Es hätten fünf Sterne sein können – Zusammen ist man weniger allein

Es hätten fünf Sterne sein können – Zusammen ist man weniger allein

Philibert, von verarmtem Adel, ist zwar ein historisches Genie, doch wenn er mit Menschen spricht, gerät er ins Stottern. Camille, magersüchtig und künstlerisch begabt, verdient sich ihren Lebensunterhalt in einer Putzkolonne, und Franck schuftet als Koch in einem Feinschmeckerlokal. Er liebt Frauen, Motorräder und seine Großmutter Paulette, die keine Lust aufs Altersheim hat. Vier grundverschiedene Menschen in einer verrückten Wohngemeinschaft in Paris, die sich lieben, streiten, bis die Fetzen fliegen, und versuchen, irgendwie zurecht zu kommen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mich geärgert, da ich mich auf das Buch gefreut hatte
  2. Mir meine Buch-Wunschliste kritisch angeschaut und einige Titel gestrichen, um den Frust etwas zu erleichtern
  3. Trotzdem einer Freundin erzählt, dass ich mehr Bücher wie dieses lesen will, weil e so gut war

Mein Eindruck „Zusammen ist man weniger allein“:

Vor Ewigkeiten hab ich mal den Film gesehen, den ich toll fand, so „echt“ und die Figuren wurden nicht dramatisiert. Das Buch stand ewig auf meiner Wunschliste und nun hab ich es endlich gelesen. Was soll ich sagen? „Zusammen ist man weniger allein“ war toll, genau wie ich es mir vorgestellt habe. Bis auf zwei Sachen, über die ich nicht hinwegkomme.

Stärken des Buchs:

Camille ist die Hauptperson, denn sie ist die Neue in der Wohngemeinschaft. Sie hat Magersucht, kommt mit ihrer Familie nicht klar und kriegt auch sonst wenig hin. Es ist, wie es ist und sie wird damit nicht als Loserin dargestellt. Vielmehr ist es ein Buch, das begreift, dass es um die innere Leere geht, die gefüllt werden muss, und keine Studienabschlüsse oder Berufserfolge oder eben, dass sie nur mal wieder was essen muss. Camilles Magersucht wird nicht heruntergespielt, aber eben als das behandelt, was es ist: ein Symptom. Auch die anderen Figuren haben so ihre Probleme, alle werden respektvoll behandelt.

Im Buch gibt es eine Liebesgeschichte, die in meinen Augen das ist, wovon sich die ganzen Romance-Bücher eine Scheibe abschneiden können. Es geht um echte Menschen, es geht nicht nur um die Liebe, diese entwickelt sich langsam und die Figuren machen auch kein überdramatisches Ding draus. Dadurch ist es eine herrlich leichte Geschichte trotz der harten Themen.

Auch sprachlich weiß die Autorin, was sie tut. Endlich mal kein Buch, dass vor plumpen Beschreibungen und Floskeln nur so strotzt.

Foto: Magret Kindermann

Schwächen des Buchs:

Jetzt kommen wir zu den Problemen, die ich mit „Zusammen ist man weniger allein“ hatte. Erstens war es zwischen Camille und Franck ein Insider-Joke, sich anzudrohen, sich gegenseitig zu vergewaltigen. Ja, sie nutzten wirklich dieses Wort. Hätten sie sowas gesagt wie: „Irgendwann falle ich dich einfach an und schlafe mit dir“ – okay! Aber „vergewaltigen“? Leute, eine Vergewaltigung ist nicht romantisch, nicht mal im Scherz.

Auch die zweite Sache ist nur ein Detail, aber sie hat mich extrem irritiert. Die Figuren erleben mit, wie zwei Schweine geschlachtet werden. Camille finde es schlimm, wie das erste Schwein schreit und schreit und noch viel schlimmer findet sie, wie das zweite alles mitanhören muss und dann schon viel früher anfängt zu schreien, weil es schon weiß, dass nun dasselbe mit ihm passiert. Doch anstatt Kritik zu üben, lenkt sich Camille einfach mit zeichnen ab (sie zeichnet die Schlachtung) und alle essen dann das Fleisch und sind wieder fröhlich. Bitte was? Ich finde erstens, wer Fleisch isst, sollte auch die Tötung ertragen, denn sie gehört dazu. Unabhängig davon, dass diese Art der Tötung grausam war und es auch anders geht. So oder so hätte Camille anders reagieren müssen. Zudem hatte die Szene überhaupt keinen Sinn im Buch. Man hätte sie und die Sprüche über die Vergewaltigung getrost weglassen können.

Mein Fazit zu “Zusammen ist man weniger allein”:

Das Buch hätte von mir fünf Sterne bekommen, ich hätte es sicher noch einige Male im Leben gelesen, wenn ich ein zartes, lebensnahes, nicht verkitschtes Buch möchte. Doch mit diesen zwei Details bleibe ich ratlos zurück, denn ich wünschte, ich hätte das nie lesen müssen.

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Zusammen ist man weniger allein

Gavalda, Anna

Gegenwartsliteratur
Softcover, 550 Seiten

erschienen bei Fischer

01. Oktober 2006

ISBN 978-3-596173037


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