Düstergoldene Abschreibübung – Ravinia [Rezension]

Düstergoldene Abschreibübung – Ravinia [Rezension]

Lara McLane bekommt zu ihrem sechzehnten Geburtstag einen Schlüssel, der sie in die Victoria Street in Edinburgh führt, egal, in welches Schloss sie ihn steckt. Sie beginnt eine Ausbildung im dortigen Schlüsselmacherladen und gerät schon bald in die Stadt Ravinia. Diese liegt zwischen den Welten und ist das Zuhause der magischen Handwerker, wie es auch Laras Eltern waren, bevor sie bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Schon bald merkt Lara allerdings, dass Ravinia nicht nur wunderschön ist, sondern auch so einige Geheimnisse bereit hält. Ein Tyrann Namens Roland Winter ist plötzlich wieder in aller Munde, schreckliche Morde geschehen und Freund und Feind sind nicht mehr auseinanderzuhalten. Bald schon merkt Lara, dass sie selbst eine besondere Rolle in all dem spielt – und dass sie nicht die ganze Wahrheit über ihre Eltern kennt…

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mich gefreut, dass es endlich vorbei war.
  2. Noch einmal nachgesehen, ob ich Band 2 wohl auch nur als Mängelexemplar gekauft habe (alles andere wäre Geldverschwendung gewesen).
  3. Band 2 vorerst weit außer Reichweite geräumt.

Mein Eindruck zu Ravinia:

Ich hatte mich wirklich sehr auf Ravinia von Thilo Corzilius gefreut. Ein geheimnisvolles Buch, das noch dazu in meiner liebsten Stadt auf Erden (Edinburgh) spielt und dessen Rückseite anpreist, es wäre „für alle Fans von Christoph Marzi“ geeignet (mein Lieblingsautor). Und dann das. Ein pseudopoetischer Captain Obvious höchst persönlich, der einen durch Klischees und sinnfreie Dialoge führt, dazu eine nervige Protagonistin, die so schlau ist, dass sie echt rein gar nichts checkt. Herrlich. Und so absolut durchschnittlich, dass man es kaum glauben kann. Aber ich greife vor.

Stärken des Buchs:

Nun denn. Erst mal zu den Stärken. Also ich mag die Idee (die nur ganz ein kleines Bisschen von Christoph Marzi und Neil Gaiman geklaut ist – aber halt schlecht … ja, ich weiß, das ist keine Stärke). Es gibt eine Stadt parallel zu den uns bekannten Städten, in der seltsame Dinge vor sich gehen und in der Magie groß geschrieben wird. Eine mystische, düstergoldene Stadt mit einem zauberhaften Charme und sprechenden Raben. Genau, was ich gerne lese (wenn jemand neben Lycidas und Neverwhere ähnliche Vorschläge hat: immer her damit, hier oder auf Twitter/Insta/…, wo ihr wollt).  Dazu eine sehr hübsche Stadtkarte (die ich erst gerade eben bemerkt habe), schöne Kapitelgestaltungen mit einem Einleitungssatz zu jedem Kapitel im Sinne von:

1. Kapitel, in dem Lara bei einer Tasse Kakao herausfindet, dass ein Schlüssel nicht immer gleich ein Schlüssel ist.

Ich liebe solche Einleitungssätze, vor allem so großflächig und mit Illustration. Dazu stand am Beginn eines jeden Kapitels noch ein Songzitat oder ein Zitat eines berühmten Autors, das dem Text noch eine gewisse Note verleiht. Von der Textgestaltung also hervorragend, 5 von 5 Sternen. Und dann … kam der Rest.

Schwächen des Buchs:

Wo soll ich nur bei den Schwächen anfangen? Vielleicht bei der Sprache. Nach knapp vier Seiten war mir klar: dieser Autor benutzt gerne pseudopoetische Sprache. Und was zeichnet die aus? Genau. Schlechte Metaphern und sinnlose Wiederholungen. Man kann eine Sache nämlich nicht mit einem Satz beschreiben, sondern braucht für jeden mindestens drei. Das ist nämlich nicht nur langweilig, es ist von Grund auf fadisierend – nein, was sage ich! – es ist zutiefst öde, wie eine Segelfahrt an einem bewölkten Regenmorgen bei Windstille im Dorfteich, oder einem kleinen See, vielleicht auch einem Gewässer der Größe eines… (Ich glaube, ihr versteht, was ich meine). Zuerst dachte ich, diese Sprache bessert sich bestimmt mit der Zeit, aber nein, die wunderbar poetischen Wiederholungen ziehen sich bis zum Ende durch. Natürlich ist diese Sprache ab und zu sehr ansprechend, aber die meiste Zeit habe ich mir einfach nur gedacht: Herrschaftszeiten, jetzt komm doch endlich zum Punkt!

Wer kann, der kann – und wer’s nicht kann…

Dasselbe zieht sich auch durch den Inhalt. Was als kreative Stilform im Stile eines Marzi gedacht war, wirkt in Ravinia leider nur lächerlich und anstrengend. Mit einem Wort: Der Corzilius kann’s einfach nicht. Jeder Absatz beginnt mit derselben Satzkonstruktion, z.B. „Das Wetter ist ein Verräter.“, kurz darauf: “Das Leben ist ein Verräter“ und am Schluss, natürlich (John Green lässt grüßen): „Das Schicksal war der größte Verräter überhaupt.“ Dies mag ja ansich ganz nett wirken, durch die Undramatik des Inhalts wirkt es jedoch einfach nur ein bisschen übertrieben. Wie ich, vor zehn Jahren, als ich begonnen habe zu schreiben, und noch keine Ahnung hatte, was Schreibstil ausmacht. Fast schon ein bisschen süß – nur eben nicht für ein Buch aus dem Piper-Verlag, sondern für den ersten Fantasyaufsatz von Herbert Müller, Klasse 5D.

Dafür spricht auch der Rest. Die Handlung ist sehr einfach konstruiert, erinnert an ein nicht sehr kreatives Kinderbuch. Ab und zu war es wirklich spannend (außer beim Endkampf), aber sonst fehlen einfach ein Haufen relevanter Dinge. Auch die Charakterzeichnung ist überwältigend klischeebeladen: Verräter riecht man auf 500 km. Böse Buben sind meeeega-böse inkl. irrem Bösewichtlacher natürlich und fiesen, nicht wirklich erklärbaren Weltherrschaftsplänen, die natürlich (Achtung, Spoiler) vereitelt werden. Außerdem sind sie natürlich Ausländer – klar. Wer, außer einem Araber sollte schon den grausamen Obermotz unterstützen (*kotz*)? Die Guten hingegen sind natürlich ganz super toll und tapfer (und Briten), stolpern mehr herum, als dass sie irgendwas hilfreiches zustande kriegen.

Es steht und fällt mit der Protagonistin

Dazwischen gibt es nichts – außer natürlich unserer begnadet schlauen Protagonistin, die für absolut alles zu dumm ist. Man präsentiert ihr die Lösung am Silbertablett, wirft den Zaunpfahl darauf und montiert eine Leuchtreklame – Lara McLane kapiert es nicht. Dennoch wird sie ständig von allen anderen Charakteren gelobt, dass sie so schlau ist (nein, leider nicht sarkastisch). Außerdem erinnert sie verdächtig an eine kindlich dumme und nervtötend trotzige Version von Emily Laing (Namensähnlichkeit Absicht? Ich hoffe nicht.) aus Lycidas, wie übrigens auch Tom, der schweigsame Gehilfe, der verdächtige Ähnlichkeiten mit Wittgenstein hat (ebenfalls aus Lycidas). Nur eben schlecht umgesetzt. Fragen werden prinzipiell nicht beantwortet (warum auch, das langweilt den Leser bestimmt), alle benehmen sich wie die größten Rätselrater und werfen mit unverständlichem, kryptischem Zeug um sich.

Dementsprechend sind die Beweggründe der Charaktere auch gezeichnet – entweder absolut wirr oder, wie oben beschrieben, ein Ergebnis ihrer allumfassenden Gut- oder Bösartigkeit. Der einzige, der ein bisschen was drauf hat, ist Lee. Ein amerikanischer Junge, der sehr fragwürdig in die Story stolpert. Immerhin zeigt er zwischendurch als einziger ein bisschen Mumm und Verstand und – doch noch ein Punkt für das Buch Ravinia – wird nicht zu Laras Loveinterest, weil sie nämlich keines hat (endlich mal).

Innengestaltung von Ravinia. Foto: Marlen Grand

Mein Fazit zu Ravinia:

Bis auf ein paar spannende Erzählungen, eine gute Grundidee und ein erfrischendes Fehlen von Teenie-Liebesgeschichten ist Ravinia von Thilo Corzilius also ein Meisterwerk. Ein Meisterwerk an Klischees, sinnfreien Wortwiederholungen und absolut beeindruckender Stupidität einer Protagonistin, die einem den letzten Nerv raubt. Dazu eine wirklich schlechte Abschreibübung zu Christoph Marzis Lycidas (und Folgebände). Und das über 396 Seiten. So wenige? Ja! Aber zum Glück steht in meinem Regal auch schon der Folgeband, Epicordia, der mich irgendwann (wenn ich vergessen habe, wie schlecht Band 1 war) bestimmt wieder in die sinnfreie Welt Lara McLanes zurückführen wird. Und das dann sogar auf prächtigen 407 Seiten! Yey! Das ist doch ein Grund zu feiern…


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ravinia cover

Ravinia

Thilo Corzilius

Fantasy
Softcover, 400 Seiten

erschienen bei Piper

01. März 2011

ISBN 978-3492267618
12,95 € bei Amazon*

 

 

M. D. Grand

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

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