Spione, Intrigen und die große Liebe – Das verdeckte Gesicht

Spione, Intrigen und die große Liebe – Das verdeckte Gesicht

1944. Der deutsche Offizier Karl Voss erträgt es nicht länger, für das nationalsozialistische Deutschland zu kämpfen und wechselt die Seiten. Gleichzeitig lässt sich die junge Mathematikerin Andrea Aspinall vom Britischen Geheimdienst rekrutieren. Beide landen im Lissabon der 40er-Jahre, wo alle Informanten und Spione Europas zum Tee zusammen sitzen. Um den Ausgang des Krieges nach seinem Gutdünken zu beeinflussen, spielt hier jeder sein eigenes Spiel. Andrea und Karl verlieben sich, doch zwischen Krieg und Intrigen hat ihre Liebe keine Chance und schon bald müssen sie sich entscheiden, was ihnen wichtiger ist. Ihr persönliches Glück oder die Zukunft eines ganzen Kontinents.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Von Berlin nach Hause fliegen, ohne eine weitere Lektüre mitgenommen zu haben (da hätte kein zweites Buch in meine Handtasche gepasst).
  2. Mich fragen, wie ich knapp 570 Seiten in so kurzer Zeit gelesen habe.
  3. Nocheinmal über die Zusammenhänge und Verstrickungen nachdenken, die das Buch zusammenhalten

Mein Eindruck zu Das verdeckte Gesicht:

Zu aller erst: Wenn ihr Das verdeckte Gesicht lesen wollt, lest bloß nicht den Klappentext. Er spoilert die ersten 500 Seiten (das Buch hat aber nur knapp 570). Aber woher sollt ihr dann wissen, was euch erwartet? Das kann ich euch sagen. Euch erwartet ein historischer Spionage-Agenten-Liebesroman, der von 1944 bis zum Fall der Berliner Mauer reicht (Achtung: es ist entgegen des Klappentextes auch kein Thriller). Packend und gut recherchiert, ein bisschen romantisch, aber auf eine absolut unkitschige Weise. Trotzdem gibt es auch einige Schwächen…

Stärken des Buchs:

Beginnen wir zuerst mit den Stärken. Das Buch ist zwar ein heftiger Wälzer mit seinen fast 600 Seiten, trotzdem ist es spannend aufgebaut. Man taucht direkt in das historische Ambiente ein und lernt die beiden Protagonisten kennen. Was dann folgt, ist eine gut recherchierte Geschichte, fast schon ein Epos, der sich über mehrere Jahrzehnte zieht, jedoch vorwiegend in den 40-ern in Portugal spielt. Die Schauplätze, Figuren und Handlungen sind gut nachzuvollziehen, sehr bilhaft und auch ein bisschen lehrreich.

Über die Rolle Portugals im Zweiten Weltkrieg wusste ich bis dato sehr wenig (also faktisch nichts) und es war sehr interessant, den Krieg einmal aus dieser völlig abgelegenen Perspektive zu erleben, die den üblichen 2. WK-Büchern so entgegensteht. In einem Land, wo alle Feinde Ausländer sind und irgendwie zusammenarbeiten müssen… sehr spannend, wirklich. Und ganz anders als der übliche Kram. Genauso wie die Liebesgeschichte übrigens: wer hier 08/15-Kitsch sucht, sucht vergebens. Für echte Hardcore-Romantiker mag die Romantik sogar ein bisschen zu kurz kommen oder nicht intensiv genug wirken, aber für ein Buch, das eigentlich als Thriller gedacht war, ist es genau richtig.

Schwächen des Buchs:

Tja. Jetzt hab ichs gesagt. Ein Buch, das eigentlich als Thriller gedacht war. Also nicht, dass ich Herrn Wilson unterstelle, dass er einen waschechten Thriller schreiben wollte und kläglich daran gescheitert ist. Aber was der Verlag sich dabei gedacht hat … und auch bei diesem Klappentext, der absolut alles aus den ersten 500 Seiten spoilert, inklusive aller Noooo!-Momente … ich weiß ja nicht. Also das ist doch schlechtes Marketing. Wer einen (Spionage-)Thriller erwartet, der in der DDR spielt (wie das Buch behauptet) wird absolut und hemmungslos enttäuscht sein. Dieses Buch ist ein Spionageroman, der mit echter Spionage wenig am Hut hat, weil die Protagonisten selbst nicht so recht wissen, was sie tun. Hier wird nicht (ok, selten) geschossen, die Geheimnisse, die aufgedeckt werden, gehen sofort an höhere Stelle und auch sonst sind wir von modernen Spionage-Helden meilenweit entfernt.

Das verdeckte Gesicht. Foto: M. D. Grand

Mein Fazit:

Trotzdem, oder gerade deshalb, ist “Das verdeckte Gesicht” ein sehr gutes Buch. Es bietet ehrliche Charaktere mit Unzulänglichkeiten, eine große Liebe, die immer realistisch bleibt, und historische Gegebenheiten, die sich von der Masse abheben. Egal ob historisch interessiert, auf der Suche nach realistischer Romantik oder einfach nur nach einer Lektüre mit anhaltender Spannung sucht, wird hier fündig. Ein bisschen lahm war maximal das Ende, aber andererseits, war das so undramatisch, dass es irgendwie wieder realistisch war (nach dem österreichischen Motto: Oft geht bled!/ = Oft geht es blöd her) und damit irgendwie wieder cool.

Insgesamt vergebe ich deshalb 4 von 5 Sternen für einen durchaus lesenswerten Wälzer, der die Spannung bis (fast) ganz zum Schluss halten konnte und mich begeistert hat, obwohl ich das Genre normalerweise meide.
PS: NOCHMAL DIE ERINNERUNG: JA NICHT DEN KLAPPENTEXT LESEN!

Du magst M.D. Grand’s Stil? Hier findest du alle ihre Rezensionen auf einen Blick!

Das verdeckte Gesicht

Robert Wilson

Thriller historischer Roman [/ms_label]
Softcover, 567 Seiten

erschienen bei Goldmann

01.01.2003

ISBN 978-3442452194


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