Wunderbare Ungereimtheiten – Rückkehr der Schiffe

Wunderbare Ungereimtheiten – Rückkehr der Schiffe

»Lieber ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft
am Herzen vorbei.
Nicht das Wort.«

(Hilde Domin: Unaufhaltsam)

Ein Buch nicht so scharf wie eine Klinge, nein, schlimmer, so scharf wie ein Buch, so scharf wie Worte.

„Rückkehr der Schiffe“ von Hilde Domin ist ein Gedichtband. Lyrik wird weder beim Buchensemble noch sonst häufig besprochen. Das finde ich schade. Daher soll diese Rezension auch eine der weniger beliebten Literaturformen für einen Moment ins Rampenlicht rücken. Außerdem ist Hilde Domin als deutsche Autorin, Lyrikerin und Theoretikerin immer ein guter Tipp im Rahmen von Aktionen wie #Frauenlesen. Ich selbst habe da viel nachzuholen und mit Sicherheit ein paar andere auch.

Lese ich Lyrik oder denke über diese nach, tendiere ich dazu, etwas theatralisch zu werden. Sollten also einige Formulierungen übertrieben wirken, wisst ihr Bescheid. Eine letzte Anmerkung, bevor es richtig losgeht: Meine Ausgabe des Buches ist gebraucht gekauft und nicht mehr die neueste. Der Verlag Fischer verkauft derzeit eine Ausgabe, die gut 30 Seiten mehr hat als meine. Zu dem, was noch zusätzlich ins Buch gekommen ist, kann ich nichts sagen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Meine Ausgabe der Frankfurter Poetik-Vorlesung „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit“ von Hilde Domin herausgekramt und sämtliche Markierungen gelesen.
  2. Mich gefragt, wie man Lyrik rezensiert.
  3. (auf gut Glück) Lyrik rezensiert.

Mein Eindruck zu “Rückkehr der Schiffe”:

1962 war ein besserer Jahrgang für Lyrik als 2020. Nicht, dass es uns heute an Themen, Autor*innen oder guten Texte mangelte. Es ist bloß die Leserschaft abhanden gekommen. Sollten jetzt die üblichen „also ich lese gerne Gedichte“-Kommentare kommen, rettet das leider nicht den fast aussichtslosen Stand von Lyrikbänden auf dem deutschen Buchmarkt. Daher hatte es mich verblüfft, als ich beim Aufschlagen meiner Ausgabe von „Rückkehr der Schiffe“ im Impressum „Siebente Auflage, 12. bis 13. Tausend“ gelesen hatte. Das Buch hat seine Auflagen allesamt verdient.

Einen knappen ersten Eindruck von einem Lyrikband zu vermitteln, ist nicht einfach. Daher fahre ich direkt mit dem nächsten Punkt fort.

Stärken des Buchs:

Hilde Domin setzt mit den Worten „Presse dich eng | an den Boden.“ an und endet „Rückkehr der Schiffe“ mit „Es tagt | heute | zum zweiten Mal.“ Die Autorin endet das Buch mit Trost, tatsächlich sogar mit drei Texten unter der Überschrift „Lieder zur Ermutigung“. Trotz aller Traurigkeit, die den Lyrikband so schön macht, beendet Domin ihr Werk also mit Hoffnung, einem Griff unter die Arme der Leser*innen. Das finde ich gut so. Das ist mir selbst nie gelungen.

Gefühle, nicht gefühlsduselig

Traditionell wäre ein Werk wie dieses als „zärtlich“ bezeichnet worden. Im Artikel „Weibliche Empfindsamkeit vs. männliches Genie – Die Fiktion zärtlicher Autorinnenschaft“ von Antje Schmidt auf 54Books verdeutlicht, warum ich mich diesem Klischee nicht hingeben werde. Natürlich schreibt Hilde Domin mit und über Gefühl, schreibt über Liebe, verlorene Liebe, Traurigkeit, Tod, Trauer. Doch sie zeigt weit mehr als die vermeintliche Gefühlsduselei, mit der angebliche „Frauenliteratur“ von der Anhöhe gehobener, anspruchsvoller Literatur (von Männern) ferngehalten wird. Das Talent für Sprache, Wortwahl, Rhythmus und Rhythmusunterbrechung, das Gespür für Anspruch und Alltag, immer da, wo es angebracht ist, kann man der Autorin unmöglich absprechen. Sie spielt ganz oben mit und hat ihren Platz verdient.

Freiheit

Hilde Domin ist bekannt für ihre nicht gereimten Gedichte. Das ist höchstens subjektiv eine Stärke oder eine Schwäche. Ich selbst bin nicht immer ein Freund von Reimen, weil sie streng und manchmal angestrengt wirken. Zu oft wurden gute Texte durch einen gezwungenen Reim verschlechtert. Man könnte meinen, damit hätte sie ein Problem weniger und machte es sich einfacher, aber ungereimte Gedichte funktionieren nach einem anderen Prinzip. In „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit“ sagt Domin: „Diejenigen unter uns, die nicht mit dem Reim arbeiten, arbeiten ja mit der Atemführung: in sehr hohem Maße also mit den Vokabeln.“ Und das gelingt.

Nicht das Zeug aus der Schule

Im Schulunterricht waren Gedichte einfach und luden nur selten zum Träumen ein. Sie waren codiert. Hatte man das Wissen zur Entschlüsselung, kannte die Bedeutung einiger Metaphern (beispielsweise der blauen Blume), wusste, welche Themen in der behandelten Epoche gängig waren, konnte man die Gedichte auseinandernehmen und verstehen. Es fühlte sich Handwerk an, oder? Man schraubt den Text auseinander und sortiert die Einzelteile.

Modernere Lyrik hat keine standardisierten Lösungen. Sie ist persönlicher in ihren Bildern und Vokabeln, aber auch in ihren Themen. Das hat zur Folge, dass man die Texte zwar noch analysieren kann, aber oft nicht mehr ohne über die Verfasser*in Bescheid zu wissen. Es hat außerdem zur Folge, dass diese Gedichte zum Träumen einladen und zur völlig freien Interpretation. Man kann und darf die Texte auf sich selbst beziehen und etwas verstehen, was vielleicht niemals intendiert gewesen ist. Man kann selber mitdichten. Hilde Domin schafft es, dass ich, auch wenn mir Auslöser und Umstände eines Gedichts unbekannt sind, es genießen, auf mich beziehen und verstehen kann. Domins Lyrik berührt. Sie ist persönlich gehalten für Autorin und Leser*in.

Meine Lieblingsgedichte im Buch (Reihenfolge nicht hierarchisch):

  • Winter
  • Unaufhaltsam
  • Indischer Falter
  • Warnung
  • Morgens und abends
  • Behütet
  • Nur Zeugen
  • Mit leichtem Gepäck
  • Fremder
  • Rückkehr der Schiffe

Schwächen des Buchs:

Es ist zu dünn.

Die Zeit macht selbst Stärken zu Schwächen, wenn man Zusammenhänge zum Zeitgeschehen nicht mehr herstellen kann, und Literatur entsteht und besteht immer im Zeitfluss. Manche Metaphern und Bezüge misslingen bei mir (und möglicherweise anderen Leser*innen) aufgrund eingeschränkter Kenntnis der weltpolitischen sowie gesellschaftlichen Lage zur Zeit der Niederschrift von „Rückkehr der Schiffe“. Damit meine ich damals aktuelle Diskussionen, nicht die allgemeinen Umstände, die man ja halbwegs im Kopf hat. Doch dieser Kritikpunkt muss nicht einmal korrekt sein. Vielleicht suche ich die Bedeutungen bloß an falscher Stelle. Man kann nicht alles verstehen. Gerade in der Lyrik sollte man das akzeptieren können.

Einen Stern ziehe ich ab, weil mich nicht jedes einzelne Gedicht gepackt hat. Das halte ich allerdings für normal. Perfektion kann man nicht erwarten und Lyrik ist oftmals ein Spiel. Nicht jeder Saitenanschlag kann mit allen Leser*innen harmonieren. Doch schlechte Gedichte habe ich im Buch nicht gefunden.

Mein Fazit zu “Rückkehr der Schiffe”:

„Das hat die Kunst mit der Liebe gemeinsam: beide verändern unser Zeitgefühl.“ (Hilde Domin: Frankfurter Poetik-Vorlesung)

Wer Lyrik mag, das Zeitgefühl verlieren möchte und keine Angst vor den Gefühlen hat, die gute Gedichte mit sich bringen können, sollte „Rückkehr der Schiffe“ lesen.

Du willst mehr von Matthias lesen? Hier gelangst du zu seinen Rezensionen.



Rückkehr der Schiffe

Hilde Domin

Lyrik
Softcover, 80 Seiten

erschienen bei Fischer

01. Oktober 1994

ISBN 978-3-59612208

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