Kady, oh Kady – Illuminae [Rezension]

Kady, oh Kady – Illuminae [Rezension]

BeiTech greift Kerenza an. Damit beginnt das Dossier, das die Gruppe Illuminae an jemanden sendet. Das gesamte Buch “Illuminae” besteht aus einer E-Mail, ihrem Anhang, einer Antwortmail und einem Chatverlauf. 95 % des Buches sind der Anhang. Und der hat es in sich.

Auf Kerenza wohnen Kady Grant und Ezra Mason. Es ist ein kalter Planet, und die Kolonie lebt von einer illegalen Mine. Plötzlich gibt es Krieg, ein wirtschaftlicher Privatkrieg, wie sich schnell herausstellt. BeiTech will sich den Planeten untertan machen, und zwar so, dass niemand etwas davon mitbekommt. Also werden sämtliche evakuierte Überlebende, die auf den Raumschiffen Copernicus, Alexander und Hypatia entkommen konnten, von der Lincoln, einem BeiTech-Schiff, verfolgt.

Kady landet auf der Hypatia, Ezra, ihr frischgebackener Exfreund, auf der Alexander, denn er ist verletzt, sie nicht. Die Raumschiffe haben mehr Bemannung, als ihre Kapazität erfordert, und unter all den Evakuierten werden dringend Arbeiter aller Art gebraucht: Denn irgendwie müssen sich die drei fliehenden Schiffe gegen die immer näher kommende Lincoln verteidigen.

So wird Ezra zum Piloten, aber Kady hat es geschafft, sich aus der Musterung zu winden und hackt fröhlich vor sich hin. Denn etwas auf der Alexander läuft gar nicht richtig. Und die Copernicus hat … äh, Probleme. Kady beginnt, alles herauszufinden, was intern schief läuft und stößt dabei auf Sachen, die echt nicht witzig sind. Wirklich nicht.

Der Verlag empfiehlt dieses Buch ab 14 Jahren, aber unsere Rezensentin weist darauf hin, dass die Illuminae-Trilogie frühestens ab 16 Jahren zu empfehlen ist.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ich habe an Anna gedacht und war sehr dankbar
  2. Ohne zu zögern habe ich Band 2 aus dem Schrank gezogen und weitergelesen
  3. geschlafen; ich war leider sehr krank zu der Zeit.

Mein Eindruck zu Illuminae:

Illuminae ist klasse. Natürlich kannte ich dieses Buch schon seit seinem Release, und als das Buchensemble noch unter seinem alten Namen online war, hatten wir von einem Rezensenten bereits eine Buchrezension zu Illuminae da. Und heute ist es endlich soweit: Ich habe es gelesen (und nicht nur die geniale Aufmachung bestaunt wie in den Jahren davor)!

Anna von InkofBooks hat mich auf dem Literaturcamp Hamburg 2019 ermutigt, dieses Buch endlich zu lesen. In ihrem Vortrag über Science Fiction und deren gute und schlechte Bücher hat sie Illuminae als Roman empfohlen, in dem man eine künstliche Intelligenz mit Bewusstsein realistisch und glaubwürdig kennenlernt. Da mein eigener Sci-Fi-Roman von gleich zwei KI mit Bewusstsein handelt, musste ich Illuminae einfach endlich lesen. Endlich hatte ich einen Grund, 40 Euro, gleich in einem Rutsch für Band 1 und Band 2, zu investieren. Danke, Anna!

Warum Kia immer so auf die Zukunft abgeht:

Kennt ihr den YouTube-Kanal “Kurzgesagt”? Ich schaue deren kurze Erklärvideos gerne, bin danach aber immer zu Tode betrübt. Wir sind wertlos, ein winziger Hauch in einem Augenblick eines Universums, in dem Milliarden Jahre ein vernachlässigbarer winziger Teil der Zeit sind. Ich werde zu Staub zerfallen sein, bevor die Handlung meiner Lieblingsbücher und meiner eigenen Sci-Fi-Werke real werden könnte, und Leute, im Ernst: Ihr hättet mich am 21. Oktober 2015 erleben müssen. Doch ich schweife ab.

Bei “Kurzgesagt” erklärt der Sprecher, dass die Menschheit entweder ein Wunder ist (und ihren Großen Filter, der die Menschheit auslöscht, hinter sich hat), oder dass sie den großen Filter noch vor sich hat. Das Video erklärt, wie wir alle sterben werden, wenn wir den Großen Filter noch vor uns haben:

“Eine Technologie, die so offensichtlich ist, dass man zwangsläufig irgendwann darauf stößt, die aber gleichzeitig so gefährlich ist, dass ihre Entdeckung unweigerlich zur Auslöschung führt.”, Dinge erklärt – Kurzgesagt, “Warum Leben auf dem Mars unser Untergang wäre“, ab 6:14 Minuten

Es ist die Rede von Menschengemachten, was uns auslöscht.

Ein Atomkrieg.
Nanotechnologie, die außer Kontrolle gerät.
Genetisch manipulierte Krankheitserreger.
Ein missglücktes Experiment, durch das wir unsere Atmosphäre abfackeln.
Eine super intelligente KI, die aus Versehen oder mit voller Absicht ihren Schöpfer auslöscht.

Illuminae enthält alles. Einfach alles. Gleichzeitig.

Dieses Buch ist Science Fiction, Dystopie, Thriller, Liebesroman, Jugendbuch, Tragödie und Entwicklungsroman in einem. Es macht mich fertig, sodass ich gar nicht weiß, was ich mit diesem Abschnitt sagen wollte. Ich glaube, ich möchte die Themen zeigen. Zeigen, was mich fasziniert. Vielleicht komme ich bei folgenden Rezensionen näher an das ran, was ich sagen möchte, vielleicht gibt es mal einen Themenartikel “Kia und die Zukunft” im Magazin – doch bis es soweit ist, müssen wir uns damit begnügen, dass Illuminae ein sehr aufschlussreiches, gutes, deprimierendes, anregendes, unterhaltsames, mitreißendes, schockierendes, spannendes, romantisches, zukunftsträchtiges und lesenswertes Buch ist.

Stärken des Buchs:

Können wir bitte mal kurz das Äußere von Illuminae bewundern?

Schaut euch dieses Meisterwerk an!

Auszug aus der zweiseitigen Abbildung aller Todesopfer eines Vorfalls. Foto: Kia Kahawa
Auszug aus der zweiseitigen Abbildung aller Todesopfer eines Vorfalls. Foto: Kia Kahawa

Ich habe etliche Minuten damit zugebracht, Doppelte zu finden. Bei den Namenslisten von Verstorbenen und den ganzen Fotos erschlägt den Leser die Gewalt der Worte, da sie durch die Bilder zum Leben erwecken. Die Macht von beispielsweise “500 Menschen starben” ist viel größer, wenn man sieht: Es ist 500 Mal ein individueller Mensch nach dem anderen gestorben. Sowas hat Illuminae echt drauf.

Die Alexander, Darstellung aus dem Kern von AIDAN. Foto: Kia Kahawa
Die Alexander, Darstellung aus dem Kern von AIDAN. Foto: Kia Kahawa

AIDAN, die KI der Alexander, dokumentiert natürlich, was sie denkt und fühlt*, und darunter verbirgen sich dann ab und zu solche Kunstwerke. Der Umriss der Alexander, der an anderer Stelle des Buches aber auch als kompletter Bauplan samt Außenansicht, Frontansicht und innerer Karte mit sämtlichen Decks und Arbeitsbereichen enthalten ist.

* darüber wird zu diskutieren sein.

Psychotische Notizen. Foto: Kia Kahawa
Psychotische Notizen. Foto: Kia Kahawa

In Illuminae kommt eine Psychose vor. Na ja, “mindestens eine”, sagen wir mal. Die Darstellung in Form angefangener und abgebrochener Berichte, gekritzelten Notizen und ähnlichen Dokumenten, die sich im Dossier befinden, halte ich für realistisch. Hier steckt jede Menge Arbeit und Recherche drin. Ich würde meinen Hut lüften, hätte ich ihn vor Begeisterung nicht schon längst ins All gepustet.

Zensur von Schimpfwörtern, Foto: Kia Kahawa
Zensur von Schimpfwörtern, Foto: Kia Kahawa

So realistisch Illuminae auch ist, es handelt sich hier immer noch um ein Jugendbuch. Und um die Jugend zu schützen, gibt’s natürlich keine Schimpfwörter. Alle zensiert, und die meisten kann man sich einfach denken. Ob das zum Schutze der Jugend wirklich sein musste? Schließlich gibt es in Illuminae jede Menge Zeug, das ich als Jugendliche nie ertragen hätte. Na ja, wie dem auch sei: Ich finde es gut gemacht. Allerdings sind die schwarzen Balken manchmal zu kurz, sodass das naheliegendste Wort dahinter passt.

Keine echten Schwächen des Buchs:

Ich kann wirklich keine ernstzunehmenden Schwächen nennen, daher drei Mal Meckern von einer verletzten Leserin.

1. Ich habe mich von Anfang an in AIDAN verliebt und fand es nicht gut, wie mit ihm umgesprungen wurde. Das hätte echt nicht sein müssen, ser ist doch so … Oh Mann, ich will ihn wiedersehen / lesen!

2. Alter. Auf Seite 151 steht einfach mal mein PASSWORT! Ich bin paranoid genug, dass ich etwa 10 Accounts bearbeiten und mein allerliebstes Lieblingspasswort ändern musste, weil es einfach mal komplett abgedruckt war. Es ist nur eine kryptische Folge aus Groß- und Kleinbuchstaben und Zahlen, aber was ist das bitte für ein krasser Zufall?! Hört auf, mich zu stalken, Leute. Was ‘ne Frechheit. Nee nee nee.

3. Es gibt einen Plot-Twist im Buch, den ich nicht erzählen kann, der mich wütend und sauer und zornig und aggressiv und verärgert und rasend zugleich gemacht hat. Frei nach dem Autor*innen-Motto “Kill your Darlings” haben Amie Kaufman und Jay Kristoff hier mal so richtig in die geronnene, dunkelrote Scheiße gegriffen. Euer Ernst?! Wie soll bitte Gemina weitergehen? Ich hasse euch.

Echte Schwächen von Illuminae:

Eine wirkliche Schwäche ist vielleicht einer von Kadys Anträgen auf Seite 220, von der Hypatia auf die Copernicus versetzt zu werden, auf dem “GENEHMIGT” gestempelt ist, aber der Antrag wurde abgelehnt.

Schwach fand ich auch, dass der Kontrast zwischen AIDANS wörtlicher Rede (mittelgrau) und dem Hintergrund (schwarz) grundsätzlich zu gering war. Es fiel mir schwer, einige Passagen zu lesen, so auch die im folgenden Bild. (Das da unten auf den Wellenlinien, das ist Text!)

Eine etwas kontrastlose Seite in Illuminae. Foto: Kia Kahawa
Eine etwas kontrastlose Seite in Illuminae. Foto: Kia Kahawa

Was mich außerdem stört: DTV empfiehlt dieses Buch ab 14 Jahren. Es gibt aber zahllose durchgeschnittene Kehlen, geköpfte, nackte Leichen mit verrenkten Körpern, Kopf- und Brustschüsse, reale und fantasierte Blutspritzer in Schwerelosigkeit und mit Schwerkraft – das hat mich selbst als 25-jährige fertig gemacht. “Highlight” war ein kleines Mädchen, das ein rausgerissenes Herz hinter sich herzieht wie einen Teddy. Sorry Leute, aber das geht nicht ab 14 Jahren. Das geht meiner Meinung nach nicht einmal mit 40 trotz Begleitung dreier Erziehungsberechtigter, aber ich drücke ein Auge zu und ordne das Buch im Buchensemble als “Jugendbuch ab 16 Jahren” ein.

Übrigens gibt es im Buch zwei Hinweise, die die Geschichte vorausschaubar machen. Ich sag’s mal so: Auf Seite 54 wird etwas in Form einer Liste gespoilert, was die Protagonisten erst ewig später rausfinden. Als aufmerksame Leserin ist es mir aufgefallen und hat die Spannung daher ein bisschen gedrosselt. Außerdem ist “die Sache mit den Tagebüchern” und der Erkenntnis am Ende des Buches mehr als offensichtlich, ich wusste die Sache mit Illuminae also schon viel früher. Das ist etwas schade, aber wohl der äußeren Form geschuldet.

Mein Fazit zu Illuminae:

Der Science Fiction Epos auf Papier namens Illuminae ist nicht nur ein würdiger Auftakt zu einer Trilogie, sondern eine würdige Trilogie meiner hohen Ansprüche nach Trilogien wie Scythe von Neal Shusterman, der Wayfarer-Trilogie von Becky Chambers oder der Bobiverse-Trilogie von Dennis E. Taylor. Ich habe es nicht für möglich gehalten, nach diesen drei Glücksgriffen wieder ein “perfektes Buch” in den Händen zu halten, aber tadaa – Illuminae ist es. Es ist perfekt. Es ist genau das, was ich liebe.

Und was ich hasse. Es nimmt mich mit, es bewegt mich, es macht mich wütend und gibt mir dieses Verlorenheitsgefühl, das man auch nach Kurzgesagt-Videos hat. Ich behaupte nicht, Illuminae sei die Bibel der Zukunft, dafür muss ich mehr über Kerenza und BeiTech erfahren (und über Illuminae, wer sind die eigentlich genau?), aber ich werde dtv aufs Dach steigen, wenn die mir nicht Band 3 schnellstmöglich lieferbar machen.

Ich bin im Illuminae-Fieber.

Fünf Sterne.

Over.

Du willst mehr von Kia lesen? Hier gelangst du zu ihren Rezensionen.

Illuminae – Die Illuminae Akten_01

Amie Kaufman & Jay Kristoff

Science Fiction Jugendbuch Dystopie
Hardcover, 608 Seiten

erschienen bei dtv

13. Oktober 2017

ISBN 978-3-423761833


Jetzt für 19,95 € kaufen
 

Kia über Kurzgeschichten

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Beim Buchensemble gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.