Trost, Humor und Hilfe – Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben [Rezension]

Trost, Humor und Hilfe – Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben [Rezension]

In “Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben” geht es um ein Monster namens Depression.

Im Buch beschreibt der Autor Matt Haig die Krankheit nicht als Monster, aber für mich habe ich sie so definiert. Sie macht den Kopf schwer, nimmt den Menschen völlig ein, lähmt die Gedanken und drängt die eigenen, depressiven Gedanken in den Kopf des Erkrankten. Dieses Buch klärt Lesende über diese psychische Erkrankung auf und zeigt Matt Haigs Weg aus der Depression. Dabei erwartet uns kein “So kommst du raus”-Weg, sondern ein liebevolles Umarmen, ein An-die-Hand-nehmen und Tür-aufhalten. Es geht um Dinge, die Menschen mit Depressionen helfen, Dinge, die nicht hilfreich sind, all die dämlichen Sachen, die Menschen unseres Umfeldes sagen, schlimme Geschichten und gute Ideen.

Mein Disclaimer vorab

Ich habe Matt Haigs Buch gelesen, als ich selbst mitten in der Depression steckte. Inzwischen, wir haben zum Zeitpunkt dieser Rezension 2019, bin ich seit fast eineinhalb Jahren frei von diesem Monster, das mich seit über zehn Jahren in der Gewalt hatte.

Ich gehe davon aus, dass jede*r, der oder die diese Rezension liest, weiß, was eine Depression ist: Eine Erkrankung, genauso ernstzunehmen wie eine Herzmuskelentzündung. Betroffene fühlen sich nicht “nur traurig” und müssen nicht “positiv denken”. Die Depression verdrängt Libido, Lebensfreude, soziale Fähigkeiten und schlussendlich alle Emotionen. Ich habe mich leer gefühlt, hatte keinen Antrieb und konnte zum Teil nicht einmal einen Brief zur Post bringen, weil ich Panikattacken hatte, wenn ich das Haus verlassen wollte.

Matt Haig beschreibt in “Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben” auch eine Depression, die sich mit Angstzuständen paar, im Vergleich zu meinem damaligen Zustand aber auch Suizidalität mitbringt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Zur Bahnhaltestelle gegangen
  2. gemerkt, dass das Leben gar nicht so schlimm ist
  3. Eine Liste “Dinge, die mir helfen” in der Bahn geschrieben

Mein Eindruck zu Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben:

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben* ist eine Sammlung. Keine Geschichte, die man von A nach B liest und auch kein richtungsweisender Ratgeber. Es sind Matt Haigs persönliche Erfahrungen, Ideen und Gedanken, aufgeteilt in Listen, Geschichten, Anekdoten und sachlichen Texten. Ein herrliches Konvolut schöner Texte, das ich heute noch mehr wertschätzen kann als damals.

Gründe, am Leben zu bleiben:

Die größte Stärke dieses Buchs sind definitiv die Gründe, am Leben zu bleiben. Sie finden sich auf den Seiten 138 – 141. Hier ein paar davon zum Nachvollziehen:

“3. Du hasst dich. Das liegt daran, dass du sensibel bist. So gut wie jeder Mensch würde Gründe finden, sich zu hassen, wenn er so viel darüber nachdenken würde wie du. Wir Menschen sind alle ziemliche Arschlöcher, aber wir sind auch absolut wunderbar.

6. Die Psyche hat ihr eigenes Wettersystem. Du steckst gerade mitten in einem Hurrikan. Jedem Hurrikan geht irgendwann die Energie aus. Halte durch.

10. Eines Tages wirst du Glück erleben, das genauso groß ich wie der Schmerz jetzt. […]”, Seite 138-140

Alle Gründe, die Matt Haig nennt, sind bodenständig. Mit einer Depression will niemand hören, dass es “bergauf” geht, die Depression “schon irgendwie vergeht” oder dass es “eine Sache der Einstellung” ist. Die Gründe sollen nicht überzeugen, dass wir unser Leben lieben. Sie verkaufen uns keine träumerisch-optimistische Version unseres zukünftigen Lebens und enthalten kein einziges Motto der Persönlichkeitsentwicklung. Es geht wirklich nur darum, am Leben zu bleiben. Überleben. So, mit Herzschlag und Atmung und allem drum und dran.

Weitere Stärken des Buchs:

Insgesamt fühlt sich dieses Buch an wie eine sanfte Umarmung, die sich nicht aufdrängt. Die Geschichten erzählt der Autor in leichtem Ton, die Inhalte und Emotionen sind schwer und hart. Unterbrochen werden diese autobiografischen Abschnitte von Listen.

“Selbstmord-Fakten
– Selbstmord gehört zu den häufigsten Todesurschen bei Männern unter 35. […]”, Seite 69

“Fakten zu Depression
– Jeder fünfte Mensch erlebt einmal im Leben eine depressive Episode. (Der Anteil der Menschen mit psychischen Erkrankungen insgesamt ist natürlich viel höher.) […]”, Seite 69

Stark finde ich außerdem die Fakten, die im Buch immer wieder vorkommen. Sie zeigen dem Betroffenen, der dieses Buch liest, dass die Depression ernstzunehmen ist, dass es fachkundige Menschen gibt, die bescheid wisen, aber auch, an welchen Stellen die eigene Depression besorgniserregend ist. Gleichzeitig gaben mir die Fakten beim Lesen das Gefühl, mit der Depression gewisserweise “normal” zu sein.

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben, Foto: Kia Kahawa
Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben, Foto: Kia Kahawa

Schwächen des Buchs:

Mir fällt wirklich keine Schwäche dieses Buches ein, die ich ernsthaft ankreiden möchte. Womöglich kann ich sagen, dass dieses Buch mit seinen 18,90 € als Hardcover nicht zu 100% zur Zielgruppe passt. Wer depressiv ist, am Boden ist, nicht zur Arbeit geht, es vielleicht nicht einmal mehr schafft, sich Hilfe, Termine beim Arzt, Arbeitslosengeld oder den Weg unter die Dusche zu organisieren, hat womöglich keine 18,90 € mehr übrig. Ein zusätzliches Softcover wäre klasse!

Wobei ich rückblickend sagen würde, dass Depressive in diesem Stadium bereits in stationäre Therapie gehören. Ich habe es ohne stationäre Therapie geschafft, aber mein Leidensweg war lang und hart. Teilweise von mir selbst härter gemacht, als er hätte sein müssen (“Ich kann mir keinen Klinik-Aufenthalt leisten!”).

Eine Sammlung von Hilfestellen, Telefonnummern für den Notfall, Vereinen sowie einer kleinen Checkliste mit Fragebogen, ab wann der Leser oder die Leserin definitiv in Therapie gehört, wäre meiner Meinung nach Pflicht für dieses Buch gewesen. Dieses Buch ersetzt natürlich keine Therapie: Aber können wir sicher wissen, dass die Verzweifelten, Kaputten, Ausgelaugten und emotional Leeren nicht ihre Hoffnung an ein Buch heften und womöglich nicht das finden, was sie im Buch zu suchen vermochten? Sicherheit geht vor, daher möchte ich die fehlenden Triggerwarnugnen und Hilfestellungen ankreiden.

Mein Fazit zu Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben:

“Depression ist auch…Kleiner als du. Sie ist immer kleiner als du, auch wenn sie dir riesig vorkommt. Sie ist in dir, du bist nicht in ihr. Vielleicht ist sie eine dunkle Wolke, die über den Himmel zieht, aber wenn das die Metapher ist, bist du der Himmel.
Du warst vor ihr da. Die Wolke kann nicht ohne den Himmel existieren, aber der Himmel kann ohne die Wolke existieren.”
, Seite 212

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben* macht Mut. Wir sollten aufhören, über Depressive zu sprechen, sondern anfangen, wie auch bei Behinderungen, die Mensch-zuerst-Ausdrucksweise einzuführen. Mit Depressionen bist du zwar völlig von der Erkrankung eingenommen, aber es sind immer noch Menschen mit Depressionen. Der Mensch ist da. Auch, wenn er sich nicht spürt.

Ein Buch, das vor allem diejenigen lesen sollten, die noch nicht viel über echte Depressionen wissen, Angehörige mit Depressionen haben oder solche, die bereits in Therapie und einer gewissen Sicherheit sind.

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Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

Matt Haig

Sachbuch Biografisch
Softcover, 304 Seiten

erschienen bei dtv

18. März 2016

ISBN 978-3-423280716

Jetzt für 18,90 € kaufen
 

Kia über Kurzgeschichten

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Beim Buchensemble gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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