Gar nicht gut gealtert – Wer die Nachtigall stört

Gar nicht gut gealtert – Wer die Nachtigall stört

„Wer die Nachtigall stört“ ist die Geschichte von Jean Louise aka Scout, einem jungen Mädchen, das in den 1930er Jahren in einer kleinen Stadt in Alabama aufwächst. Es hat seinen eigenen Kopf, will keine Kleider tragen, lieber mit den Jungs spielen oder Bücher lesen statt eine Lady zu werden. Ihr Vater Atticus ist Anwalt, der einen afroamerikanischen Mann vor Gericht vertritt, der fälschlicherweise eines Verbrechens beschuldigt wird. Das findet wiederum ein Teil der Stadtbewohner – gelinde gesagt – nicht gut. Außerdem gibt es noch so allerlei andere unkonventionelle Charaktere, die Scouts Kindheit zu einem besonderen Erlebnis machen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Aus der Badewanne gestiegen
  2. Eine Diskussion mit dem Freund begonnen, der mir das Buch empfohlen hatte, weil ich es nicht gut finden konnte
  3. Kritik am Buch gegoogelt

Mein Eindruck zu „Wer die Nachtigall stört“:

 „Wer die Nachtigall stört“ ist ein gut gemeintes Buch, das gegen Diskriminierung ankämpfen will. Es ist kein Wunder, dass es bei so vielenSchüler*innen unterschiedlicher Generationen solche Begeisterung auslöste. Es strotzt nur so vor Lebensweisheiten, die das Potential haben, ein junges Leben nachhaltig zu prägen. Etwa, dass man sich erst in andere hineinversetzen sollte, bevor man sich ein Urteil über sie bildet. Dass wahrer Mut nichts mit Waffen zu tun hat. Oder dass man Entscheidungen nach seinem eigenen besten Gewissen treffen sollte und nicht danach, was andere über einen denken.

Zitat: “Before I can live with other folks I’ve got to live with myself. The one thing that doesn’t abide by majority rule is a person’s conscience.“

Ein amerikanischer Klassiker, gerne gelesen in Schulen und ganz oben auf der Liste der Bücher, die unsere (weißen) englischsprachigen Bücherwurm-Freund*innen erstmals fürs Lesen begeistert haben. Dem deutschsprachigen Bücherwurm von Welt ist „Wer die Nachtigall stört“ natürlich ein Begriff, aber im Unterricht gelesen haben es die wenigsten. Und soll ich euch etwas sagen? Das ist gut so. Denn es ist ein Klassiker, der alles andere als gut gealtert ist.

Stärken des Buchs:

Aus stilistischer Sicht ist „Wer die Nachtigall stört“ wirklich fabelhaft geschrieben. (Achtung: Wie gut die deutsche Übersetzung das rüberbringt, weiß ich nicht, da ich das Buch nur im amerikanischen Original gelesen habe.) Harper Lee, die selbst in einer ähnlichen Kleinstadt aufgewachsen ist wie ihre Figur Scout, zeichnet ein gestochen scharfes Bild dieser kleingeistigen Gesellschaft. Und das, obwohl wir „nur“ die Perspektive eines kleinen Mädchens gezeigt bekommen.

Lee verleiht den unterschiedlichsten Charakteren Tiefgang – vom schrägen Spielgefährten Dill über die afroamerikanische Haushälterin und Mutterfigur Calpurnia bis hin zum gruseligen wie gutherzigen Eremiten Boo Radley. Fast alle Figuren sind etwas absonderlich und fallen aus der Norm, worüber sich unsere Protagonistin Scout mit kindlicher Logik so ihre Gedanken macht. Das fällt dann meist erfrischend direkt aus, wofür sie nicht selten zurechtgewiesen wird – nicht immer gerechtfertigt.

Es ist ein schöner Kunstgriff, wie Scout ihre naive und teils von anderen beeinflusste Weltsicht zu ihrem Vater bringt, der diese wiederum als moralische Instanz in einen vernünftigen, gerechten Rahmen rückt. Dadurch werden festgefahrene soziale Muster auf das Wesentliche heruntergebrochen und mit sehr leicht verständlicher Argumentation entkräftet. Dass auch auf Atticus‘ moralischen Kompass nicht in allen Gebieten Verlass ist, sei vorerst dahingestellt.

Wer die Nachtigall stört / To Kill a Mockingbird. Foto: S. M. Gruber
Wer die Nachtigall stört / To Kill a Mockingbird. Foto: S. M. Gruber

Schwächen des Buchs

Die offensichtliche Kritik

Würde man das Buch aus heutiger Sicht bewerten, könnte es in dieser Form nicht bestehen – und zwar nicht (nur) wegen des N-Worts. Klar, eine so unreflektierte Verwendung des N-Worts ist mittlerweile keine Option mehr und das ist richtig so. Aber auch damals war das Wort nicht weniger diskriminierend, nur weil es üblich war, es zu verwenden, das darf man nicht vergessen!

Mimesis heißt es allerdings, wenn ein literarischer Text Gegebenheiten möglichst realitätsgetreu wiedergeben will. Dass das Wort im Buch vorkommt, wenn es auch in der Lebensrealität der Figuren einen festen Platz einnimmt, ist also nicht das Problem. Aufmerksame Leser*innen werden außerdem merken, dass vor allem jene Figuren das N-Wort benutzen, die sich auch sonst stark diskriminierend verhalten. Dass die junge Scout, aus dessen Sicht die Geschichte geschrieben ist, das so nicht explizit reflektieren kann, ist ebenfalls nicht das Problem, hier ist die Interpretationskunst der Leser*innen gefragt. Problematisch ist aus meiner Sicht (und man bedenke bitte, dass das die Sicht einer Weißen ist, die nicht selbst betroffen ist), wenn diese Sprachverwendung mit jungen Leser*innen im Unterricht nicht reflektiert wird.

Die Darstellung der afroamerikanischen Figuren &whitesaviorism

Wie die afroamerikanischen Figuren dargestellt werden, ist insgesamt einfach inakzeptabel. Die Haushälterin Calpurnia ist eindeutig eine hochintelligente und anpassungsfähige Frau. Und doch wird es so dargestellt, als wäre es keine Absicht gewesen, dass sie Scout noch vor deren Schuleintritt das Schreiben beibrachte, sondern hirnlose Beschäftigungstherapie. Die gesamte afroamerikanische Gemeinde, die Atticus als whitesaviorfeiert, weil er einen ihrer jungen Männer vor Gericht verteidigt. Besagter Angeklagter, der weder fähig ist, aus eigenem Antrieb heraus zu handeln, noch als besonders intelligent dargestellt wird (dafür aber als hilfsbereit und gutgläubig).

Übrigens wird Atticus dem Fall als Strafverteidiger zugewiesen, der dem Angeklagten rechtlich zusteht. Erleichtert erkennt Scout irgendwann, dass ihr Vater gar keine Wahl hat, als ihn zu vertreten. Aber Hauptsache, Atticus ist der Held schlechthin, weil er seinen Job richtig machen und vor Gericht die Wahrheit herausfinden will. Achtung,Spoiler: Der Angeklagte wird trotzdem nicht freigesprochen und wird beim Fluchtversuch aus dem Gefängnis getötet, weil er nicht versteht, dass das Urteil noch nicht endgültig war. Wo wir wieder beim Punkt „problematische Darstellung der afroamerikanischen Figuren“ wären.

Auch außergewöhnliche Mädchen sollen im Endeffekt nur Damen werden

Achso, und Atticus (wir erinnern uns: moralische Instanz!) ist zu allem Überfluss noch der Meinung, dass Frauen in Rechtsberufen nichts verloren haben, weil man sonst vor Gericht nichtsvoranbrächte, da sie zu viel schnattern würden. Es kümmert ihn außerdem nicht wirklich, dass die Intelligenz seiner Tochter außergewöhnlich ist und gefördert werden müsste. Statt sie weiterhin der Obhut Calpurnias zu überlassen, die ihr Talent erkannt und befeuert hat, holt er seine engstirnige Schwester ins Haus, um aus Scout eine Dame zu machen, die adrett Tee servieren kann.

Fazit zu “Wer die Nachtigall stört”:

Wie bewertet man ein Buch, das den Pulitzerpreis gewonnen hat und trotzdem nicht mehr zeitgemäß ist? Objektiv? Subjektiv? Am besten anhand dessen, was es sein will: Ein gesellschaftskritisches Jugendbuch, das ein Umdenken anstößt und sich gegen Diskriminierung einsetzt. Wir rechnen:

Einen Stern Abzug für den (unbeabsichtigten) Rassismus.

Einen Stern Abzug für den (unbeabsichtigten) Sexismus.

Zwei Sterne für die Kunst, die Erwachsenenwelt aus Sicht der kleinen Scout so zu erzählen, dass man einerseits die pointierte Gesellschaftskritik heraushört und andererseits der kindlichen Logik folgen kann.

Einen Stern für den Spannungsaufbau.

Einen Stern für die Anstrengung, sich gegen Diskriminierung jeglicher Art einzusetzen.

Einen halben Stern Bonus dafür, dass es zu seiner Zeit eh recht fortschrittlich war, und eine Bewertung nicht völlig aus dem historischen Kontext herausgehoben werden kann.

Du willst mehr von S. M. Gruber lesen? Hier gelangst du auf ihre Rezensentinnenseite.

Wer die Nachtigall stört

Harper Lee

Gegenwartsliteratur
Softcover, 448 Seiten

erschienen bei Rowohlt Taschenbuch

22. Juni 2016

ISBN 978-3-499217548


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