Agent 3,1415926535 – Unendlich mal unendlich mal mehr

Agent 3,1415926535 – Unendlich mal unendlich mal mehr

Petra Peterson ist eigentlich ein völlig normales Mädchen. Sie stellt die Schuhe nur in gerader Reihe auf, alle müssen ordentlich nebeneinander stehen, dürfen sich aber nicht berühren. Und beim Fußball schießt Petra nur gerade Tore. Allgemein sind gerade Zahlen gut, ungerade Zahlen sind schlecht. Am schlimmsten sind Primzahlen, denn die sind nur durch sich selbst und durch die 1 teilbar.

Die Zwölfjährige hat eine Freundin namens Melika, die in Snekkerstad an dieselben Briefkästen geht, also sehr nah bei der Kleinstfamilie Peterson wohnt. Melikas Bruder versucht, zu ihr nach Norwegen zu kommen, und er hat kein Land, ist also ein so genannter Weltbürger, wie die Mädchen es nennen wollen.

Dann lernt Petra die Zahl Pi kennen, eine unendlich lange Zahl nach dem Komma, und sie muss sich übergeben und zum Schulpsychologen. Ihr gesamtes Leben wird ab sofort auf den Kopf gestellt.

 

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ich hab mich umgedreht
  2. Und über das Licht beschwert
  3. Dann bin ich eingeschlafen

Mein Eindruck zu Buchtitel:

Tatsächlich geht es in “Unendlich mal unendlich mal mehr* nicht nur um das “magische Denken”, wie Petra und ihr Psychologe ihre Denkweise nennen. Es geht um Flüchlinge, um Akzeptanz, um Alleinerziehende, das Überwinden von Ängsten, die erste Liebe und die Freunde in der Schule, die heute total cool und morgen plötzlich ignorant sein können. Ich halte dieses Buch für eine nette Geschichte, einen netten Versuch, diese Themen unter einen Hut zu bringen, aber leider bleiben Charaktere und Umgebung blass, und die Handlung wirkt gegen Ende des Buches nicht nur unrealistisch, sondern auch an den Haaren herbeigezogen.

Stärken des Buchs:

Mir gefällt natürlich das Thema des Buches. Als Autorin, die selbst über psychische Erkrankungen schreibt und schon Unmengen an Büchern über Psychosen, Depressionen, Zwangsstörungen und co. gelesen hat, habe ich mich natürlich sehr auf ein Buch gefreut, das Zwangsgedanken im Zusammenhang mit Zahlen zum Thema hat. Diese kommen auch ziemlich oft vor, was meinen Erwartungen gerecht wird. Es geht viel um Zahlen, vor allem viel um Pi, und ich bin ein bisschen verbunden mit der Protagonistin, weil ich in der siebten Klasse damals 100 Nachkommastellen von Pi auswendig gelernt habe (und dadurch ganze zehn Euro in einer Wette gewonnen habe!).

Stark finde ich weiterhin die Sprache. Ich weiß nicht, ob es an der Autorin Ingrid O. Volden liegt oder an der Übersetzung, aber einige Ausdrücke sind einfach nur zum Dahinschmelzen: “Das Meer in mir” zum Beispiel. Ich kann es kaum wiedergeben, und das muss ich auch nicht. Die Sprache in “Unendlich mal unendlich mal mehr” ist altersgerecht und deutlich und klar, aber manchmal gibt es treffende Metaphern, die man auch als Kind natürlich auf den ersten Blick versteht, dann aber merkt, wie philosophisch und tiefgründig sie doch eigentlich ist. Das ist herrlich.

Gefallen hat mir auch, wie die Kapitel voneinander abgetrennt sind. Und die Titel der Kapitel! Das gesamte Buch gehört irgendwie zusammen, es ist ein einheitlicher Stil, und natürlich mag ich auch, dass die U2 und U3 in perfektem Schwimmbadblau gehalten sind.

Im Folgenden habe ich einige viele Schwächen, an denen ich herummeckern möchte. Ich will daher noch einmal ausdrücklich betonen: Die ersten zwei Drittel des Buches sind wirklich schön. Der Sprachstil überzeugt mich so sehr, dass ich trotz der folgenden vielen Schwächen eine gute Bewertung für “Unendlich mal unendlich mal mehr” übrig habe, und allgemein liest sich das Buch flüssig, schnell und angenehm.

Schwächen des Buchs:

Ohje. Ich habe das Äußere des Buches in den Stärken aufgezählt. Wer meine Rezensionen schon länger liest, weiß, was das heißt: Es gibt viel zu meckern!

Und wie!

Eines der größten Probleme zwischen mit und “Unendlich mal unendlich mal mehr* ist, dass die Umgebung völlig blass bleibt. Es gibt einfach keine Beschreibungen. Das muss nicht sein, schon gar nicht bei einem Jugendbuch ab zwölf Jahren. Der Fokus der Geschichte ist immer da, wo Petras Fokus ist, und offenbar ist sie komplett fokussiert. Es gibt keinen Baum, keinen Himmel, kein Wetter, kein gar nichts. Vielleicht mal braune wellige Haare und kakaobraune Augen, aber das war’s auch schon. Auch die Charaktere, beispielsweise Chris und Tor Martin, bleiben bis auf ihre Art zu sprechen ziemlich blass.

Natürlich haben auch Erwachsene nichts zu sagen. Die wirken irgendwie sehr gestellt, sehr unrealistisch. Wenn die Tochter auf dem Bett liegt und kein Wort sagt auf Fragen wie “Wie geht es dir?” und “Ist heute etwas Besonderes passiert?”, und dann schließt das Kind die Augen, damit die Mutter die Tränen nicht sieht, schweigt aber komplett – welche Mutter geht dann einfach aus dem Raum? Und welcher Schulpsychologe schreibt einen geheimen Zettel mit einem Namen, schiebt ihn rüber und lässt das Kind den Zettel nach der Therapiesitzung öffnen und nur einen Namen lesen? Worum es ging, was dieser Name zu tun hatte und so, das wurde aufgeklärt. Der Schulpsychologe meinte dann: “Ich dachte, das wäre ganz klar” oder sowas. Völlig unrealistisch! Wenn die Petra da hätte anrufen sollen, hätte ich noch die Nummer dazugeschrieben. Oder die Berufsbezeichnung. Oder ihr gesagt, dass sie da anrufen soll! Also das ist ja wirklich komplett … boah, nee. Das macht mir ein eigentlich sehr schönes Buch kaputt. Aber so richtig.

Auch der “ach so große Plottwist” war leider weder spannend geschrieben noch annähernd realistisch.

Trotzdem hat mir das Lesen Spaß gemacht. Der Anfang des Buches ist klasse. Die Mitte der Geschichte auch. Nur das letzte Drittel versiebt alles komplett.

Ich möchte noch anmerken, dass nicht darüber gesprochen wird, was dieses “magische Denken” eigentlich ist. Es wird über keine Diagnose gesprochen, die Mutter ist zwar lieb, interessiert sich nicht richtig dafür, und Handlungen wie die mit dem gelben Notizheft bleiben eigentlich schon ziemlich konsequenzenlos.

Dazu möchte ich anmerken, dass die Petra Petersson für eine Zwölfjährige ein bisschen dümmlich und gefühlstaub wirkt. Sie kennt weder Kraulschwimmen noch das Wort “Gemüt”?! Sie wirkt sehr naiv in ihrem Handeln, hat noch nie etwas von Flüchtlingen gehört und an der Stelle, wo “Unendlich mal unendlich mal mehr” eine Liebesgeschichte enthält, werden nur Tatsachen der Reihe nach aufgezählt. Keine Gefühle, kein gar nichts. Die gibt es dafür zu Genüge davor und danach, aber nicht währenddessen. Why?

Mein Fazit:

Vielleicht habe ich einfach zu viel erwartet von “Unendlich mal unendlich mal mehr*. Vielleicht wollte ich, dass es etwas wird wie Daniel is different, und dabei die Schwächen, die Wesley King meines Erachtens beim Schreiben gemacht hat, ausbügelt oder gar nicht erst aufkommen lässt.

Bevor ich diese Rezension zu schreiben begann, fühlte ich mich noch nicht so enttäuscht. Ich hatte hier dreieinhalb Sterne stehen. Aber die Schwächen, vor allem die Tatsache, dass ein zwölfjähriges Kind dieses Buch nicht ohne Austausch mit Erwachsenen lesen sollte, lässt die Bewertung schlussendlich doch auf drei Sterne zurückfallen.

Ein tolles Buch, um es gemeinsam mit einem Kind zu lesen, um darüber zu sprechen, um zwischen dem Lesen tiefer ins Thema zu gehen. Außerdem nett, wenn es Erwachsene lesen. Aber irgendwie ist dieses Buch nichts Halbes und nichts Ganzes.

Unendlich mal unendlich mal mehr

Ingrid O. Volden

Jugendbuch ab 10
Hardcover, 176 Seiten
erschienen bei Thienemann-Esslinger
13. September 2018
ISBN 978-3-522184618

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Kia über Frauenfiguren

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Beim Buchensemble gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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