Da vergeht es einem – Vergangenes noch heute

Da vergeht es einem – Vergangenes noch heute

Erster Versuch: Ein Typ wirft einer Frau vor, dass sie an allem Schuld sei, und erzählt einer anderen namenlosen Frau von noch mehr namenlosen Frauen. Außerdem igendwas mit Parallelwelten und Zeitreisen.

Zweiter Versuch: „Vergangenes noch heute“ erzählt rückblickend, aufgeteilt auf mehrere Parts, die Geschichte von Donis und seinen Jugend-Liebschaften, sowie in einem anderen Erzählstrang die Lösung eines Rätsels, das die Zeit selbst stellt.

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Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mit den Schultern gezuckt. Meh.
  2. Mich gefragt, ob ich meine Einstellung, mich verpflichtet zu fühlen, Rezensionsexemplare auch wirklich und vollständig zu lesen, nicht besser überdenken sollte.
  3. Abendessen.

Mein Eindruck zu „Vergangenes noch heute“:

Nur weil man Begriffe wie „Zeit“ oder „Parallelwelt“ benutzt, wird ein „Roman“ noch nicht „philosophisch“. Einige Schlüsselbegriffe in der Buchbeschreibung des Autors hatten mich angelockt: Philosophie, Zeit, Sehnsucht. Abgedrehte Ideen stoßen bei mir zunächst einmal auf fruchtbaren Boden. Leider konnte der Kurzroman „Vergangenes noch heute“ den Versprechungen der Kurzbeschreibung nicht standhalten.

Stärken des Buchs:

Kurze Kapitel empfinde ich immer als einladend. Man kann häufig stoppen, durchatmen, das Buch in die Ecke werfen. 181 Buchseiten sind gerade noch kurz genug, um sich durchzuackern.

Grundsätzlich mag ich die Idee, einen Roman auf mehreren scheinbar getrennten Erzählungen fußen zu lassen, die am Ende zusammenführen und dann Sinn ergeben.

Das Cover ist wirklich hübsch. Es scheint so gut wie gar nichts mit dem Inhalt von „Vergangenes noch heute“ zu tun zu haben, aber hübsch ist es.

Schwächen des Buchs:

Wie sage ich das am besten? „Vergangenes noch heute“ hätte mehrere Überarbeitungsrunden, ein ausführliches Lektorat und ein noch ausführlicheres Korrektorat gebraucht. Starten wir also mit Formalitäten.

Es finden sich auf fast allen Seiten Zeichensetzungsfehler (Punkt statt Komma oder umgekehrt, überflüssige oder schlicht falsch gesetzte Gedankenstriche, Fehler beim Setzen von Ausrufungszeichen, Fragezeichen etc.) sowie Grammatikfehler. Die Sprache des Buches kann man, will man sehr gütig sein, als unpräzise bezeichnen. „Entgegnen“ statt „begegnen“, „Dachboden“ statt oberster Etage und ähnliche Fehlgriffe tauchen sehr häufig auf. Mein Lieblingsklopper ist: „Gifhorner schlichen und quetschten sich durch die Spalten anderer schleichender Gifhorner“. Gifhorn ist übrigens die Stadt, in der die Geschichte spielt, und es beschlich mich häufig das Gefühl, dass man diese Stadt gut kennen sollte, damit das Buch besser funktioniert. Obendrauf kommen Flüchtigkeitsfehler, die jede freie Rechtschreibkorrektur hätte finden und anstreichen müssen, wie beispielsweise „Sonnenlichtlicht“. Falsches Tempus zu nutzen, ist in einem Roman, der von der Zeit erzählt, schon irgendwie ironisch. Haben die ständig wechselnden Entscheidungen, was die Textformatierung angeht, etwas mit den Parallelwelten zu tun? Die übermäßig (und fast immer falsch) verwendeten Auslassungspunkte wirken im Zusammenhang mit allen anderen Fehlern, als hätte da jemand keine Lust mehr gehabt, die restlichen Arbeitsschritte zu tun.

Wie nennt man das noch gleich, wenn man ständig sagen muss „mir ist klar, dass sie sich ihre Hände in ihren Schoß legt und nicht in den Schoß des Nachbarn“? Das. Immer wieder. Dann gibt es aus irgendwelchen Gründen ständig (falsche oder seltsame) Substantivierungen, wenn z.B. eine Figur die Arme hebt „wie eine Wehrende“. Fremdwörter scheinen auch Schwierigkeiten bereitet zu haben, weil sie oft falsch verwendet werden. Generell gilt, dass man zwar meistens verstehen kann, was der Autor meinte, aber sicher kann man sich auch wieder nicht sein. (An einer Stelle glaube ich, dass die „Symbiose“ eigentlich eine „Sinfonie“ sein sollte, aber wer weiß.)

Der Buchsatz ergibt keinen Sinn. Wirklich nicht. Word erstellt mit zwei Mausklicks einen besseren Buchsatz.

Kommen wir zu dem Zeug, das „Vergangenes noch heute“ inhaltlich die Qualität nimmt. Den größten Teil des Buches bildet der Part „Donis‘ Brief – Sein Leben und seine Auswirkungen“. Mal davon abgesehen, dass sich dieser Brief zu 95 % nicht wie ein Brief liest, besteht er nur aus dem Gejammer eines verheirateten Typen (ich schätze ihn auf 30), der von Teenager-Liebschaften erzählt, die er durchnummeriert, weil die Erinnerungen ja, ach, so hart sind und die Benutzung von Namen alles schwieriger machen würden. 1. Macht diese Idee das Lesen nicht einfacher. (Wer war noch gleich „Nummer 1“? Dass das ein Problem ist, muss der Autor selbst gemerkt haben, weil er vor das Kapitel eine Personenliste wie in einem Drama aufgeführt hat.) 2. Echt jetzt?

Alles, was die Damen tun, tun sie nur für ihn oder wegen ihm, vergessen ihn niemals und all das. Donis ist der Typ Mann, der sich herablässt, Frauen zu knallen, weil sie ihm leid tun. Das alles erzählt er „Amets‘ Schwester“ (wohlbemerkt: mal „Amets‘ Schwester“ und mal „Amets Schwester“). Er labert sie zu, während er fürchtet, dass sie sich in ihn verliebt, weil er so tiefsinnig ist, gibt ihr aber nicht einmal einen Namen. Allerdings hat sie, auch wenn sie kränklich und im Stehen etwas bucklig ist, hübsche Brüste, wenn sie liegt. Ich erinnere an meine Frage weiter oben: Echt jetzt? Es wird euch nicht wundern, dass sie nicht viel zu Wort kommt, sondern ihre Aufgabe darin besteht, Donis anzuhimmeln. Zitat: „Ich habe nicht mit Amets Schwester geschlafen. Früher, da hätte ich es getan – ihr zuliebe, die Arme.“

Triggerwarnungen wären nett gewesen, denn es gibt Vergewaltigungs-, Suizid- und Gewaltszenen. Trennen wir mal ganz scharf Protagonisten/Ich-Erzähler und Autor, denn ich möchte nichts unterstellen! Aber der eigenen Schwester die Schuld daran zu geben, dass sie von ihrem „Lebensabschnittsgefährten“ (warum war das Wort immer ironisch kursiv gesetzt?) geschlagen wird, sowie der Gedanke, dass das arme depressive Mädchen, das er verliebt gemacht hatte, doch gar keinen Grund zur Depression hatte, empfand ich als ekelerregend und konnte es nur durch die Jugend des Protagonisten innerhalb der Szenen entschuldigen. Aber es wird vom Protagonisten erzählt, während er längst erwachsen ist. Hoffen wir mal, dass der Autor einen ignoranten und arroganten Kleingeist erfinden wollte und es ihm gelungen ist.

Übrigens finde ich es befremdlich, wenn eine Figur, die im Begriff ist, vergewaltigt und ermordet zu werden, weil der Täter sie gerade wieder eingeholt hat und vor ihr steht, sich sinngemäß denkt: „Wie war das noch gleich? Wie habe ich meinen Ehemann kennengelernt?“ Schon klar, hier wurde eine Brücke zum nächsten Part des Romans benötigt, aber der Griff ging daneben.

[Dieser Absatz wird harte Spoiler enthalten] Fragen: Wie misst jemand die Zeit, der in einer Zeitschleife gefangen ist? Wieso sollte man das Wort „Zeit“ synonym für Schicksal, Universum, Paralleluniversum usw. verwenden? Eine Figur versucht 18615 mal (täglich für „51 Jahre“) in verschiedenen Paralleluniversen seine geliebte Schwester vor Vergewaltigung und Mord zu retten und schafft es nicht. Wenn er es dann aber schafft, will er das Spiel direkt weiterspielen, weil es ihm Spaß gemacht hat. Das ist schon etwas seltsam.

Das Buch ist ein einziges Logikloch und bei fast jeder Verwendung des Wortes „Logik“ wird es passenderweise falsch verwendet. Erst spät ist mir aufgefallen, dass die Aussage des Zeitschleifen-Plots im Grunde ist: Diese Vergewaltigung war unvermeidbar. Das mag im Rahmen der fatalistischen Grundidee (die dann wiederum doch nicht stringent verfolgt wird) Sinn ergeben, stößt aber übel auf. Man darf sich fragen, warum es unbedingt eine Vergewaltigung sein musste und nicht beispielsweise ein Unfall. Es hätte die Geschichte kaum verändert und den Kern nicht tangiert. Tatsächlich hätte ein Autounfall erheblich mehr Sinn ergeben und hätte besser zum Auslöser dieser Szene gepasst. So aber hat man eine Gewaltszene, die unnötig ist und übertrieben wirkt.

Eins noch: Wenn man das dringende Bedürfnis verspürt, ein Nachwort in den Roman einzubauen, das den Plot erklärt, sollte man noch einmal in sich gehen und sich fragen, ob der Plot Sinn ergibt und das Buch wirklich gut genug für eine Veröffentlichung ist.

Mein Fazit zu Vergangenes noch heute:

Mit professionellem Lektorat, Korrektorat und Buchsatz (oder sehr viel mehr Arbeit) wäre „Vergangenes noch heute“ eine etwas gehaltlose Geschichte geworden, die man hätte lesen können, wenn man nicht nachdenken möchte. So allerdings hat mich nur mein Pflichtgefühl durch den Wust von Fehlern, Belanglosigkeiten und unsensiblen Fehlentscheidungen gezwungen. Dieser Roman liest sich wie der Blick in den Kopf eines Mannes, der dort entweder nicht selber nachsieht oder nicht reflektiert, was er dort findet.

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Vergangenes noch heute

Theodoros Iatridis

Fantasy
Softcover, 182 Seiten

erschienen bei Books on Demand

17. Februar 2021

ISBN 978-3-753420899

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