Anspruchsvoller Buchstabenwald – Mein Lieblingstier heißt Winter

Anspruchsvoller Buchstabenwald – Mein Lieblingstier heißt Winter

Der Protagonist Doktor Schauer möchte sich selbst in seiner Tiefkühltruhe erfrieren. Nach seinem Tod soll seine Leiche durch einen Lieferanten für Tiefkühlprodukte weggeschafft werden. Als der Lieferant, Franz Schlicht, diese Vereinbarung wahr machen möchte, ist der tote Körper verschwunden. Er macht sich auf die Suche nach Doktor Schauer – in einer grotesken Geschichte voller schwarzem Humor und abenteuerlicher Aufregung.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mir vorgenommen, diese Rezension zu verfassen
  2. Diese Rezension verschoben.
  3. Wieder aufgeschoben.
  4. Wieder aufgeschoben.
  5. Diese Rezension verfasst

Mein Eindruck zu Mein Lieblingstier heißt Winter:

“Mein Lieblingstier heißt Winter” war zum Deutschen Buchpreis 2021 nominiert. Weil ich mit dem Buchensemble in diesem Jahr Buchpreisbloggerin bin, habe ich das Buch gelesen – ich bekam es zugelost und habe mich sehr auf diese Überraschung gefreut. Doch ich muss gestehen, dass ich ein wenig enttäuscht bin. Das Buch ist unfassbar anstrengend zu lesen und wirkt nur so aufgeplustert von hochgestochen. Kurzum: Der Schreibstil ist eine Katastrophe. Das Buch selbst nicht schlecht, die Handlung aber dann doch irgendwie … ja, zu viel für mich.

Stärken des Buchs:

Stark ist die Idee der Geschichte. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Idee zustande kam und bin mir sicher, dass die Story an sich in einem anderen Schreibstil (und vielleicht mit einem anderen Buchtitel, womöglich auch mit einem anderen Buchcover) ein wirklich erfolgreiches, beliebtes Buch hätte werden können. Die Figuren sind unterhaltsam und funktionieren – das ist aber auch das Einzige, was ich zu ihnen zu sagen habe.

Gelungen fand ich diesen niederschwelligen Humor. Ein gewisser Witz war im Offensichtlichen dabei, ein paar Klischees, mit denen der Autor spielt. Das Buch ist als “Satire” kategorisiert und ich glaube, das passt schon. Das war nett. Auch die Geschichte selbst war wirklich … nett. Aber ich fürchte, es war einfach nicht mein Buch. Keines, das ich mir selbst gekauft hätte.

Schwächen des Buchs:

Selbstverständlich ist meine Rezension und somit auch meine Kritik höchst individuell. Der eine oder andere wird Schmalz’ Sprachstil als Sprachkunst betrachten. Die andere wird jeden Satz im Kopf vortragen und sich auf der Zunge zergehen lassen wie Poesie. Ich habe schlichtweg anderes erwartet und bin anderes gewöhnt. Mein Lektor hätte in diesem Buch jeden einzelnen Satz rot markiert – “Umschreiben!”.

Zum Verständnis möchte ich meine Kritik an Ferdinand Schmalz’ Schreibstil mit einem Zitat aus dem Buch “Mein Lieblingstier heißt Winter” beginnen.

“Und wartet drum geduldig jezt, bis Schlicht schön langsam wieder aufgetaut, bis er ihr von der Krankheit ihres Vaters dann erzählt, von seinem Krebs, von dem sie nichts gewusst, aber geahnt habe sie es schon. Dass er ihrem Vater, um einen kleinen Zuverdienst, geholfen habe, nur wobei genau, die Freilichtbeisetzung, das lässt der Schlicht, lässt er doch lieber erst mal aus.”

Seite 32, Mein Lieblingstier heißt Winter

Ineinander verschachtelte, gestelzte und hochgestochene Sätze befähigen ein Buch offenbar, für einen Buchpreis nominiert zu werden, da hoch gebildete Personen sich mit Büchern wie diesen brüsten. Das ist doch Literatur, und wer so etwas nicht gern liest oder gar zu anstrengend findet, ist Teil des Proletariats, ein kleiner Wurm oder so. Mal ehrlich? Genau so kommt es mir beim Lesen vor. Als würde Schmalz sich mit diesem Schreibstil von der Belletristik abheben und eine Geschichte zu “wahrer Literatur” erheben wollen. Das ist so schade!

Wem dient das? Welche Funktion hat dieser Schreibstil? Gibt es Menschen, die das als bevorzugte und spannende Lektüre in ihrer Freizeit lesen möchten? Ich weiß es nicht.

Sprachliche Komplexität ist toll, wenn man sie richtig einsetzt. Meines Erachtens hat Schmalz sie definitiv nicht gekonnt eingesetzt. Weniger ist mehr. Wer diese “Sprachkunst” mag, kommt womöglich voll auf seine oder ihre Kosten.

Mein Fazit:

Ein Buch im Konjunktiv? Invertierter Satzbau? Massentaugliche Unterhaltungsliteratur? Drei Mal “Nein”. Für mich eine eher enttäuschende Erfahrung, für Liebhabende dieser Sprachkunst vielleicht ein schönes Buch.

Übrigens kann ich mich an keine Frau erinnern. Doch, eine gab es da, aber sie war nur ein blasser Schatten am Rande. Es geht um Franz, Harald, Norbert – insgesamt ein Buch, das vor 60 Jahren einen Platz neben Günther Grass in der Literatur gehabt hätte. Aber es wurde nicht vor 60 Jahren, sondern 2021 veröffentlicht. Vielleicht auch gut so – sonst wäre es eine der typisch verhassten Schullektüren der Sek II.

Wie sagt man? Zeitgenössisch.

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Mein Lieblingstier heiß Winter

Ferdinand Schmalz

Satire Gegenwartsliteratur
Hardcover, 192 Seiten

erschienen bei S. FIscher

21. Juli 2021

ISBN 978-3-103974003


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