Geglücktes Verwirrspiel – Irrgast [Rezension]

Geglücktes Verwirrspiel – Irrgast [Rezension]

Eli wird Zeugin, wie ihr Freund vor ihrer Haustüre brutal ermordet wird. Doch sie erinnert sich nicht an den Täter und auch sonst fehlt auf den Mörder jede Spur. Während Eli sich immer mehr isoliert und versucht, zu vergessen, was geschehen ist, nähert sich ihr Anna. Anna wohnt gegenüber, sie ist gesellig – fast schon aufdringlich – und weigert sich, Eli in Ruhe zu lassen. Immer wieder sucht sie Kontakt und zwingt Eli so, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Doch irgendetwas stimmt nicht mit Anna. Und je besser Eli die Fremde kennenlernt, desto weniger scheint sie von ihr zu wissen…

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mireille Zindel im Internet gesucht
  2. Mir einen Tee gemacht, um in Ruhe über das Buch nachzudenken.
  3. Mich gefragt, warum es so viele Jahre ungelesen in meinem Regal gelegen ist.

Mein Eindruck zu Irrgast:

Ein Irrgast ist ein Vogel, der in einem Gebiet erscheint, das eigentlich weit seines normalen Brutareals liegt. Um diesen Begriff herum baut Mireille Zindel ihre Geschichte Irrgast auf. Ein Roman über einen Mord, aber kein Krimi, sondern ein gekonntes Verwirrspiel des Geistes, das den Leser so lange im Kreis dreht, bis er selbst nicht mehr weiß, welchen Eindrücken er glauben darf. Was ist real? Weche Erinnerungen sind erfunden? Wer ist Anna? Und wer um Himmels Willen hat denn nun Elias umgebracht – falls es ihn denn überhaupt gegeben hat?

Stärken des Buchs:

Der Roman ist sehr kurzweilig und schön geschrieben. Die Schweizerin Mireille Zindel hat eine sehr eigene Erzählweise mit einem guten Auge für die kleinen Dinge, die das Buch umso interessanter und ungewöhnlicher machen. Ungewöhnlich ist sowieso das Stichwort: das Buch lässt sich in kein Genre wirklich einordnen und auch Erzählrichtung, -tempo und -reihenfolge ist mir so noch nicht wirklich begegnet. Auch die Atmosphäre ist sehr speziell – sie riecht ein bisschen düster nach Wind und Regen.

Der Roman beginnt gleichzeitig langsam und mit einem Knall, zieht den Leser dann immer mehr und mehr in seinen Bann, bis er das Buch nicht mehr weglegen kann. Geheimnis um Geheimnis wird ihm anvertraut, doch während man am Anfang noch mit Eli fühlt und trauert, weiß man schon bald nicht mehr, wann und ob man ihr trauen kann. Seltsame Dinge geschehen, unglaubwürdige Ereignisse reihen sich aneinander und nicht nur die Protagonistin beginnt sich zu fragen, was in ihrer Umgebung und mit ihrer Psyche vor sich geht. Das Gefühl, keine Ahnung zu haben, was überhaupt passiert, hängt dem Leser ziemlich lange nach. Und auch, wenn man schon sehr bald den einen oder anderen Verdacht hegt, dauert es lange, bis man wirklich zu dem Moment kommt, wo man sich denkt: HA!

Schwächen des Buchs:

Der HA-Moment führt mich auch schon zu den Schwächen: Da das Buch relativ kurz, gut geschrieben und intensiv ist, gibt es nicht wirklich viel zu bekritteln. Nur der HM-Moment vor dem HA-Moment (also der Moment, wo ich glaubte zu wissen, was die Lösung sein wird) kam bereits relativ früh. Trotzdem war das nicht schlimm, denn die Autorin hat den Verdacht gekonnt ad absurdum geführt, sodass ich mir bis zum Ende selbst nicht mehr sicher war, ob alles, was ich vermutet hatte, stimmt. Im Endeffekt wird der Leser auf jeden Fall sehr gut an das Ende herangeführt und da es ja nicht wirklich ein Krimi ist, fühlt es sich auch eigentlich gar nicht so schlimm an, wenn man die Lösung bereits ab der Mitte weiß – denn darum geht es auch gar nicht. Versteht ihr, was ich meine?

Mein Fazit:

Vermutlich sind die Leser dieser Rezension jetzt ähnlich verwirrt wie ich zwischendurch beim Lesen von Irrgast. Ist aber nicht schlimm, Hauptsache ihr nehmt Folgendes mit: gutes Buch, regt zum Denken an, spielt gekonnt mit der Erinnerung der Leser. Irgendwie erinnert es mich außerdem an Und dein Leben, dein Leben von Magret Kindermann (bei uns rezensiert von Wiebke Tillenburg), wer also ihr Buch mochte, wird hier vielleicht auch auf seine Kosten kommen. Für eine un-klassische, un-gewöhnliche Nicht-Krimi-Erzählung mit Schweizer Charme vergebe ich 5 von 5 Sternen!

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Irrgast

Mireille Zindel

Entwicklungsroman Novelle
Hardcover, 132 Seiten

erschienen bei Salis Verlag

01. März 2008

ISBN 978-3905801071


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M. D. Grand

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

2 Replies to “Geglücktes Verwirrspiel – Irrgast [Rezension]”

  1. Uhh, das klingt wunderbar spannend! Ich bin am Ende deiner Rezension alles andere als verwirrt, viel mehr angefixt und glaube, mir vorstellen zu können was mich bei dem Buch erwartet. Ich muss mir das Buch mal auf meine Liste setzen – danke für guten Tipp! 🙂

    Liebe Grüße,
    Jan(k)a

  2. Ich genoss alle eure Posts. Tolle Arbeit. Danke schön für wirklich super Blog. Es war sogar sehr nüјtzlich. Ich bin froh, dass ich es entdeckt habe.

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