Ein wohlig atemlos machendes Buch – Nachtgesichter

Ein wohlig atemlos machendes Buch – Nachtgesichter

Maru entkommt der erdrückenden Ödnis seines Bürojobs, indem er als Priestergehilfe im Shinto-Schrein seines Onkels beginnt.

Auf der Suche nach seinen Wurzeln und sich selbst, gerät die Welt um ihn herum in Unruhe. Seine Aufgaben im Schrein werden zunehmend durch eine private Dimension erweitert, die bis in die Vergangenheit seiner Familie zurückführen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Durchgeatmet
  2. noch einen Kaffee getrunken (welch Frevel bei dem Buch)
  3. aus dem Fenster geschaut

Mein Eindruck zu “Nachtgesichter”:

Die kurze, aber eindrückliche Geschichte ist wie eine Atempause, die atemlos zurücklässt. Sie ist ruhig und gewaltig zugleich, erzählt schwer ohne laut zu sein. “Nachtgesichter” ist ein Buch für sonnige Nachmittage, sehr gut geschrieben für ein Debüt und angenehm zu lesen.

Obwohl ich bisher keinerlei Bezug zu Japan hatte, konnte ich mich gut in die mythologische Welt einfinden, der Glossar hinten im Buch hat mir sehr geholfen.

Stärken des Buchs:

Vanessa Glau schafft es mit unaufgeregter, ruhiger Stimme eine durch und durch spannende und gut durchdachte Geschichte zu erzählen. Die Themen in “Nachtgesichter” sind bedrückend, der Selbstmord einer Schülerin hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, vor allem, weil er nicht aufgebauscht, sondern schonungslos dargestellt wird, als das was es ist. Eine Tragödie, die ihre Kreise zieht. Und sie wirkt auch ohne den mythologischen Hintergrund.

Das Setting und die Figuren sind aufwändig gestaltet. Ohne ausufernde Beschreibungen gelingt er der Autorin detaillierte Bilder bei Lesenden zu erzeugen. Ob das Setting eines japanischen Shinto-Schreins korrekt gestaltet ist, kann ich mangels Wissen nicht beurteilen, begeistert hat es mich in jedem Fall.

Die Welt, in die sich Maru an einem Punkt im Buch begibt, wird nicht groß erklärt. Lesende werden mit einer gewissen fordernden Selbstverständlichkeit hineingeworfen, die mir gefällt. Mysterien existieren und werden als solche behandelt.

Die Figuren sind vielfältig und überraschend. Marus Onkel und die Cousine sind schwer zu durchschauen und überraschen auf ganz unterschiedliche Weise. Fast jede Figur hat ein kleines Geheimnis, das sich im Laufe des Buches entpuppt. Das kann eine persönliche Entwicklung oder auch das Spiel mit den Leser*innenerwartungen sein.

Schwächen des Buchs:

Ganz ehrlich, ich finde keine. Das Buch ist wunderschön. Innerlich wie äußerlich, hat genau die richtige Länge, beschreibt das Nötigste und zugleich vielmehr.

Mein Fazit zu “Nachtgesichter”:

Ich möchte “Nachtgesichter” eigentlich allen empfehlen. Ich kann mir vorstellen, dass Lesende diese Geschichte sehr unterschiedlich aufnehmen, zugleich denke ich, dass sich für nahezu jede*n etwas darin finden lässt.

Willst du mehr von Wiebke lesen? Hier kommst du auf ihre Rezensentinnen-Seite!



Nachtgesichter

Vanessa Glau

Fantasy
Softcover, 200 Seiten

erschienen bei TWENTYSIX

08. Januar 2021

ISBN 978-3-740772239

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