Reiner Wein – Lange Beine, kurze Lügen [Rezension]

Reiner Wein – Lange Beine, kurze Lügen [Rezension]

Michael Buchinger nimmt uns in “Lange Beine, kurze Lügen” wieder mit in sein Leben. Ein Buch voller Anekdoten und Erzählungen, die immer mit Lügen zu tun haben. Kleine Notlügen, verschleierte Wahrheiten, Übertreibungen oder ein komplexes Lügennetz, das sich sonst nur ein Geheimagent aufbauen muss, der undercover ein Zivilistenleben vortäuscht, um näher an ein zu observierendes Objekt zu kommen. Doch Michael Buchinger will den Menschen in der Regel nicht näher kommen, sondern vor ihnen fliehen – durch geschickte Flunkereien und großartige Ausreden. Ist doch klar, dass dabei die ein oder andere lustige Geschichte herauskommt, die eigentlich nur zur Verschwiegenheit verpflichtete Therapeuten zu hören bekommen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die Hassliste April 2019 bei YouTube geschaut
  2. Die Dankesrede und den Anhang gelesen
  3. Mich über Qualityland von Marc-Uwe Klingt informiert

Mein Eindruck zu Lange Beine, kurze Lügen:

Insgesamt ist “Lange Beine, kurze Lügen* ähnlich wie Michael Buchingers Debüt “Der Letzte macht den Mund zu“. Doch statt um Gemeinheiten des Alltags und Personen und Verhaltensweisen, die nervig sind, geht es um Lügen. Der Anfang des Buches hat mich nicht sonderlich mitgenommen; ich habe daran gezweifelt, ob das Thema allgemein genug für ein gutes Buch ist. Nach drei Kapiteln aber kam ich rein und verschlang das Buch, wie auch das erste aus der Feder von Michael Buchinger. Diesmal habe ich aber etwas mehr zu meckern.

Stärken des Buchs:

Absolut stark ist wie immer, wie der Autor sich ausdrückt und wie er Geschichten aufbaut. Er leitet die Geschichten mit einem Umstand ein, schweift danach vollkommen davon ab und kommt zum Schluss wieder zum Anfang und beendet ihn, sodass der Leser immer etwas zum Schmunzeln, Haareraufen oder Verständnishaben hat.

Michael Buchinger ist 1991 geboren, ich bin 1993 geboren. Also haben wir gerade in der Jugend viel gemeinsam, und es ist sehr schön, Geschichten aus einer Zeit zu lesen, mit Problemen zu lesen, die ich selbst zur gleichen Zeit, aber nicht am gleichen Ort hatte.

Ich war zwar weder ein MySpace-Typ, noch war ich als Kind eines Informatiklehrers und Computerladeninhabers auf die törchte Idee zu kommen, jemals etwas mit AOL zu tun zu haben, aber dennoch amüsieren mich Geschichten in dem Zusammenhang. Als Neunzigerkind kann man sich klasse mit den Anekdoten aus Michis Leben identifizieren, wenngleich sie manchmal auch völlig fremd erscheinen. Ich hab’ halt nicht jeden Trend mitgemacht, falls man das Trend nennen kann.

Völlig normal, die Themen!

Insgesamt schreibt der Autor herrlich erfrischend über krasses Zeug und kleine Dinge.

  • Am Flughafen ohne Personalausweis fliegen wollen und dafür eine in Berlin lebende, kranke Katze erfinden.
  • Eine Freundschaft über Monate aufrecht erhalten, weil man sich nicht traut, die Wahrheit zu sagen und vor allem abzusagen.
  • Für 30 % Rabatt im teuren Urlaub vorgeben, man sei mit seiner Begleitung verheiratet.
  • Im Internet Chatfreunden durch ausgiebige Google-Recherche vorgaukeln, man habe die gleichen Interessen und vor allem Ahnung davon.

Jep, all diese Themen holen mich ab, denn mal im Ernst: Jeder Leser hat das ein oder andere schon einmal gemacht. Und falls nicht, sollte man da mal drüber nachdenken. Durch Lügen wird das Leben offenbar deutlich witziger, immerhin kann man ganze Bücher mit ihnen füllen.

“Ich brauche mindestens einmal im Jahr einen schönen Ausflug in ein anderes Land, um nicht auf offener Straße fremde Menschen zu beißen, wenn ich das Gefühl habe, dass sie sich unter der durchschnittlichen Gehgeschwindigkeit von 5 km/h bewegen.” Seite 41

Auch sprachlich bleibt Michael Buchinger wieder nah am Niveau seines Debüts. Er sorgt mit anschaulichen Bildern für Lacher, wie du im oben zitierten Beispiel sehen kannst. Das ist so simpel formuliert, so realistisch und unrealistisch zugleich, ach, ich fühle einfach mit und liebe die Schreibe!

Einfach mal die Klappe halten

Übrigens, und das muss gesagt werden, weil es mich mega nervt im Alltag: Michael Buchinger sagt, was ich schon seit Monaten in die Welt hinausbrüllen soll. Man kommentiert nicht das Aussehen von Menschen, wenn es kein “Heute siehst du aber gut aus” ist! Punkt. Ein “Hast du zugenommen?”, “Hast du abgenommen?” oder “Du siehst ja fertig aus” gehört nicht ausgesprochen.

Daher finde ich es besonders stark, wie Michael Buchinger auf Seite 168 in “Lange Beine, kurze Lügen” appelliert:

“Flüstert eure ungefragte Meinung in eine Muschel und werft sie in den Ozean, denn dort gehören sie beide hin.”

Dieser Appell kommt zum Tragen an der Stelle, an der der Autor von seiner Magersucht und den sehr bedenklichen Methoden (Lügen) berichtet, die damit zusammenhängen. Ich finde es außerordentlich gut, dass auch ein solches Thema in einem humorvollen Buch vorkommt und Michael Buchinger sich selbst sogar dabei im Nachhinein nicht ganz so ernst nimmt. Statt einer tragischen Erzählung über die Selbstzerstörung im Rahmen der Anorexie gibt’s eben Gedenken an die eigene falsche Motivation und die gesellschaftliche Dummheit, die solch eine Erkrankung leider fördern und ins Rollen bringen.

Schwächen des Buchs:

Etwas schwach fand ich, was ich bereits gelobt habe. Der Schreibstil von Michael Buchinger ist klasse, und gerade die anschaulichen Bilder bringen mich zum Schmunzeln und geben einem diesen locker-luftigen Impuls aus einer Mischung von “Hat er nicht gesagt!” und “Genau das!” – aber mich haben die Vergleiche genervt. Gerade in der frühen Mitte oder beim späten Anfang des Buches hatte ich eine Tief-Phase. Da hat mich genervt, dass Michael Buchinger alles mit allem vergleicht. Das Schema “Er tut etwas so, wie ein X das bei einem Y macht” ist nett und wirkt vereinzelt richtig klasse, aber bitte nicht, wenn es abschnittsweise mindestens ein Mal auf jeder Buchseite vorkommt.

Foto vom Buchcover Lange Beine Kurze Lügen. Im Hintergrund: Michael Buchingers Debütroman.
Lange Beine, kurze Lügen. Im Hintergrund “Der Letzte macht den Mund zu”. Foto: Kia Kahawa

Mein Fazit zu Lange Beine, kurze Lügen:

Im Großen und Ganzen ist “Lange Beine, kurze Lügen* eine gelungene Veröffentlichung, ein wirklich schöner zweiter Teil aus Michael Buchingers Leben. Es hat mich wir immer unterhalten, wenngleich ich dieses Buch nicht so schnell und süchtig verschlingen konnte wie Michaels Debüt.

Beeindruckend war, was ich über mich selbst gelernt habe: Ich sollte viel mehr lügen! Ein komplexes Lügenkosntrukt, das man in “Lügen.docx” festhalten muss, um selbst hinterherzukommen, ist zwar nicht das, was ich will, aber ich habe ein paar Learnings für mich mitgenommen. Zum Beispiel, keine Ausreden zu benutzen, aber dennoch keine Gefühle zu verletzen. Zu gewissen Taxifahrern werde ich in Zukunft auch sagen, dass ich sofort aussteigen will, wenn sie mich mit ihren hässlichen Meinungen belästigen – Michi, sei gewiss: So etwas kommt nicht nur in Österreich vor, in Hannover begegnen mir ausschließlich solche fiesen Leute.

Also: Ein bisschen mehr lügen an den richtigen Stellen für mich, ein bisschen mehr Ehrlichkeit für Michi, der am Ende seines Buches 7 Tage ohne Lügen ausprobiert und dokumentiert hat – das ergibt mathematisch genau 4,0 Sterne für “Lange Beine. kurze Lügen.”

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Lange Beine, kurze Lügen

Michael Buchinger

Humor Biografisch
Softcover, 242 Seiten

erschienen bei Ullstein

09. November 2018

ISBN 978-3-548377780

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Kia über Kurzgeschichten

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Beim Buchensemble gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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