Briefe an einen Sterbenden – Hannes

Briefe an einen Sterbenden – Hannes

Hannes von Rita Falk hat mein Interesse auf sich gezogen, weil es ein Buch ist, in dem Briefe an einen verunfallten, im Koma liegenden und am Ende des Buches sterbenden Freundes sind. Das steht so auf dem Klappentext. Mehr kann und muss man zum Inhalt gar nicht sagen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mich gewundert, dass ich ein Buch von Rita Falk mochte
  2. Mich gewundert, dass das Ende schön war, obwohl es von Seite 1 an klar war
  3. Gestaunt, wie gut sich der Protagonist entwickelt hat

Mein Eindruck zu Hannes von Rita Falk:

Ich habe zunächst nicht gemerkt, dass das Buch von Rita Falk ist, und obwohl es von dieser Autorin ist, bin ich froh, es gelesen zu haben. Erstaunt darüber, dass ich ein Rita Falk Buch nicht abscheulich finde, möchte ich Hannes in dieser Rezension loben, aber auch natürlich kritisieren, wobei die Kritik vermutlich der Autorin und ihrem gesamten Stil gilt, denn so Bücher wie Winterkartoffelknödel, Schweinskopf al dente oder Weißwurstconnection würde ich niemals lesen. Nachdem ich den sehr schlechten und mangels Untertitel für mich nicht verständlichen, redundanten, unlogischen, unlustigen und nervigen Film Winterkartoffelknödel gesehen habe, dachte ich, ich rühre nie wieder irgendwas aus Rita Falks Feder an. Aber Hannes ist ein solides Buch. Kein besonders gutes Buch, aber ein nettes Buch mit einem wichtigen Thema, das nicht oberflächlich und albern, sondern emotional und unterhaltsam geschrieben ist.

Stärken des Buchs:

Zu Beginn sind Ulli und alle anderen Figuren in diesem Roman unsympathisch und komisch. Aber ich muss sagen, Ulli entwickelt sich prächtig. Von einem Typen, dem ich niemals über den Weg laufen und mit dem ich niemals ein Wort wechseln wollen würde, wird er zu einem jungen Mann, der Posaune und Theater für die Patienten in der Nervenheilanstalt spielt. Er setzt sich für seinen Freund Hannes ein, geht über gewisse Grenzen und will das Richtige tun. Ulli interessiert sich für die Schicksale der Menschen, er wird empathischer, einfühlsamer und insgesamt ist diese Entwicklung nachvollziehbar und gut in den Roman eingearbeitet.

Toll finde ich so bittere Wahrheiten wie dass es der größte Schmerz ist, dass das Leben weitergeht, während ein Freund im Koma liegt. Oder dass entferntere Freunde, denen nicht so viel an Hannes lag, wie er und sie selbst dachten, ihn irgendwann nicht mehr besuchen.

Und zu guter Letzt möchte ich bei den Stärken sagen, dass das Buch interessant und unterhaltsam war. Ich war ganz mit dabei, wie Ulli seine Briefe schreibt, es gab nichts, was redundant oder langweilig oder nicht nachvollziehbar war, insgesamt hatte Hannes von Rita Falk das straffe Lektorat, das das Buch zu einem wirklich gut lesbaren Werk gemacht hat. Wenn man es als historischen Roman der 1980er Jahre sieht, sind die nachfolgenden Schwächen nicht so gravierend.

Schwächen des Buchs:

Schwächen sind ganz klar die stumpf-idiotisch wirkenden Charaktere in “Hannes” von Rita Falk. Schwule sind Schwuchteln, Frauen sind “heiße Schnitten” und sind begehrenswert, wenn sie “lecker aussehen” und Frauen lesen Klatsch- und Tratsch-Zeitschriften und Männer fahren Motorrad und gehen feiern. Der Vater von Hannes ist nicht in der Lage, “Hund” zu sagen, kann nur “Töle” sagen, und wenn das Tief noch einmal in die Küche kackt, würde er das Haustier seines im Koma liegenden Sohnes ertränken. Klar, denn Männer sind ruppig, emotionslos und schlechte Väter und denen ist es egal, was ihren Kindern wichtig ist. Klischees, Männerfeindlichkeit, meiner Meinung nach die reine Ignoranz und Idiotie der Autorin. Ekelhaft.

Auch die Sprache ist gewöhnungsbedürftig und merkwürdig. Entweder ist das ein Stilmittel, oder Rita Falk wollte ihrem Charakter eine Dümmlichkeit verleihen. Es heißt immer “ich bin gesessen”, “ich bin gelegen” und “ich bin gekniet”, was schlichtweg falsch ist. Doch in Briefen aus der Ich-Perspektive eines motorradfahrenden, Homosexuelle als Schwuchteln bezeichnenden Zivi vielleicht auch nachvollziehbar. Außerdem glaube ich, das Buch spielt in den 1980er Jahren, vielleicht 1990, vielleicht war das damals einfach so. Auch genervt hat mich, dass der Protagonist manchmal ein neues Wort entdeckt hat (wie “naturgemäß”) und es dann extrem oft benutzt. Du guckst die Kastanie an, wie du es naturgemäß machst. Jemand hat sich nicht gemeldet, ist ja auch naturgemäß. Der Freund der schwangeren Frau ist natürlich abgehauen: Naturgemäß. Nerv! Auch heißt es immer “die” und “der” vor Namen. Der Rick hat etwas gemacht, die Nele hat geantwortet, ich habe die Nele gesehen, ich habe den Rick gesprochen, nerv, nerv, nerv. 1980 bis 1990 stützt sich auch daran, dass es keinerlei Datenschutz gibt und sich niemand über die ganzen Klischees aufregt.

Was ich mich auch frage: Der Unfall von Hannes und Ulli geschah im Februar. Fährt man dann Motorrad? Gab es damals noch keine Saisonkennzeichen? Gut, offensichtlich nicht. Hat mich nur verwirrt.

Eine der größten Schwächen ist meiner Meinung nach, dass im Klappentext schon steht, dass das Buch vom Thema Tod handelt und damit klar ist, dass Hannes zum Schluss stirbt. Es wäre schön gewesen, hätte der Verlag das Thema hier anders dargestellt. “Angst um den Tod”, “Sorge, dass ein Freund sterben könnte” – Zack, schon ist das Thema Tod drin, aber es steht nicht das Ende des Buches bereits auf dem Umschlag. Dann hätten mich die Genesungsversuche und Fortschritte mehr mitgerissen.

Mein Fazit zu Hannes von Rita Falk:

Defintiv ein lesenswertes Buch, wenn die Leser*innen kritisch mit den Schwächen und heute inakzeptablen Formulierungen umgehen können. Schade, dass das Ende vorausgesagt war, aber insgesamt bin ich froh, das Buch gelesen zu haben.

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Hannes

Rita Falk

Entwicklungsroman
Softcover, 208 Seiten

erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft

01. September 2013

ISBN 978-3-423214636
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