Zwischen Apokalypse und Hoffnungsschimmer – Friday Black

Zwischen Apokalypse und Hoffnungsschimmer – Friday Black

Sofort als ich Nana Kwame Adjei-Brenyah lesen hörte, war es um mich geschehen.  Im Zuge des Internationalen Literaturfestivals Berlin wurde er live aus New York City zu uns nach Berlin geschalten. Etwa so alt wie ich, also noch keine dreißig, hat dieser Mann nicht nur eine hoch gelobte Kurzgeschichtensammlung geschrieben, er ist auch Dozent für kreatives Schreiben. Man merkt ihm noch die Begeisterung darüber an, als junger Autor gehört zu werden, mehr Leser:innen zu erreichen, als man es sich beim Schreiben jemals erwartet hätte – auch wenn man es natürlich hoffte.

Wir lernen, dass er sich am ersten Vorlesungstag als Student ausgibt, um zu erfahren, warum seine Student:innen wirklich in seinem Seminar sitzen. Wir lernen, dass ein gelbes Kleid nicht von Beyoncé inspiriert ist, sondern einer afrikanischen Gottheit. Und als er endlich aus der ersten Kurzgeschichte lesen darf, werden wir daran erinnert, dass black lives nicht erst seit 2020 mattern.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Über den Weltuntergang nachgedacht
  2. Das Wetter gecheckt
  3. Aufgestanden, um Kaffee zu machen
Friday Black als Printbuch. Foto: S. M. Gruber

Mein Eindruck zu „Friday Black“:

„Friday Black“ ist eine Sammlung meisterlich erzählter Kurzgeschichten, die uns durch das verfremdende Setting der Dystopie nahebringt, wie sich der Alltag als Afroamerikaner:in anfühlen kann. Stilistisch lockerflockig geschrieben, serviert Nana Kwame Adjei-Brenyah schwere inhaltliche Kost in verdaubaren Häppchen. Der Kurzgeschichtenband ist sein literarisches Debüt und wirkt wie der Vorbote eines gewaltigen Romanerfolgs in nicht allzu ferner Zukunft.

Stärken des Buchs:

Die Art und Weise, wie bedrückendste Verhältnisse mit einem Hoffnungsschimmer durchsetzt werden, erzeugt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Einmal eine Kurzgeschichte angefangen, muss sie fast in einem Rutsch gelesen werden, sie verlangt es regelrecht. Tut man es nicht, lässt sie einen für den Rest des Tages nicht mehr los.

Und tut man es doch, denkt man lange danach noch an das Schicksal der Figuren.

An IceKing, den Meister der Black-Friday-Schlachten, an Jackie Gunner, den abgetriebenen Fötus, an Fuckton, den Amokläufer … an die mit einer Kettensäge von einem Weißen hingerichteten Finkelstein Five. Und selbst jetzt, Wochen später, denke ich oft an Knife Queen Ama aus der letzten Kurzgeschichte Durch den Blitz, die in einem dystopischen Timeloop feststeckt.

Die Geschichten treffen einen so tief nicht trotz, sondern gerade wegen der einfachen Sprache und des überzogenen Settings. „Friday Black“ ist eine satirische Dystopie und hochpolitisch noch dazu. Die Charaktere sind greifbar und vielschichtig, sie sind unvorhersehbar und moralisch flexibel. Viele wollte ich anfeuern, manche anschreien, alle noch besser kennenlernen. Diese Texte sind aufwühlend und unangenehm, man fühlt sich nicht wohl beim Lesen, und genau so soll es sein.

Wenn du nur drei Kurzgeschichten daraus lesen könntest, dann bitte diese:

  • The Finkelstein 5 (Die Finkelstein Five)
  • Through The Flash (Durch den Blitz)
  • Zimmer Land (Zimmer-Land)

Schwächen des Buchs:

Die meisten Settings sind so interessant, dass ich mir mehr Zeit darin gewünscht hätte. Von Zimmer-Land oder Die Finkelstein Five würde ich zum Beispiel auch ein ganzes Buch lesen, denn da gäbe es noch so viel zu erzählen.

Nicht jede Kurzgeschichte ist mir am Ende noch so präsent geblieben wie andere. Aber man braucht diese weniger heftigen Texte zwischendrin, damit sich der Kopf von den krasseren Geschichten erholen kann, bevor die nächste ansteht. Wie ein Stück Brot zwischen zwei guten Weinen, das kennt man ja von Kurzgeschichtenbänden. Allerdings hätte dem einen oder anderen Brot-Text noch etwas mehr Plot gutgetan – oder zumindest weniger skizzenhafte Andeutungen, etwa in Das Krankenhaus, wo.

Mein Fazit zu „Friday Black“:

Lest dieses Buch. Es ist mir egal, ob ihr euch danach für ein paar Tage bedrückt fühlt. Es ist wichtig, dass ihr „Friday Black“ lest. Vor allem, wenn ihr weiß seid.

Du willst mehr von Sophie lesen? Hier gelangst du zu ihren Rezensionen.



Friday Black

Nana Kwame Adjei-Brenyah

Kurzgeschichten
Hardcover, 240 Seiten

erschienen bei Penguin Verlag

27. April 2020 auf Deutsch (Englischsprachig 2018)

ISBN 978-3-328601296


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