Vom Erwachsenwerden und vom Träumen – Spinner [Rezension]

Vom Erwachsenwerden und vom Träumen – Spinner [Rezension]

Gerade mal mit neunzehn Jahren geschrieben und seit 2016 auf dem Buchmarkt. Erhältlich, geliebt und zerrissen: Benedict Wells dritter Roman im Diogenes Verlag. Wells nimmt uns auf eine 320-Seiten lange Reise mit in Jesper Liers Leben.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mir Benedict Wells Soundtracks zu „Spinner” auf seiner Homepage angehört und die Lieder rauf und runter gehört. By the way: Er hat einen fantastischen Musikgeschmack.
  2. An die Parallelen zwischen meinem und Jesper Liers Studentenalltag gedacht und geschmunzelt.
  3. Dabei zugesehen, wie weitere Wells-Bücher praktisch von selbst auf meinem Stapel ungelesener Bücher ganz weit hoch wanderten.

Mein Eindruck zu „Spinner“:

Die kleinen Weisheiten, die sich in Wells Zeilen erkennen lassen, beeindrucken. Es ist nicht der erste Roman, in dem Wells mithilfe von kurzen Passagen oder Szenen, kleine Lebensphilosophien in die Geschichte baut, über die ich stolpere. Damit die Leserin / der Leser kurz innehalten und darüber nachdenken kann, bevor sie / er sich den nächsten Zeilen hingibt. In diesem Buch geht es um einen jungen Mann, der schreiben möchte und dabei das Leben kennenlernt. Kurzum: Ein Buch über das Leben als angehender Schriftsteller. I like.

Stärken des Buchs:

Ganz klar: Jesper Lier, sein Charakter und Wells Stil, ihn darzustellen. Keep it short and simple: In „Spinner* geht es um einen zwanzigjährigen Jesper, der sein Leben radikal ändern muss, um aus dem selbsterbauten Käfig seiner Gewohnheiten auszubrechen. Mit der Angst im Gepäck, ob er die richtigen Entscheidungen trifft, tourt er eine Woche durch das neue Berlin und nimmt die Leser auf diese Reise mit. Ein/e Wells-Leser/in sollte Jesper Lier aus Wells Debütroman „Becks letzter Sommer“ bereits kennen: Dort taucht er immer wieder als Nebenperson auf.

Eine chaotische Berlin-Woche mit Jesper Lier

Wells stellt Lier als einen jungen Mann dar, der alltäglich mit seinen Routinen kämpft und am Traum, Schriftsteller zu werden, festhält. Jesper schreibt, oft betrunken in der Nacht und ohne sich das Feedback seines Freundes und Testlesers zu Herzen zu nehmen. Jesper schläft nicht, isst kaum, geht auf Partys und besucht weder die Universität, noch seine Familie. Er schiebt Dinge auf und bekommt dann eine Nachricht, die ihm den Boden unter den Füßen wegzieht: Sein Mentor und Testleser, ein ehemaliger Germanistik-Professor, ist tot. Die Suche nach dem Traum, der Wirklichkeit werden soll, und nach einer Veränderung beginnt.

(K)ein Stillstand: Jespers Heldenreise

„Wichtig war nur, dass ich nicht mehr stillstand, dass ich mich den Dingen wieder stellte, egal, was aus mir werden würde. Denn alles andere wäre falsch, denke ich, unecht, irgendwie so, wie wenn man verrauchte Luft einatmet. Man kann damit leben, aber es ist nicht das Wahre, man atmet nicht so tief ein, wie man könnte.“ Seite 316.

Benedict Wells hat Jesper Lier auf eine Suche geschickt, ihn in Bewegung gesetzt, dem Charakter ein Leben eingehaucht, das sich im Kopf der Leser festsetzt. Jesper macht sich auf die Suche, er ist auf dem Weg und wenn er nicht das gewünschte Ziel erreicht, so nimmt er doch Erkenntnisse mit, die Wells mit seinen Lesern teilt.

Wells direkter Schreibstil und wie Jesper die Leser mit in die Story nimmt

Direkt, unverblümt, auf den Punkt gebracht. Wells schreibt wie ein zwanzigjähriger Fast-Schriftsteller denkt. Keine Beschönigung und deshalb so nah am Menschen. In dem Fall: An Jesper Lier. Nach wenigen Sätzen stecke ich bereits mitten in Jespers Gedankenwelt. Dieses Gefühl von Nähe zum Protagonisten zieht sich über das gesamte Buch, was den Roman gerade deshalb so sympathisch macht. Wells erspart es den Lesern nicht, beim Geschehen dabei zu sein, besonders, wenn Jesper Lier sein Publikum mit bitterer Ironie und humorvollen Worten einbezieht.

„Alle hatten Angst vor Lücken in ihrem Lebenslauf. Aber keiner schien Angst davor zu haben, seine Träume zu verraten.“ Seite 99.

Das ist einer der Sätze, die mich für Tage zum Nachdenken gebracht haben. In Wells Büchern stecken Worte, die fesseln.

„Spinner“ berührt nicht zuletzt deswegen so stark, weil sich Parallelen zwischen Jesper Lier und Benedict Wells erkennen lassen: Nach dem Abitur zog Wells wie Jesper vom Süden Deutschlands nach Berlin, um dort Nebenjobs anzunehmen, statt zu studieren. Auf der Suche nach dem Moment, der seinen Traum der Schriftstellerei erfüllt, begegnet Jesper Ideen, Gedanken und Herausforderungen.

Spinner von Benedict Wells, Foto: Curly Sue Glander
Spinner von Benedict Wells, Foto: Curly Sue Glander

Schwächen des Buchs:

Wer dem Protagonisten – der viel schimpft, große Träume hat und mit sich kämpft – nicht zu nahe kommen möchte, für den ist das Buch nichts. Keine Schwäche, aber ein Hinweis.

Mein Fazit zu Spinner von Benedict Wells:

Spinner* ist ein Buch, das vom Erwachsenwerden erzählt und dabei keine Träume auslässt: Wells beeindruckt mit seinem dritten Buch. Es sind die ehrlichen Worte, die gut platzierten Weisheiten und die Figuren mit überzeugenden Charakteren. Jesper Lier auf dem Weg mit dem Vorhaben, sich radikal und sofort zu verändern, zu begleiten, lässt die Leser mitfühlen, als wären sie direkt an seiner Seite. Und das ist, wie ich finde, das Fundament, auf dem der Plot einer guten Geschichte basieren sein sollte.

P.S.: Den Soundtrack zum Buch kannst du auf Benedict Wells Homepage finden: benedictwells.de

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Weitere Eindrücke zu Spinner:

Spinner

Benedict Wellt

Gegenwartsliteratur
Softcover, 320 Seiten
erschienen bei Diogenes
24. August 2016
ISBN 978-3-257243840


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Curly über Antagonisten

Curly liest und hört Romane fürs Herz; Bücher, die sich nicht weglegen lassen, und Zeilen, die neue Perspektiven eröffnen. Grundsätzlich: Literatur, die zum Nachdenken verführt. Wenn sie kein Buch in der Hand hat, hat sie die Schreibmaschine (oder: das Notebook) vor sich und schreibt – als Journalistin, Autorin, Kulturanthropologin und im Marketing.

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