Die Essenz des Lebens verstehen lernen – Ein Leben mehr [Rezension]

Die Essenz des Lebens verstehen lernen – Ein Leben mehr [Rezension]

Dies ist die Geschichte von drei alten Männern, die sich in die nordkanadischen Wälder zurückgezogen haben. Von drei Männern, die die Freiheit lieben. Eines Tages aber ist es mit ihrer Einsiedelei vorbei. Zuerst stößt eine Fotografin zu ihnen, sie sucht nach einem der letzten Überlebenden der Großen Brände, einem gewissen Boychuck. Kurze Zeit später taucht Marie-Desneiges auf, eine eigensinnige, zierliche Dame von achtzig Jahren. Die Frauen bleiben. Und während sie dem Rätsel um Boychucks Überleben nachgehen, entsteht etwas unter diesen Menschen, das niemand für möglich gehalten hätte. 

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mich gefragt, ob das Buch auch ohne Perspektivwechsel funktioniert hätte
  2. Mich tief vor meinem Leben verbeugt
  3. Das Buch meiner Freundin ausgeliehen, weil sie es auch unbedingt lesen soll

Mein Eindruck zu Ein Leben mehr:

Ich kann ihn mir einfach nicht merken. Und ich weiß nicht, warum, denn wenn ich ihn nachschaue, finde ich „Ein Leben mehr* wieder toll. Er weckt Interesse und passt einfach wunderbar. Doch wenn ich versuche, mich daran zu erinnern, kommt nur dieses warme Gefühl, aber nicht der Titel selbst. Allerdings verbuche ich das unter meinen eigenen Unfähigkeiten, denn der Titel an sich ist großartig. 

Stärken des Buchs:

Das Buch kennt keine Scheu. Es ist roh, es ist echt, es traut sich und redet nicht drum herum. Genau deshalb ist es ein Buch für mich. Die Menschen darin werden wunderschön gezeichnet, mit ihren starrsinnigen oder liebreizenden Ansichten, mit ihren bockigen Angewohnheiten oder mit ihrem wunderschönen Sehnen nach diesem oder jenem. Es geht um den Tod und immer wenn es um den Tod geht, geht es eigentlich um das Leben. Noch nie habe ich ehrlichere Worte darüber gehört, als hier von Saucier. Man möchte die Sätze umarmen und schreien: „Ja! So will ich mein Leben auch annehmen!”

Schwächen des Buchs:

So leicht und echt „Ein Leben mehr” auch inhaltlich ist, so verspielt ist es, was die Perspektivwechsel angeht. Zu Beginn ist jedes Kapitel von wechselnden Ich-Erzählern beschrieben. Dennoch habe ich noch nicht herausfinden können, ob das einem neue Eindrücke gibt, die einem sonst verwehrt geblieben wären. Denn zwischen den Kapiteln gibt es noch kurze Abschnitte von einem allwissenden Erzähler. Der greift auch gerne mal voraus in die Zukunft und macht so deutlich, dass er über allen Dingen steht. Der Tod ist er aber nicht, denn erstens würde das nicht zum Buch passen und zweitens wechseln die hinteren Kapiteln dann aber auch zu dem allwissenden Erzähler, die Ich-Perspektiven kommen nicht mehr zurück. Hier wird der Tod weiterhin als personenlose Tatsache behandelt. Ich bin also etwas ratlos, was diesen Perspektivwechselwahn angeht. Normalerweise steige ich bei sowas schnell aus, weil es meine Aufmerksamkeitsspanne übersteigt, aber hier funktioniert es irgendwie trotzdem. Ob es eine wirkliche Schwäche ist, weiß ich also nicht. Es bleibt dabei, dass es mich irritiert, weil ich den Grund dahinter nicht verstehe.

Mein Fazit:

Ein Leben mehr* ist ein Buch, das aus dem tiefsten Inneren meiner Seele spricht, das sich von dem öden Einheitsbrei des Marktes absetzt, dessen Schluss so perfekt komponiert wurde, dass ich heulen möchte, dieses Buch wird von mir noch viele Male gelesen und geliebt werden. Denn diese Weisheit möchte ich immer mal wieder auffrischen. Ein wahres Medizinköfferchen gegen Trübsal, ein Fest für das Leben, eine friedliche Umarmung vom Tod.

Ein Leben mehr

Jocelyne Saucier

Gegenwartsliteratur
Softcover, 192 Seiten

erschienen bei Insel Verlag

06. März 2017

ISBN 978-3-458361893

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Magret liest nie, ohne dabei zu schimpfen. Am wenigsten mag sie wiedergekäute Ideen, leere Worthülsen oder Floskeln. Dafür steht sie auf Experimente, selbst wenn sie schiefgehen. Die Figuren sind ihr wichtiger als der Plot. Daher liest sie vor allem Entwicklungsromane, klassische und welche der Gegenwartsliteratur.

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