Legt eigentlich ganz viele Spuren – Die Spur der Bücher [Rezension]

Legt eigentlich ganz viele Spuren – Die Spur der Bücher [Rezension]

Mercy Amberdale wächst zwischen Büchern auf, sie ist Bibliomantin und der Liebe zu Büchern verpflichtet, wie alle, die ihr Talent teilen. Doch ein schlimmer Vorfall, für den Mercy sich ganz allein die Schuld gibt, bringt sie dazu, sich von ihrem kranken Ziehvater, den Freunden und sogar der Bibliomatik abzuwenden.

Sie erledigt bezahlte Diebstähle für gierige Buchsammler und finanziert sich so ihr Leben. So baut sie sich einen Ruf unter hochrangigen Bibliomanten auf. Als der Nachbar und Konkurrent ihres inzwischen verstorbenen Ziehvaters auf grausame Weise ermordet wird, nimmt sie die Ermittlungen auf und verstrickt sich immer tiefer in uralte Verschwörungen und Fehden, bis sie zuletzt auf die Geheimnisse ihrer eigenen Herkunft stößt, die nicht gefährlicher sein könnten.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Meine Wunschliste um einen “Veterator” ergänzt
  2. Mich über den sanften Cliffhanger geärgert
  3. Erleichtert festgestellt, dass “Der Pakt der Bücher” ja schon im Regal wartet

Mein Eindruck zu “Die Spur der Bücher”:

Bei einem Buch über Bücher erwarte ich persönlich, dass sein Äußeres ebenso eine Ode an das gedruckte Werk ist, wie das Innere. “Die Spur der Bücher* schafft genau das. Das Cover ist, wie auch schon bei der vorangegangenen Bibliomatik-Reihe, eine Schönheit. Der goldene Druck auf dem grau-blauen Grund ist ein Blickfänger. Besonders gut gefällt mir die Darstellung des Cecil Court auf der Frontseite, der schließlich auch ein zentraler Handlungsort in der Geschichte ist. Auf der Rückseite stört mich allerdings, der Abdruck der drei Bände aus der Vorgängerreihe “Die Seiten der Welt”. Mir erschließt sich natürlich der Sinn dieser Maßnahme, optisch macht es den Gesamteindruck allerdings ein bisschen kaputt. Zur äußeren Gestaltung gibt es bei mir immer ein kleines Mimimi, wenn ein Schutzumschlag vorhanden ist. Ich nehme ihn beim Lesen zwar immer ab, aber dennoch sehen die Umschläge irgendwann nicht mehr schön aus oder gehen kaputt.

Stärken des Buchs:

Vorab ein Geständnis: ich befinde mich bereits seit “Die Seiten der Welt” in den Fängen der Bibliomantik und habe mich unendlich auf diese weitere Bibliomatik-Reihe gefreut. Daher ist die bloße Existenz dieses Buches in meinen Augen bereits eine Stärke. Zugleich bedeutet es jedoch, dass ich mit sehr hohen Erwartungen an das Buch heranging.

Im Großen und Ganzen wurden meine Erwartungen auch nicht enttäuscht. Die Geschichte liest sich wie ein gut durchdachter, spannender Krimi. Ein großer Pluspunkt, dass dieser im viktorianischen England spielt. Das fantastische Setting rund um die Welt der Bibliomantik gibt dem ganzen den letzten Feinschliff. Hier sind mir die liebevollen, nicht aufdringlichen Detailbeschreibungen besonders positiv aufgefallen. Stellenweise hat der Leser das Gefühl, an der Seite von Mercy durch die Ober- und Unterwelt Londons zu schleichen. Die dabei gewonnenen Eindrücke sind so intensiv, dass es eigentlich nie gut riecht, es sei denn Bücher oder (bestimmte) Bibliomanten befinden sich in der Nähe. Was mich zu den Figuren führt, die diese Geschichte lebendig machen.

Die Protagonisten in den Büchern Kai Meyers waren mir selten auf Anhieb sympathisch, das hat meiner Begeisterung für seine Geschichten aber keinen Abbruch getan. Der Autor schafft es nahezu alle Akteuere mit authentischen, nachvollziehbaren Handlungsmotivationen auszustatten und diese derart miteinander zu verstricken, dass man sich manchmal fragt, ob da nicht doch ein Eigenleben zwischen den Seiten steckt. Ich schätze es, wenn auch eine Protagonistin nicht nur aus Tugenden besteht, sondern wie im Fall von Mercy Amberdale viele Fehler und Sturheiten mit sich herumschleppt, und sich damit meist selbst im Wege steht.

Neben den Figuren bringt die Bibliomantik auch in diesem Buch eine Reihe von belebten Kuriositäten und Lebewesen hervor. Hier zu nennen wäre die Alexandrinische Flamme Fornax, die nicht nur gefährlich, sondern auch ziemlich frech und redselig daherkommt. Redselig ist auch der Veterator, ein liebenswertes Wunderwerk, das vermutlich jeder Autor und Buchliebhaber gern bei sich im Regal wüsste.

Zur Handlung möchte ich so konkret nichts sagen, da das bei einem Krimi nur zu ärgerlichen Spoilern führt. Es sei so viel verraten: Es macht große Freude, Mercy bei der Verfolgung diverser Verschwörungsfäden zu begleiten und die eigenen grauen Zellen ein wenig anzustrengen. Ist man mit der vorausgegangenen Bibliomatik-Reihe bereits vertraut, kommt man einige Seiten vor Mercy auf die Lösung, was die Motivation weiterzulesen, jedoch nicht hindert. Denn wie bereits angedeutet, gibt es in dieser Geschichte sehr viele Fäden und einige hängen am Ende noch offen aus dem Buch heraus.

Schwächen des Buchs:

Nun kommen wir zu den Schwächen des Buches, nach denen ich zugegebenermaßen ein wenig suchen musste.
Ein kleiner Punkt, der kaum als Schwäche genannt werden kann, weil er einfach nur zu meiner persönlichen Belustigung beigetragen hat, dreht sich um die Figur des mysteriösen Autors Malahide. Ich gebe zu, ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung sich das Rätsel um diese Figur entwickeln könnte und rätselte fröhlich vor mich hin. Als es dann schließlich zur Auflösung kam, musste ich lachen. Klar, es ist ein fantastisches Werk und alles ist möglich, aber diese Lösung erschien mir grotesk. Und nach der gebotenen Erklärung, die zu dem Phänomen (das ich hier nicht näher ausführen werde, wegen Spoiler und so) führte, müsste die halbe Welt der Bibliomantik mit Personen wie Malahide angefüllt sein.

Ein weiterer Punkt, der mich stört ist, dass einige Figuren sehr leicht zu durchschauen sind, wenn man bereits mehrere Bücher des Autors gelesen hat. Sie passen mal mehr, mal weniger in bestimmte Schablonen, die man auch auf Akteure anderer Bücher und Reihen aus der gleichen Feder anwenden kann. Es führt dann beispielsweise dazu, dass ein überaus geheimnisvoller Marquis kein bisschen geheimnisvoll, sondern ziemlich durchschaubar ist. Auch hier handelt es sich um eine Schwäche in Klammern, denn mir ist bewusst, dass man sich als Autor nicht bei jedem Buch neu erfinden kann. Und nicht zuletzt greift man als Leser ja auch zu den Büchern des Lieblingsautors oder der Lieblingsautorin, weil man weiß, was einen erwartet. Nur wenn besagter Autor einen Ausflug in die Krimi-Welt macht, ist der Mörder eben recht flott gefunden. Von den Lesern jedenfalls.

Mein Fazit:

Die Spur der Bücher* setzt einen fantastischen Detektivroman in ein historisches Setting, in dem er sich pudelwohl fühlt. Es ist ein Ausflug in vollgestopfte Buchläden und dunkle, schmutzige Gassen, der am besten vor einem prasselnden Kaminfeuer vorgenommen wird. Dazu natürlich starken Tee und Scones. Die Geschichte lädt dazu ein, in einem Rutsch gelesen zu werden. Das Lesen macht Spaß, lässt den Leser mitfiebern, erschöpft ihn dabei aber nicht. Und ist man auf der letzten Seite angekommen, will man eigentlich gleich zum Folgeband greifen.

Die Spur der Bücher

Kai Meyer

Fantasy Krimi historisch
Hardcover, 448 Seiten
erschienen bei Fischer FJB
24. August 2017
ISBN
978-3-841440051
19,99 € bei Amazon*

 

Wiebke liest alles, was ihr interessant erscheint und nicht Horror ist. (Sonst kann Wiebke nicht schlafen.) Verschiedene Gattungen der Fantastik findet sie besonders häufig interessant und sie liebt den klassischen Krimi. Bilderbücher sind ihre große Leidenschaft und sie sammelt sie nicht nur für ihre Kinder. Einst studierte Wiebke Geschichte und Germanistik, allerdings störte sie das dazugehörige Lehramt irgendwann dermaßen, dass sie damit aufhörte und sich vorerst ausschließlich dem Schreiben eigener Bücher widmet.

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