Ist das Mord oder kann das weg? – Der Frauenmörder [Rezension]

Ist das Mord oder kann das weg? – Der Frauenmörder [Rezension]

Der Frauenmörder: Der Polizist Krause wird auf einen Fall angesetzt, der die Medien erschüttert. Fünf Frauen sind verschwunden. Jede von ihnen hatte sich ein Zimmer gemietet, hatte keine Angehörigen, etwas Vermögen und war drauf und dran einen mysteriösen Blonden mit Kneifer zu heiraten. Keine von ihnen kam von einem Ausflug zurück und die Mieterinnen zeigten die Fälle bei der Polizei an. Leichen wurden allerdings nicht gefunden.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Autor Hugo Bettauer gegoogelt
  2. Über Moral in der Kunst nachgedacht
  3. Meinen Respekt den Klassikern gezollt

Mein Eindruck zu Der Frauenmörder

Der Frauenmörder* klingt nach Jack the Ripper, nach grausamen Taten und einem richtig „schön“ blutigen Krimi. Ich hätte das Buch nie, nie, nie gelesen, wenn es von heute wäre. Aber es ist fast Hundert Jahre alt (1922 zum ersten Mal erschienen) und da war Fitzek noch nicht so der Trend. Der erste Eindruck kann also gar nicht stimmen, oder? Und ich hatte ja keine Ahnung, wie sehr ich recht behalten sollte …

Stärken des Buchs

Recht schnell erkennt man, dass es sich nicht um einen üblichen Krimi handelt. Der Ermittler Krause heißt eigentlich gar nicht Krause, denn er hat seinen alten Namen abgelegt, unter dem er selbst drei Jahre lang im Gefängnis war. Zu unrecht und als er entlassen wurde, setzte er alles daran, seinen Fall aufzudecken und fand heraus, dass er hereingelegt wurde. Das imponierte seinem zukünftigen Chef und er wurde eingestellt. So weit so gut, doch sein Fall wird bald sehr kurios. Der Verhaftete verkündet, er würde schweigen und die anderen seien in der Schuld, ihm die Taten nachzuweisen. Die Polizei und das Gericht der 20er sehen das natürlich anders. Der mutmaßliche Täter ist dazu Schriftsteller, den vorher niemand lesen wollte. Doch nun stürzt sich ganz Deutschland auf seinen Roman und er wird berühmt. Und ein Plot-Twist jagt den nächsten!

Die Geschichte spielt in Berlin vor fast Hundert Jahren und das bringt seinen Charme mit. Alles bleibt im Kopf des Lesers verblichen, es wird in Innenräumen geraucht und es gibt herrliche Wörter wie „Mordbube“ und „heiratstoll“. Dazu berlinern viele Figuren, was einfach bezaubernd asozial klingt!

Neben all dem Schauspiel gibt es dazu noch Tiefgang, denn schnell hinterfragt sich der Leser selbst: Was darf eigentlich Kunst? Oder auch: Ist das schon Kunst? Ist Mord Kunst?

Der Frauenmörder, Foto: Magret Kindermann
Der Frauenmörder, Foto: Magret Kindermann

Schwächen des Buchs

Der Frauenmörder* fängt lahm an und die ersten Seiten war ich gelangweilt. Erst als ich verstand, dass da noch was Geiles kommt, war ich angefixt. Dazu hatte ich Probleme mit der Sprache, die zwar alt ist, aber eben dementsprechend auch echt gerne mal außerhalb der Regeln tanzt. Dazu halten die Figuren unheimlich gerne Monologe und erklären ständig den Fall, dazu werden Adjektive aber auch gerne in der Reihe aufgeführt. Einmal war die Formulierung so abstrus, dass ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen soll: „Fräulein Lieblein war Feuer und Flamme, ballte die Fäuste und schoß Wut aus den kurzsichtigen Augen.“ Die teilweise affige Sprache versperrt den Leser vor den Emotionen wie Mitgefühl. Zum Glück ist das Buch aber keine Hundert Seiten lang (bei mir im E-Reader 93 Seiten, bei Amazon 97 Seiten), dafür kann man sich mal konzentrieren und darüber lachen.

Mein Fazit zu der Frauenmörder

Ein schönes, vergessenes Büchlein ist Der Frauenmörder, das den Vibe der vergangenen Zeiten in Deutschland aufleben lässt. Wer Klassiker mag, sollte hier nicht Nein sagen und gerade das Ende hat mich begeistert. Übrigens lohnt es sich ebenfalls, mehr über das Leben von Hugo Bettauer zu lesen, vor allem über seinen Tod. Das war nämlich eine ganz eigene tragische Krimi-Geschichte.

Willst du mehr Rezensionen zu alten Büchern lesen? Magret Kindermann hat da einiges auf Lager!

Der Frauenmörder

Hugo Bettauer

Krimi Krimi
Softcover, 64 Seiten

erschienen bei LiWi (Neuauflage März 2019)

Original: 1922

ISBN 978-3-842488557

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Magret liest nie, ohne dabei zu schimpfen. Am wenigsten mag sie wiedergekäute Ideen, leere Worthülsen oder Floskeln. Dafür steht sie auf Experimente, selbst wenn sie schiefgehen. Die Figuren sind ihr wichtiger als der Plot. Daher liest sie vor allem Entwicklungsromane, klassische und welche der Gegenwartsliteratur.

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