Erotisch, neurotisch – Heim schwimmen

Erotisch, neurotisch – Heim schwimmen

Nizza, 1994. Heißester Sommer. Die Familie Jacobs und ein befreundetes Paar machen Urlaub im Ferienhaus. Eines Morgens schwimmt Kitty Finch nackt in ihrem Pool und Isabel Jacobs lädt sie überraschend ein zu bleiben. Von da an bringt die Rothaarige Schönheit das Leben aller Beteiligten auf ihre eigene psychisch labile, erotische und geheimnisvolle Art an seine Grenzen – und vor allem Isabels Mann Joe, einen begnadeten Dichter, um den Verstand.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Nachgelesen, woher die Autorin stammt (Südafrika! Sie lebt aber in London).
  2. Nachgeschaut, welche anderen Bücher die Autorin geschrieben hat.
  3. Mir einen Tee gemacht.

Mein Eindruck zu “Heim schwimmen”:

Die Inhaltsangabe klingt, das geb ich zu, irgendwie komisch. Aber “Heim schwimmen” ist eines dieser Bücher, bei denen es gar nicht um die Handlung geht. Viel mehr ist es ein bisschen makaber, lebt von Sprache, Atmosphäre und Psychologie, ein Zusammenspiel aus spannenden Charakteren und starken Bildern, das einen auf angenehme und unangenehme Weise packt.

“Heim schwimmen”. Foto: M. D. Grand

Stärken des Buchs:

Deborah Levys Roman hat mich von der ersten Seite weg gefesselt. Die subtile Art der Gefahr, die von Kitty Finch vom ersten Moment weg ausgeht, ihre fragile Psychologie, das Verschwimmen von Grenzen der Realität, die gekonnten Perspektivenwechsel, dazu eine Sprache, die von großem Können zeugt. Die Charakterzeichnung der einzlenen Akteure, ihr einfühlsames, explosives Zusammenspiel, das Unheil vorherahnen lässt, noch lange bevor es greifbar wird, die flirrende Sommerhitze, die so deutlich spürbar ist, dass es sich anfühlt, als wäre man selbst in Nizza, im Hochsommer. Die vielen kleinen Details, alles ist an seinem Platz, jede Geste, jedes Wort, trotzdem verwirrend und geheimnisvoll. Bildgewaltig. Sprachgewaltig. Ausgezeichnet erzählt. Ich habe es sehr genossen.

Schwächen des Buchs:

Natürlich ist kein Buch fehlerlos. Auch dieses hier hat seine kleinen Makel, wobei diese meines Erachtens nach eher Geschmackssache sind: Deborah Levy zeichnet ihre Charaktere so unangenehm realistisch, dass es manchmal weh tut (ich für meinen Teil mag das). Sie bringt die Leserschaft an die Grenzen des Ertragbaren, spart keine Details aus, stößt sie absichtlich aus der Komfortzone – genauso wie die Figur der Kitty Finch. In ihrer psychotischen, neurotischen, grenzenlosen Art ist sie sicher nicht für jedermann gleich gut zu ertragen, genauso wenig wie die Themen (wenn jemand sensibel auf Suizidalität ist: Finger weg) oder das Tempo der Handlung.

Es ist sicher kein leichtes Buch, das jedermann sofort versteht. Im Gegenteil, man muss sich auf die Geschichte einzulassen und sich auch ein bisschen von ihr treiben lassen. Und wahrscheinlich vor allem “der Typ dafür” sein.

Mein Fazit zu “Heim schwimmen”:

Für mich ist”Heim schwimmen” trotzdem ein meisterlich erzählter Roman, der sich ein bisschen wie ein Thriller liest, gleichzeitig aber sprachlich so hervorragend ist, dass er meines Erachtens nach zurecht auf der Short List des “Man Booker Prize” stand. Die Charaktergestaltung und die Charkterdynamik sind sehr gelungen und die Bilder so gewaltig, dass sie wirklich fühlbar werden, ganz so, als wäre man vor Ort. Es wird zwar vermutlich nicht den Sprung in meine “Besten Bücher aller Zeiten” schaffen, verdient aber meiner Meinung nach auf jeden Fall 4,5 von 5 Sternen.

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Heim schwimmen

Deborah Levy

Gegenwartsliteratur
Softcover, 164 Seiten

erschienen bei dtv

27. Mai 2016

ISBN 978-3423144971

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