Ehrensache – Der Meister des Jüngsten Tages

Ehrensache – Der Meister des Jüngsten Tages

Rittmeister Freiherr von Yosch schreibt seine Erinnerungen an einige Tage im Jahre 1909 nieder. Eine Reihe mysteriöser Selbstmorde, die keine zu sein scheinen, treten auf. Von Yosch wird angeklagt, bei einem Besuch in dessen Haus den Suizid eines Schauspielers verursacht zu haben, doch sind andere ebenfalls Anwesende nicht überzeugt und beginnen ihre Ermittelungen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Zu Mittag gegessen.
  2. Eine Folge „Barbaren“ geschaut (Warum eigentlich?)
  3. Ein neues Buch aufgeschlagen.

Worte vorweg

Schwieriger Fall – pun intended. Ich lese üblicherweise keine Krimis und wusste nicht, dass ich einen lesen würde, als ich „Der Meister des Jüngsten Tages“ aufgeschlagen habe. Auf meinem Blog habe ich mal „Der schwedische Reiter“ von Leo Perutz rezensiert und hatte Entsprechendes erwartet. Dann wiederum könnte ich Glück gehabt haben, denn auf das Lob hin, dass „Der Meister des Jüngsten Tages“ einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kriminalromane sei, sagte Perutz selbst, er habe niemals einen Kriminalroman geschrieben. Nun? Nun.

Mein Eindruck zu „Der Meister des Jüngsten Tages”:

„Der Meister des Jüngsten Tages“ ist ein spannendes Leseerlebnis und (soweit ich das sagen kann) wirkt in weiten Strecken wie ein klassischer Krimi. Gleichzeitig wird im „Vorwort statt eines Nachworts“, das bereits zum Buchtext gehört, mehr als eine Bemerkung gemacht, die auf eine fantastische Geschichte hindeutet. Die „Schlussbemerkungen des Herausgebers“ wiederum, ebenfalls Teil des Buchtexts, deuten die gesamte Geschichte um. Wir haben wieder ein Dilemma: Ich möchte das Ende verraten und darf es nicht. Es bleibt also zum allgemeinen Eindruck nur noch Folgendes zu sagen: „Der Meister des Jüngsten Tages“ liest sich wie ein spannender Krimi mit Mystery-Elementen, doch gibt weit mehr als das her, wenn man sich nachher die Zeit nimmt und länger darüber nachdenkt.

Stärken des Buchs:

Während des Lesens von „Der Meister des Jüngsten Tages“ und auch in Pausen habe ich gerätselt, wer oder was hinter der Selbstmordreihe stecken könnte. Bis zur Auflösung bin ich nicht darauf gekommen. Das ist gut, denke ich.

Wie heißt das noch gleich, wenn man am Ende eines Kapitels unbedingt das nächste aufschlagen will, um zu erfahren, wie es weitergeht? Das.

„Der Meister des Jüngsten Tages“ hat mich durch interessante Gefühle geführt im Bezug auf das Buch selbst. Ich war gefesselt, zwischendurch irritiert, aber meistens gefesselt, ein wenig enttäuscht und schließlich wie vor den Kopf geschlagen, dass alle, aber auch ausnahmslos alle irritierenden Elemente am Ende Sinn ergaben. Aber da muss man zunächst einmal hinkommen.

Schwächen des Buchs:

Die irritierenden Elemente, zu denen der unsympathische Protagonist und Ich-Erzähler Rittmeister Freiherr von Yosch zählt sowie dessen Ankläger Felix, muss man, wie gesagt, zunächst einmal ertragen. Zwar spürt man, dass das alles Sinn hat und auf etwas anspielt und dass das alles so sein muss, aber man weiß nicht, worin dieser Sinn liegt und was das alles genau soll, bis man jede einzelne Seite gelesen hat.

„Der Meister des Jüngsten Tages“ wurde 1923 veröffentlicht und spielt noch einmal einige Jahre früher. Manche Geflogenheiten, besonders das Ehrengesetz, das den Offizier von Yosch dermaßen an sein Ehrenwort bindet, dass er für einen Bruch dieses Wortes in den Tod zu gehen hätte, um Schande und Ausgrenzung zu entkommen, sind schwer nachzuvollziehen. Ich habe eine ganze Weile gerne Bücher aus der Zeit von ca. 1840-1910 gelesen, kannte das also, aber Leser*innen, denen das nie begegnet ist, dürften schwer verblüfft sein davon.

Der Roman ist in drei Teile aufgeteilt: Vorwort, Hauptteil, Schlussbemerkungen. Sofern man nur auf die Story achtet, nur auf den Hauptteil, der sich wie eine Sherlock Holmes-Geschichte liest, wird man zwar gut unterhalten, aber von der Auflösung möglicherweise enttäuscht sein. Erst in Kombination und mit etwas Denkarbeit im Anschluss an die Lektüre entfaltet sich das komplette Bild. Das ist interessant, aber auch nicht ganz unanstrengend, wie ich finde. Nun, vielleicht hatte ich auch bloß eine derart meister*innenhafte Auflösung des Plots wie in „Der schwedische Reiter“ erwartet.

Mein Fazit zu Der Meister des Jüngsten Tages:

„Der Meister des Jüngsten Tages“ kann man gut lesen, muss man aber auch nicht. Perutz hat das Romanschreiben von grundauf verändert mit seiner Arbeit, dennoch muss man in diesem Fall nicht unbedingt den ersten Schritt dieser Veränderungen lesen, sondern kann getrost die Früchte der Entwicklung genießen. Ich bin nicht begeistert, aber bereue die Lektüre auch nicht.

Du willst mehr von Matthias lesen? Hier gelangst du zu seinen Rezensionen.

Der Meister des Jüngsten Tages

Leo Perutz

Krimi Mystery
Softcover, 208 Seiten

erschienen bei dtv

1923

ISBN 978-3-423131124

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