Wie ein Tagebuch, das ich heimlich lese – Paincakes und andere Kuriositäten

Wie ein Tagebuch, das ich heimlich lese – Paincakes und andere Kuriositäten

Elyseo da Silva veröffentlicht mit Paincakes und andere Kuriositäten seine gesammelten Reiseberichte aus seinem damaligen Blog. Beginnend mit dem Jakobsweg berichtet er weniger von den klassischen Erlebnissen, sondern spricht von Gefühlen, Gedanken, Beobachtungen und Veränderungen. Paincakes geht nicht um die Orte an sich, sondern was diese mit dem Autor machen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mir die tollen Sätze angeschaut, die ich markiert habe
  2. Darüber nachgedacht, warum saugute Bücher nur mittelmäßige Sterne kriegen
  3. Mir als nächste Lektüre was Literarisches rausgesucht, weil ich Sprachgefühl vermisst habe

Mein Eindruck zu Paincakes und andere Kuriositäten:

Es ist roh, nahezu unbearbeitet und wie aus der Seele gestanzt. Der Zugriff ist erst einmal schwierig, denn mir als Leserin wird nichts erklärt. Ich muss das Buch annehmen, wie es ist, die Hand reicht es mir nicht. Die ungewöhnliche Lektüre verbirgt einige Überraschungen, hervorragende und schockierende. Ich durfte Paincakes vor der Veröffentlichung vorab lesen. Dazu muss ich erwähnen, dass ich den Autor persönlich kennengelernt habe, weshalb man der Rezension 30 Prozent Objektivität abziehen muss.

Stärken des Buchs:

Schon nach wenigen Seiten von Paincakes und andere Kuriositäten traf mich ein Satz, den ich vor Verliebtheit mehrere Male lesen musste: „Bereits zehn Jahre zuvor hatte ich auf dem Camino gelernt, dass es nichts Besseres gibt, als zu wandern, um einen Stillstand zu beenden.“ Dieser erste Einblick bestätigte sich: Immer wieder gab es solche herrlichen Stellen, in denen der Autor reflektiert und mir selbst so viel Wahrheit gibt. Meine Lieblingstellen sind, wenn er sich an einem Tag beim Wandern bewusst entschließt, mit einem Pilger gemeinsam zu gehen, der wegen eines schlechten Knies sehr langsam ist, um sich dadurch „auf spezielle Weise“ auf seine Mitmenschen einzulassen. Oder wenn er bei starkem Seegang beim Whalewatching auf einem Nussschalenboot hockt und sich die Todesangst nimmt, indem er dem Bootsführer Vertrauen schenkt. Im Text sind so viele Juwelen versteckt und ich bin mir sicher, ich werde noch oft zu den markierten Stellen zurückkehren.

Paincakes und andere Kuriositäten E-Book. Foto: Magret Kindermann

Elyseo da Silva zeigt in Paincakes und andere Kuriositäten keine Scheu, voller Ehrlichkeit präsentiert er sich. Er berichtet davon, wenn andere ihn verletzen, wenn er sich kritisch betrachtet, wenn er sich selbst peinlich ist, wenn er sich verlassen fühlt. Dabei suhlt er sich nicht darin, dass andere Schuld haben (oder nicht), sondern überlegt immer, was er Positives aus der Sache herausziehen kann. Dadurch gibt es in den Reiseberichten trotz viel Schwere ein äußerst positives Lebensgefühl mit viel Humor, ohne plump zu sein.

Orte abhaken ist nicht das Ziel des Autors, er reist, um den Menschen zu begegnen – und sich selbst. Dadurch wurde ich beim Lesen automatisch mit mir selbst konfrontiert, was herrlich war. Das ist genau das, was ich in Büchern suche. Tatsächlich habe ich den Jakobsweg nun auf meine Bucket-List geschrieben.

Schwächen des Buchs:

Schon vorab im Vorwort von Paincakes und andere Kuriositäten heißt es, dass die Blogbeiträge fast ohne Änderungen übernommen wurden und das stimmt. Leider, finde ich. Obwohl der Autor auch Romane schreibt, hat er sein Können nicht für Paincakes angewendet. Das führt dazu, dass ich mich beim Lesen oft überfordert fühlte. Er springt, nimmt Sachen vorweg, führt manche interessante Stellen nicht aus und erklärt vieles nicht. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, dass ich einfach nicht alles erfahren oder verstehen kann, trotzdem mindert es den Lesespaß und vor allem auch, was man aus den Reiseberichten mitnehmen könnte. Rechtschreibfehler gibt es dafür wenige und auch grammatikalisch stimmen die Sätze. Man muss sich also nicht durch Gestotter kämpfen.

Im letzten Drittel haute mir Paincakes plötzlich eine rein: Es gibt eine Schlachtszene, die mit allen Details beschrieben wird. Mir wurde eiskalt und übel. Auf diesen Horror war ich nicht vorbereitet. Ich bin nicht umsonst Vegetarierin und ich finde auch nicht, dass er diese Szene hätte verschweigen sollen – immerhin führte sie auch dazu, dass er ebenfalls auf Fleisch verzichtete –, aber ich wäre gerne vorgewarnt worden, um entscheiden zu können, ob ich mich dazu bereit bin. Mittlerweile hat der Autor in die Online-Beschreibung eine Inhaltswarnung eingefügt, die in allen Shops zu sehen ist.

Mein Fazit zu Paincakes und andere Kuriositäten:

Paincakes und andere Kuriositäten ist ein Buch, das wie für mich geschrieben ist, und ein Juwel hätte sein können, wenn es nur ein wenig mehr geschliffen worden wäre. Paincakes und andere Kuriositätenist für alle, die bereit sind, diese Schleifarbeit selbst zu erledigen, um kleine Schätze freizulegen. Für mich hat es sich gelohnt.

Du willst mehr von Magret lesen? Hier gelangst du zu ihren Rezensionen.

Paincakes und andere Kuriositäten

Paincakes und andere Kuriositäten

Elyseo da Silva

Biografisch
Softcover 312 Seiten

erschienen bei TWENTYSIX

30. April 2020

ISBN 978-3-740765729


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