Der weirde Abgang – Scythe das Vermächtnis der Ältesten

Der weirde Abgang – Scythe das Vermächtnis der Ältesten

Es wird Zeit für das große Finale der Scythe-Trilogie von Neal Shusterman. In Scythe – das Vermächtnis der Ältesten ist einiges passiert: Drei Jahre sind vergangen, seit Endura untergegangen ist und fast alle anwesenden Scythe von Haien gefressen wurde. Citra und Rowan haben überlebt, nun, was man überleben nennen kann: Natürlich sind sie gemeinsam gestorben, aber dank Scythe Curie wurden ihre Körper konserviert und in einem Revival-Zentrum wiederbelebt.

Der Thunderhead hat nach der großen Resonanz den Kontakt zu allen Menschen abgebrochen und sie zu Widerlingen erklärt. Ihm gefällt gar nicht, was auf dem Planeten los ist, spricht allerdings noch mit einer Person: Grayson Tolliver. Er ist der neue Messias, durch den einzigartigen Kontakt zum Thunderhead eine Art Jesus, der von den Tonisten verehrt und sämtlichen Menschen um Audienzen gebeten wird. Dazu gibt es noch Scythe Faraday, wie könnten wir ihn vergessen! Gemeinsam mit ehemaligen Nimbus-Agenten baut er an einem blinden Fleck, einem Ort, den der Thunderhead nicht kennt, dort also auch nicht kommunizieren oder wirken kann, etwas ganz Neues auf …

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Am Buch gerochen
  2. Nicht gewusst, ob ich enttäuscht oder zufrieden bin
  3. Gemerkt, dass ich zufrieden bin, aber lieber begeistert gewesen wäre, also enttäuscht über zu wenig Begeisterung. Läuft bei mir.

Mein Eindruck zu Scythe – Das Vermächtnis der Ältesten:

Band 2 der Scythe-Trilogie, „Der Zorn der Gerechten“, hat mich überwältigt. Ich war begeistert von der Reihe und habe für den dritten Teil ein Finale erwartet, das all das Chaos rechtfertigt, das mich nach dem zweiten Band etwas hilflos zurückgelassen hat. Aber ich wurde bitterlich enttäuscht. Der Fokus von Scythe – das Vermächtnis der Ältesten liegt auf den Tonisten, der Jesus-Figur und biblischen Aufzeichnungen, sodass mir zwar beim Lesen schnell die Idee kam, die gesamte Scythe-Geschichte würde vor unserer Zeit stattfinden und in Wirklichkeit historische Science Fiction sein und damit ein absolut geniales literarisches Werk, aber die Umsetzung, die Handlungen, die Spannung, all das hat mir nicht wirklich zugesagt. „Das Vermächtnis der Ältesten“ ist meiner Meinung nach kein würdiges Finale der Scythe-Trilogie.

Scythe: Das Vermächtnis der Ältesten. Foto: Kia Kahawa

Stärken des Buchs:

Goddard hat die Macht ergriffen und erlaubt Massennachlesen. Natürlich gibt es Scythetümer, die Goddard nicht nach der Pfeife tanzen wollen, und hier wird es stark und politisch: Es gibt verschiedene Ansichten und Arten, mit Goddard umzugehen. Natürlich reagiert Goddard auf die anderen Scythetümer. All das ist spannend und nachvollziehbar. Diese politische Konstellation und all die damit einhergehenden Veränderungen machen auch Citras und Rowans Reisen nachvollziehbar. Warum wer wo landet, wann welchen strategischen Move macht – alles wirkt in sich geschlossen und logisch.

Sympathisch finde ich nach wie vor Citra und Rowan in ihren Charakteren. Sie sind nicht nur gut gelungen wie eh und je, sondern haben sich weiterentwickelt. Hier habe ich nichts zu meckern, und selbst bei Scythe Faraday, der mir als Kia, als Person, einfach nicht sympathisch sein kann, halte ich alle charakterlichen Entwicklungen für nachvollziehbar und authentisch.

Der Schreibstil ist nach wie vor der, den ich von Neal Shusterman kenne und liebe. Insgesamt liest sich das Buch flüssig und gut, aber es hat mich ehrlicher Weise dieses Mal wegen der zahlreichen „Bibel-Abschnitte“ nicht in sich aufgesogen und zum Weiterlesen gezwungen, sondern es war einfach ganz nett. Ich hatte mir tatsächlich für Scythe – Das Vermächtnis der Ältesten einen kompletten Tag zum Binge Reading freigenommen, aber tatsächlich musste ich dieses Buch dann doch in mehreren Abschnitten lesen.

Ihr seht: Ich bin eigentlich schon längst bei den Schwächen angekommen, doch es folgen noch mehr …

Schwächen des Buchs:

Als Schriftstellerin, die für das Buchensemble Rezensionen schreibt, kann natürlich ein winziges Problem aufkommen: Eine Idee aus einem Buch, das ich lese, gibt es bereits in einem meiner Manuskripte. Tatsächlich ist das bei diesem Buch vorgekommen und ich weiß noch nicht so recht, wie ich damit umgehen soll. Doch das ist natürlich keine Schwäche von Scythe, sondern Zufall. Schwach hingegen empfand ich, jetzt, wo ich einige Tage Abstand zum Buch habe, so ziemlich alles.

Goddard und seine Machenschaften treten nicht wirklich in den Vordergrund. Sie schockieren nicht mehr, sie nehmen mich nicht mit, sie geschehen zwischen Beschreibungen.

Wenn es in Scythe Band 3 eine Liebesgeschichte gibt (so formuliert aus Spoilergründen), wirkt sie nicht gefühlvoll, sondern an den Haaren herbeigezogen, ja, fast erzwungen. Ich finde, die gesamte Trilogie wäre ohne bestimmte Liebes-Einheiten ausgekommen.

Was ich bereits in meiner letzten Rezension zum zweiten Band angemerkt habe, waren die Tonisten. Ich hielt sie für abgedreht und unrealistisch. Das hat sich in zwei Richtungen verändert: Einerseits halte ich die Religion der Tonisten inzwischen für stimmiger, in sich geschlossen besser verständlich. Es gibt viele kleine Details, die im Laufe von Scythe – das Vermächtnis der Ältesten auftauchen und im Nachhinein von Anfang an Sinn ergeben … Ergibt das Sinn? Auf der anderen Seite waren sie mir zu präsent. Zu undurchsichtig. Es gibt die eine Strömung, die den Thunderhead meidet, aber dann wird er doch verehrt, manche schneiden sich die Zunge raus und zischen, manche lassen sie nachwachsen, und dann verbieten Eltern irgendwas wegen ihrer tonistischen Überzeugungen, und dann ist es doch plötzlich okay … Häh. Was?!

Ich habe es schlichtweg nicht begriffen, und ehrlich gesagt war mein Interesse an den Tonisten auch nicht so groß. Ich wollte mehr Scythe Anastasia, mehr Scythe Luzifer, stattdessen bekam ich seitenfüllende Zeilen über Zeug. Ja, Zeug. Irgendein Zeug, das man wissen wollen könnte, was ein cooles Spin-Off geworden wäre, mich aber auf den ersten 250 Seiten des Buches eigentlich gar nicht interessiert hat.

Scythe: Das Vermächtnis der Ältesten in der Trilogie. Foto: Kia Kahawa

ACH SO! Und darf ich bitte mal über das Cover lästern? Das könnt ihr doch nicht bringen! Mitten in einer Trilogie ein anderes Cover verwenden, sodass die drei Bücher nebeneinander im Regal nicht mehr aussehen wie eine Trilogie! Ich bin glückliche Besitzerin einer Erstauflage mit Wendecover und konnte mit ein bisschen bastlerischem Talent und Geduld, während ich das Buch im Regal gepresst habe, eine Ausgabe mit schönem Cover zaubern. Aber warum die Scythe Cover im Nachhinein an das Originaldesign angepasst werden, und warum es jetzt, eine Ewigkeit nach Scythe Band 1, auch Softcover gibt, kann ich als Schriftstellerin verstehen, als Leserin aber nur darüber stöhnen.

Mein Fazit zu Scythe Band 3:

Ich habe die Trilogie rund um die ehrenwerten Scythe sehr gerne gelesen. Schade ist, dass ich nach dem zweiten Teil über ein Jahr auf Band 3 gehyped und gespannt war, und als ich Ende November endlich meine Erstauflage in den Händen halten und lesen konnte, wurde ich nicht wirklich befriedigt. Das Buch ist gut, die Reihe ist gut, aber unter’m Strich bleibt ein bitterer Nachgeschmack, wenn Band 1 und 2 sagenhaft sind und Band 3 einfach nur okay. Daher muss ich auch schweren Herzens die Bewertung für ein Shusterman-Werk weit unten ansetzen.

 

 

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Scythe – das Vermächtnis der Ältesten

Neal Shusterman

Utopie Jugendbuch
Hardcover, 608 Seiten

erschienen bei FISCHER Sauerländer

26. November 2019

ISBN 978-3-737355087


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