig, ist es aber nicht. Es ist beeindruckend. Der Vater spielt die beiden Brüder gegen den Rest der Welt und vor allem gegeneinander aus. Er nutzt seine unfassbare Intelligenz lieber dafür (und für drogenreiche Nächte), als die Familie und die Wohnung zusammenzuhalten. Das Buch ist unheimlich gut.

Stärken des Buchs:

Die Geschichte wirkt, als wäre es echt. Beim Lesen schon war ich so fasziniert davon, wie realistisch das verwirrte Seelenleben eines Heranwachsenden dargestellt wird. Wie er immer seinen Bruder beobachtet, um sich zu irritieren. Oder seine Mutter und seinen Vater liebt und gleichzeitig hasst. Wie er sich beeinflussen lässt und dann auch wieder nicht. Ich habe selten ein Buch gelesen, das so stark die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt. Es liest sich wie Tatsachen.

Die Sprache hatte ich ja schon erwähnt. Sie ist nicht nur locker und flockig, ich habe auch viele Lieblingsausdrücke gefunden. Ich fühlte bei jeder Zeile hundertprozentig mit. Die Dialoge, von denen es viele gibt, sind ein weiteres Meisterwerk des Autors. Sie sind witzig, und doch zeigen sie die Hässlichkeit des Menschen.

Ich denke, der gefühlte Realismus kommt auch daher, dass der Autor niemals dramatisiert. Es gibt keine Stellen, an denen man sich einbildet, Filmmusik zu hören, schnelle Schnitte zu sehen und Effekthascherei gibt es auch nicht. Das Buch ist nüchtern, aber vertuscht trotzdem nicht. Oder gerade deswegen? Das Ende ist – ohne zu viel zu verraten – perfekt.

Schwächen des Buchs:

Puh. Also ich fand keine. Ich schaute sogar extra in den Amazon-Reviews der englischen Ausgabe, um was von den anderen zu klauen. (Die deutsche Version hatte durchweg fünf Sterne, die englische immer maximal vier, eher weniger.) Dort wurde vor allem bemängelt, dass es um ein depressiv machendes Thema geht. Jo. Also wer nur über Blümchen lesen will, sollte dieses Buch nicht anfassen. (Das ist nur eine Möchtegern-Schwäche.)

Mein Fazit:

Einer von uns* ist ein fantastisches Buch, das mir in Erinnerung bleiben wird. Das Buch hätte ich mir im Buchladen nie ausgesucht – ich hab es gewonnen – aber ich bin froh, dass es seinen Weg zu mir gefunden hat.

Wenn dir diese Rezension von Magret gefallen hat, findest du hier einen Überblick über alle Bücher, die sie im Buchensemble rezensiert hat!

 

Einer  von uns

Daniel Magariel

Gegenwartsliteratur
Hardcover, 172 Seiten

erschienen bei C. H. Beck

19. September 2017

ISBN 978-3-406711831
19.95 € bei Amazon*

 

Magret liest nie, ohne dabei zu schimpfen. Am wenigsten mag sie wiedergekäute Ideen, leere Worthülsen oder Floskeln. Dafür steht sie auf Experimente, selbst wenn sie schiefgehen. Die Figuren sind ihr wichtiger als der Plot. Daher liest sie vor allem Entwicklungsromane, klassische und welche der Gegenwartsliteratur.

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