Bricht mit Erwartungen, aber hält, was es verspricht – Loreley [Rezension]

Bricht mit Erwartungen, aber hält, was es verspricht – Loreley [Rezension]

Loreley: Ailis ist das eigenbrötlerische Lehrmädchen des Burgschmids, das zusehends in die Fänge eines kleinen Mädchens gerät, das in einer Felsspalte des Lurlinberges gefangen gehalten wird. Schnell wird klar, dass es sich um kein gewöhnliches Mädchen handelt, sondern um ein uraltes magisches Wesen, das durch die Verkettung zahlreicher Ereignisse schließlich Ailis, Freundin Feein seinen Bann zieht. Ailis ahnt, dass sie ihre geliebte Freundin bereits verloren hat, ist jedoch nicht bereit, sie aufzugeben. Mit der Hilfe einer Gruppe von Spielmännern beschließt sie, ihre Freundin zu retten. Doch bald muss sie einsehen, dass es um viel mehr geht. Fee ist nicht mehr zu helfen und Ailis ist vielleicht die einzige, die das uralte Echo aufhalten kann.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Auf die Uhr gesehen – Uh! So spät schon.
  2. Schlafen gegangen
  3. Dann doch noch schnell die Loreley gegooglet

Mein Eindruck zu Loreley:

Aus Neugierde habe ich in den länger zurückliegenden Veröffentlichungen von Kai Meyer gestöbert. “Loreley* weckte mein Interesse, da ich praktisch in ihrer Nachbarschaft wohne und Erzählungen rund um den legendären Felsen am Rhein sehr schätze. Der Titel erweckte in mir automatisch Gedanken an Sirenen, verlorene Schiffe und natürlich zauberhaft schöne Frauen, die Männer in den Untergang locken. Allerdings spielt das Buch sehr gekonnt mit diesen Erwartungen. Ich fand die Bestandteile zwar in der Geschichte, aber irgendwie auch wieder nicht. Zumindest nicht so wie gedacht.

Die Handlung führt die Lesenden ins Rheintal und berichtet auch von einem jungen Mädchen im Berg, das andere mit ihrem Gesang anlockt, im weiteren Verlauf einem Mann den Kopf verdreht und letztlich sein Untergang ist. Allerdings ist das auch alles, was von der heute vorwiegend verbreiteten Loreleyen-Sage übernommen wurde. Die Elemente werden in wesentlich weiter zurückreichende Erzählungen rund um den sagenumwobenen Berg eigebettet und zu etwas Neuem verknüpft. Das Ergebnis weckt Neugierde, die selbst über teils langatmige Erzählstrecken hinwegträgt.

Stärken des Buchs:

Das bereits erwähnte Spiel mit den Leser*innenerwartungen ist meines Erachtens nach die herausragendste Stärke von “Loreley”. Das Buch schafft es, mit den Erwartungen zu brechen und trotzdem nicht zu enttäuschen.

Was beginnt wie ein historischer Roman, erhält zunehmend fantastische Elemente, die über den Aberglauben der dargestellten Figuren hinausgeht. Dieser Wandel gefiel mir persönlich sehr gut. Nach fünfzig Seiten wusste ich nicht wirklich, was mich noch erwarten würde und selbst nach hundert Seiten wurde ich noch überrascht. Das schaffen nicht viele Bücher.

Der historische Mantel, der der fantastischen Handlung umgelegt wird, ist gut recherchiert und überzeugend dargestellt. Besonders gut gefiel mir, dass das Setting aufgefrischt wird durch kleine Elemente, die uns sonstige Mittelalter-Klischees gerne auszureden versuchen. So ist die Protagonistin keine der häufig gewählten Mägde, Zofen oder Ammen, sondern die Gehilfin des Schmids, die kurz geschorenes Haar und Hosen trägt. Ebenso überraschend kommt die angedeutete Liebesbeziehung zwischen Ailis und Fee daher, die jedoch durch Fees Heiratspläne gestört wird. Diese Ehe geht Fee auf eigenen Wunsch ein und Baan ist kein gewalttätiger Wüstling, sondern ein einfacher Ritter aus der Eifel.

Schwarz und Weiß

An dieser Stelle lässt sich auch sehr schön das Spiel mit der schwarz-weiß-Malerei in der Geschichte darstellen. Das Buch teilt die Figuren zunächst sehr offensichtlich in gut und böse ein. Als Beispiele hätten wir zunächst Fee, das schöne und gutherzige Burgfräulein und auf der anderen Seite Ailis, die eigensinnige und eigenbrötlerische Schmiedegehilfin.

Zugegeben: Ailis ist nicht böse in dem Sinne, bildetet jedoch den eindeutigen Gegenpol zu Fee. Das Verhältnis wird umgedreht, indem sich die Figuren den übergeordneten Gegenspielern zuordnen: Fee geht, zwar unfreiwillig, auf die Seite des Echos und Ailis schließt sich den Spielleuten an, die sich zwar eigentlich gar nicht einmischen wollen, aber dann trotzdem alle bereit sind, für das Gute sterben.

Loreley von Kai Meyer, Foto: Wiebke Tillenburg
Loreley von Kai Meyer, Foto: Wiebke Tillenburg

Tolle Figuren

Die Spielmänner (natürlich ausnahmslos Männer, bis Ailis hinzustößt) gefielen mir persönlich am besten. Der Lange Jammrich taucht bereits zu Beginn der Geschichte auf und lenkt Ailis Aufmerksamkeit auf die “Melodie hinter der Melodie”, die Ailis dank ihres ausgeprägten Gehörs wahrnimmt. Der Lange Jammrich tritt als vielversprechende Figur auf. Er ist geheimnisvoll, selbstbewusst und klug. Und dann geht der einfach weg!

Darüber war ich ehrlich empört und dann natürlich umso mehr erfreut, als er irgendwann wieder auftauchte, Ailis mitnahm und noch weiteren Spielleuten vorstellte. Für mich lässt sich übrigens ganz klar feststellen, dass ich das Buch ab diesem Punkt nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Das Wirtshaus inmitten der geheimen Spielmannspfade war eines der Details, die die Welten von Kai Meyer so lebendig und besonders machen. Ich muss zugeben, in “Loreley” nicht ganz so viele davon gefunden zu haben, aber die Spinnen in besagtem Wirtshaus haben es mir dann doch angetan.

Schwächen des Buchs:

Teilweise hatte ich das Gefühl, die erzählte Zeit zog sich wie Kaugummi und die Protagonistin müsste inzwischen um Jahrzehnte gealtert sein und dann kam die Erwähnung, dass eigentlich erst ein paar Tage vergangen waren. Diese Momente begegneten mir während des Lesens häufiger. Letztlich vermutete ich sogar eine Absicht dahinter, also dass die Protagonistin vielleicht das Gespür für die Zeit verloren hat oder die Realität nicht mehr von der Fantasie unterscheiden kann. Dieser Verdacht wurde allerdings nicht bestätigt, sodass die Irritation blieb und die Längen während des Lesens leider auch nicht mehr verschwanden.

Fee. Sie ist schön und gut und lieb und Ailis ist bis in die Haarwurzel in sie verliebt. Zwischendurch ist Fee zwar ein bisschen trotzig, aber macht dann eigentlich trotzdem, was die anderen von ihr wollen. Aber jetzt will sie das wenigstens auch. Oder so.

Ein bisschen Klischee und Enttäuschung

Tatsächlich hoffte ich, nach ihrem alles entscheidenden Wandel würde diese Figur ein wenig interessanter. Nein, die gute Dame wurde einfach nur noch ein bisschen nerviger. Ihre Rolle als fleischgewordene Loreley nimmt sie sehr ernst, was stellenweise etwas klischeehaft daherkommt.

Ich hatte das Gefühl, dass zu viele Handlungsstränge in die Geschichte gesteckt wurden, somit zu kurz kamen und zuletzt fehl am Platz wirkten. Der gesamte Teil rund um die Gräfin und Titania. Die Begegnung zwischen den beiden ist nichtssagend und transportiert nur den Umstand, dass die Gräfin Kontakte nach Faeriae hegt. Auch Ailis Ausflug zu dem weißen Pferd bleibt ohne jede nachvollziehbare Konsequenz für die Handlung. Ja, Baan stirbt, aber es war auch so vorherzusehen, dass das keine dauerhaft glückliche Ehe wird. Ebenso bleibt die ganze Geschichte rund um die Naddred und Fees Vater, die zwar eigentlich der Motor diverser Ereignisse ist, dochnur ein Nebenschauplatz. Diese Fülle an Informationen und Nebensträngen lässt das Bestreben erahnen, möglichst viel des recherchierten Wissen in die Handlung einzubauen.

(Eine Schwäche, die sich sehr leicht verezeihen lässt, denn das Nachwort ist informativ und stellt jenes Wissen klar heraus. An dieser Stelle daher der Hinweis: Unbedingt das Nachwort lesen!)

Mein Fazit zu Loreley von Kai Meyer:

Loreley* von Kai Meyer ist für Lesende, die fantastische Geschichten vor historischer Kulisse mögen und bereit sind, den ein oder anderen Handlungsfaden mehr im Blick behalten zu müssen.

Mir hat das Lesen großen Spaß gemacht. Trotz einiger Längen konnte mich die Handlung letzten Endes fesseln. Die Protagonistin wirkt zwar störrisch, aber dennoch so sympathisch, dass ich mich als Leserin mit ihr identifizieren konnte. Die wechselnden Schauplätze sind anschaulich und detailliert beschrieben, was die Geschichte zu einer “Vom Rhein bis in die Eifel”-Reise für den Kopf macht, bei der die Ausflüge auf die geheimen Spielmannspfade das Highlight darstellen.

Es bleibt noch zu erwähnen, dass mich die Lektüre ein bisschen schlauer gemacht hat. Denn die im oben bereits erwähnten Nachwort geschilderten Hintergründe zur Loreley waren mir nicht bekannt.

Willst du mehr von Wiebke lesen? Hier kommst du zu all ihren Rezensionen.

Loreley

Kai Meyer

Historisch
E-Book, 397 Seiten

erschienen bei Heyne

2001

ISBN 978-3-453187115
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Wiebke über Trilogien

Wiebke liest alles, was ihr interessant erscheint und nicht Horror ist. (Sonst kann Wiebke nicht schlafen.) Verschiedene Gattungen der Fantastik findet sie besonders häufig interessant und sie liebt den klassischen Krimi. Bilderbücher sind ihre große Leidenschaft und sie sammelt sie nicht nur für ihre Kinder. Einst studierte Wiebke Geschichte und Germanistik, allerdings störte sie das dazugehörige Lehramt irgendwann dermaßen, dass sie damit aufhörte und sich vorerst ausschließlich dem Schreiben eigener Bücher widmet.

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