Schweigen ist Gold, oder nicht – Speechless [Rezension]

Schweigen ist Gold, oder nicht – Speechless [Rezension]

Speechless: Die beliebte Chelsea ist eine Tratschtante und als sie einen Mitschüler mit einem anderen Kerl erwischt, plaudert sie aus, dass er schwul ist. Mit schlimmen Folgen: Ihr Mitschüler wird krankenhausreif geschlagen. Als Chelsea die zwei Täter verrät, wird sie aus dem Kreis der beliebten Schüler ausgeschlossen und gemobbt. Um ihrem Tratschen ein Ende zu setzen, will sie wie ein buddhistischer Mönch schweigen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Darüber nachgedacht, wie viel ich eigentlich quassele
  2. Mich daran erinnert, dass ich unbedingt mal ein Retreat machen und auch schweigen will
  3. Geguckt, ob es das Buch auch auf Deutsch gibt (ja)
“Speechless” von Hannah Harrington, Foto: Magret Kindermann

Mein Eindruck zu Speechless:

Nachdem ich „Saving June“, das andere Buch der Autorin Hannah Harrington wirklich süß fand und schon zweimal gelesen habe, musste ich auch ihr anderes Werk „Speechless“ ausprobieren. An sich nervt mich das Thema Mobbing immer, weswegen ich das Buch unter anderen Umständen wohl nicht ausgewählt hätte. Allerdings war das Buch dann gar nicht unangenehm trotz der vielen Themen, an denen sich sonst gerne gerieben wird. Den Titel finde ich übrigens sehr öde. Ich muss da immer an einen Schauspieler denken, der eine Oscar-Rede damit beginnt, wie sprachlos er ist. Und das Adjektiv bedeutet eigentlich auch etwas ganz anderes als das, um was es geht. Aber egal. Titel sind nur Titel, richtig? Und das Buch war dann ja doch … nett.

Stärken des Buchs:

Natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte, die ich gerne als Beispiel für gelungen nennen möchte. Sie ist herrlich unaufgeregt und echt. Wenn sie sich näher kennenlernen, finden sie sich nicht gleich unfassbar toll, aber finden sich auch nicht blöd. Sie finden gar nichts, da ist eben noch ein Mensch. Erst nach und nach bemerkt Chelsea, dass er eigentlich ziemlich cool ist und sie ihn mag. Das ist erholsam, wenn man die ganzen überdramatischen Liebesgeschichten kennt, die momentan so trenden, und die nicht mehr sehen kann. Nein, Chelseas Verlieben fühlt sich an, als wäre es mein Verlieben.

Wie schon erwähnt, hatte ich Bedenken wegen des Mobbing-Themas. Dazu kommt noch Homosexualität, die ebenfalls gerne in Büchern für den dramatischen Effekt ausgeschlachtet und dann ignoriert wird. Hier ist es anders. Die Themen werden ernst genommen und finden ihren Platz in der Geschichte, aber sie werden nicht als Katapult für Action, Depression oder Heulsessions missbraucht. Die zwei Schwulen dürfen einfach auch mal echte Menschen und verliebt sein, ohne dass man die Autorin dahinter spürt, wie sie ein Häkchen hinter „Diversitiy“ setzt.

Die Gefühle werden nicht schwarz-weiß dargestellt, sondern als Spektrum. Die ehemalige beste Freundin, die von allen auf der Schule die Beliebteste ist (da frage ich mich jedoch: Gibt es sowas überhaupt wirklich? Bei uns interessierte sich außerhalb unserer Klasse niemand für uns, egal ob beliebt oder nicht), wird nicht direkt gehasst, sondern eben auch vermisst. Obwohl sie ein Biest ist, erkennt man auch bei ihr Facetten.

“Speechless” von Hannah Harrington, Foto: Magret Kindermann

Schwächen des Buchs:

Leider muss ich an „Speechless“ das kritisieren, was ich auch als Stärke nannte. Während die Autorin wie gesagt die Figuren sehr lebendig und facettenreich beschreibt, versagt sie im Kleinen, als hätte sie bei den Nebenfiguren nicht nachgedacht. Sie versinkt gnadenlos in Klischees. Chelseas Eltern etwa lassen mich mit den Augen rollen: Der Vater ist der ruhige Bär, der Verständnis zeigt und ihr alles über Autos beibringt, ihr also eine coole Eigenschaft gibt. Die Mutter dagegen macht sich zu viele Sorgen und zwingt die gesamte Familie dazu, nur noch Tofu zu essen. Muss das sein? Warum sind die Väter immer die Coolen und die Mütter immer die Hysterische? Wenn da wenigstens noch mehr Charakterisierung stattfinden würde, aber es bleibt bei den platten Klischees. Chelseas neue Freundin ist Inderin und während ich mich anfangs noch freue, dass sie keine mit Akzent ist, die für alle Curry kocht und zwangsverheiratet wird, geht sie zum Abschlussball in einem klassischen indischen Kleid, um dem Buch noch ein bisschen schicke Exotik zu verpassen. Klar, das ist eine Kleinigkeit, aber ich hab mich aufgeregt. Es wurde nicht mal thematisiert, was Inderin sein für sie bedeutete, inwieweit sie die Kultur noch mitbekam oder nicht, etc. Dazu nahm die Ich-Erzählerin von Anfang an an, dass sie Inderin ist, dabei hätte sie auch Pakistantin, Afghanin oder sonstwas sein können. Da wird sofort das Bild vermittelt, die Welt besteht nur aus fünf Ethnizitäten. Das Ganze findet nicht viel Raum in dem Buch, hat mich aber doch immens gestört.

Mein Fazit zu Speechless:

Das Buch ist gut gelungen und für sich rund, aber eben auch nichts Besonderes. Ich würde es nicht weiterempfehlen, aber wenn man nichts Besseres zu lesen hat, ist es eine gute Unterhaltung.

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Speechless

Hannah Harrington

Genre
Softcover, 268 Seiten

erschienen bei Harlequin Teen

28. August 2012

ISBN 978-0-373210527


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Magret liest nie, ohne dabei zu schimpfen. Am wenigsten mag sie wiedergekäute Ideen, leere Worthülsen oder Floskeln. Dafür steht sie auf Experimente, selbst wenn sie schiefgehen. Die Figuren sind ihr wichtiger als der Plot. Daher liest sie vor allem Entwicklungsromane, klassische und welche der Gegenwartsliteratur.

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