edition ars

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Auf dem Buchblog “edition ars” schreibt David über Phantastik in der Literatur. Heute stellen wir euch David und seinen Buchblog vor. Lest in diesem Artikel, welche Antworten er uns auf unsere Fragen gibt.

David liest schon seit über 40 Jahren – da ist einiges an Büchern zusammen gekommen. Von der Zunft der Literaturkenner wurden ihm sogar höhere akademische Weihen verliehen, aber das hat nicht viel geholfen. Irgendwann ist ihm trotzdem die Lust vergangen. Diese in Massen auf den Markt geworfenen Bücher hatten ihm gründlich den Geschmack verdorben.

Vor ein paar Jahren hat David selbst mit dem Schreiben begonnen und siehe da – das wirkte wie eine heilsame Medizin für den literarischen Geschmackssinn. Mit geschärftem Blick geht er jetzt in seinem Blog die Lektüre ausgewählter Werke an und versucht sich Klarheit zu verschaffen, was ihm noch gefällt und warum das so ist. Auf seinem Blog „edition ars“ findet man deshalb nicht wie üblich Leseempfehlungen, sondern interessante Essays über die Eigenart und Unart von Büchern. Sein besonders Steckenpferd ist die Phantastik, aber er liest sich auch wieder quer durch alle Regale.

Warum betreibst du deinen Buchblog?

Betreibe ich einen Buchblog? – Vermutlich würde man es wohl so nennen. Ich selbst bezeichne mein Projekt eher als Selbstversuch mit Öffentlichkeitscharakter. Insofern unterscheidet es sich vielleicht gar nicht von anderen Buchblogs. Denn die meisten Blogger schreiben vornehmlich für sich selbst und freuen sich, wenn andere daran Anteil nehmen.

Die Motivation allerdings zu meinem Buchblog war womöglich ein wenig anders, vielleicht ungewöhnlich. Als ehemaliger Vielleser ist mir irgendwann die sogenannte hohe Literatur, aber auch mein Steckenpferd, die Fantasy, durch allzu viel Mainstream verleitet worden. Oder ich habe schlicht altersbedingt den Geschmack daran verloren. Die Lust war komplett weg. Erst als ich begonnen habe, selbst zu schreiben, und das auf eine Weise, wie es mir persönlich gefällt, ist mein Interesse für andere Bücher fast von allein wiedergekommen.
Ich glaube, man nimmt bewusster wahr und rezensiert irgendwie anders – ich kann es nicht genau erklären –, wenn man mit dem Autor:innenblick liest. Und das teile ich mit den Kolleg.innen vom Buchensemble.

Ich schreibe übrigens nur 3-4 Beiträge im Monat, weil ich keine kurz zusammengefassten Buchempfehlung abgebe, sondern mich ausführlicher mit den jeweiligen Werken auseinandersetzen. Das kann sehr interessant sein, insbesondere, wenn man das Buch schon gelesen hat. Es ist also eher ein „Nachlese“-Blog.

Was magst du an Büchern?

Ehrlich gesagt musste man mich als Kind mit Geld locken: Auszahlung von X,- DM für 30 Bücher in einem halben Jahr. Der kapitalistische Ansatz hat super funktioniert. Seither lese ich. Natürlich nicht nur. Ich weiß einen schönen Film oder gut gemachte Serien genauso zu schätzen. Wichtig ist nur, dass sich meine eigene, kleine Welt durch eine andere Perspektive erweitert. Das geht bei Büchern meist besser als bei anderen Medien, weil das Gedruckte mich stärker fordert, mein Hirn anzustrengen und ein bisschen über meine eigenen Gedanken hinauszuwachsen.

Lesen kann ich überall. Aber die Verlockungen, es nicht zu tun, sind groß. Tatsächlich wurden die Streamingdienste mit ihrem riesigen Angebot in Deutschland zur echten Konkurrenz für das Lesen. Mal schnell Serien zu glotzen übers Smartphone oder den Flatsrceen ist so einfach geworden. Auch ich muss aufpassen, dass das nicht überhandnimmt. Einige denkwürdige Zahlen und Überlegungen habe ich in einen aktuellen Artikel gepackt („Streaming Inc. und Lesekiller KG“).

Welche sind deine liebsten Genres und warum?

Es ist schade, dass die Verlage komplett in „Genres“ denken und wir als Leser alles immer schön säuberlich getrennt serviert bekommen.
Ich würde gerne einen Krimi lesen, der in der Zukunft spielt und phantastische Elemente besitzt – das hat Expanse von James S. A. Corey geschafft. Oder einen historischen Roman, der seine Zeit spiegelt und trotzdem etwas ganz Neues damit verbindet – das habe ich in Susanna Clarkes Jonathan Strange & Mr. Norrell gefunden. Und ich mag Bücher, die heute spielen, aber eine verborgene Welt hinter der augenscheinlichen Realität nach und nach offenbaren – etwas, das mir in Urban Fantasy begegnet.
Ihr merkt, dass ich von der phantastischen Literatur nicht ganz lassen kann. Für mich ist es überaus reizvoll, die Welt über ihre Grenzen hinaus zu denken, weil sich die tröge Macht des Faktischen auf diese Weise abschütteln lässt und sich reale Möglichkeiten ergeben, die vorher kaum zu denken waren.
Aber all das findet sich oft weniger in der Fantasy (die z.T. in der Buchbranche als Genre sehr beschränkt ist) als vielmehr in den unterschiedlichsten Genres und bei Autoren, die mit ihren Gedanken weit in unbekannte Welten vordringen …

Wie wichtig sind Buchblogger*innen deiner Meinung nach für die Buchbranche?

Das ist eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist.

Wenn ihr es simpel wollt: Buchblogger sind für die Buchbranche unwichtig.

1. Die Zahl der verkauften Bücher in der Belletristik – also der Literatur – geht seit Jahren kontinuierlich zurück. Diese Tendenz wird offensichtlich nicht durch das Schreiben über Bücher im Internet gestoppt.
2. Wenn Bücher von den Verlagen umworben werden, dann immer noch fast ausschließlich mit Zitaten und Kritiken aus der „offiziellen“ Literaturkritik, den Feuilletons. Blogger spielen hier keine Rolle. Bei dem durch den österreichischen Literaturpreis ausgezeichneten Buch „Dave“ von Raphaela Edelbauer habe ich diesen Mai die Probe aufs Exempel gemacht: Auf den Referenzen des Klett Cotta Verlags war nur 1 von 30 Referenzen ein Blog. Das nenne ich bedeutungslos.

Wenn man es differenziert betrachtet: Buchblogger sind für die Buchkultur wichtig.

1. Leider gibt es genug Beispiele, dass Blogs nur emotional über Bücher „twittern“. Das hilft wenig für die Einschätzung eines Werkes (worüber ich einen bösen Artikel verfasst habe: „Rezensionen, Blogs und all der Rummel …“). Viele andere Buchblogs aber widmen sich mit Herz und Verstand ihren Besprechungen und leisten damit einen genialen Beitrag zum Diskurs über wichtige kulturelle Werte.
2. Natürlich belächelt die institutionalisierte Literaturkritik die „Demokratisierung der Literaturkritik“ als Entprofessionalisierung (vgl. Sigrid Löffler im Deutschlandfunk). Leider hat das Internet den Nachteil, dass viel überflüssiges Zeug durch den Äther geschickt wird und nicht selten sogar ziemlich Dummes. Sieht man aber über diese Auswüchse hinweg, ist es eine unglaubliche Bereicherung, wie viele Menschen sich über geistige Güter austauschen und damit im „Ehrenamt“ Kulturschaffende sind.

Was sind deine Top 10 Bücher aller Zeiten?

Da muss ich passen. Es gibt so viele Bücher, die mich zu einer bestimmten Zeit berührt oder angesprochen haben. Aber es gibt keines, das über alle Phasen meines Lebens hinweg ein kontinuierlicher Begleiter gewesen wäre. Und das ist auch gut so. Das ist Vielfalt., wie auch das Leben selbst immer wieder anders ist. Es braucht das passende Buch zu einer bestimmten Situation – und das kann ich nicht generell empfehlen.

Was wünscht du dir für die Zukunft im Umgang zwischen Verlagen und Bloggenden?

Nun, das setzt voraus, dass es hier überhaupt eine engere Beziehung geben sollte. Sollte es das? – Ich persönlich will keine Rezensionsexemplare erhalten, sondern lesen, was ich lesen mag. Ich will auch kein verlängerter Arm des Literaturbetriebs sein. Und oft lese ich, was schon älter ist und nicht immer nur das, was mir als „brandaktuell“ durch den Markt vorgegaukelt wird.
Es muss nicht unbedingt ein „Gschmäckle“ (wie man bei uns in Schwabenland sagt) haben, wenn man Bücher kostenlos von Verlagen zugeschickt bekommt und auch nicht, wenn man sich für die Arbeit der Erstellung einer Rezension bezahlen lässt. Es wurde viel rauf und runter diskutiert, ob dies die Bewertung beeinflusst. Und ich will mich hier nicht einmischen.
Für mich gilt: Die 50 Bücher im Jahr, die ich lese, kann ich mir selbst leisten und bleibe damit in jedem Fall frei und unabhängig. Und ich weiß, dass es einige anderen auch so machen.

Welche Erfahrung hast du mit Büchern von Selfpublisher*innen gemacht?

Ehrlicherweise habe ich mit Büchern von Verlagen mitunter schlechte Erfahrungen gemacht. Wir bekommen von den Konzernen immer wieder das Gleiche serviert, weil es sich gut verkauft, nicht weil es verlegerisch von Bedeutung wäre. Und nicht selten hätte man sich beim Lesen sehnlichst ein Lektorat gewünscht, das konsequent die schlechten Passagen ausgemerzt hätte. Aber eine solche intensive inhaltliche Begleitung scheint nur noch bei wenigen, lukrativen Werken stattzufinden.
Umgekehrt sind viele Selfpublisher bestens vernetzt, holen sich vor der Veröffentlichung Rückmeldungen zu ihren Werken und zahlen sehr oft aus eigener Tasche ein Lektorat (ohne dass sich das wirtschaftliche „rechnen“ würde). Natürlich gibt es auch die anderen, die einfach ihr Geschreibsel „raushauen“. Um schnell herauszufinden, mit welcher Art von Werk man es zu tun hat – egal ob Verlag oder Selfpublishing – kann man in die fast immer angebotenen Leseproben reinschmökern (Klappentext und Cover sind dafür wenig hilfreich!) – da offenbart es sich fast immer bereits auf den ersten Seiten.

Lesen die Menschen immer weniger? Welchen Trend beobachtest du?

Ja. Leider lesen die Menschen immer weniger – zumindest auf die Mehrzahl der Mitbürger:innen bezogen. Wer gerne liest, hat in der Pandemiezeit mehr gelesen. Trotzdem sind es auch in den letzten anderthalb Jahren wieder weniger Menschen geworden, die überhaupt lesen. Die Streamingdienste, die mit ihren Filmen und Serien inzwischen bereits 80 % aller deutschen Haushalte berieseln können, haben gerade in dieser Zeit einen unglaublichen Zuwachs zu verzeichnen. In dem Blogartikel „Streaming Inc. und Lesekiller KG“ habe ich Zahlen recherchiert und Konsequenzen aufgezeigt.
Wie ich ja schon zugegeben habe, liebe ich auch Serien und Filme. Ich muss selbst aufpassen, dass das „Glotzen“ bei mir nicht überhandnimmt, weil es einfacher, bequemer, aber auch kommunikativer (weil in der Familie/ mit Freunden) ist.
Jeder muss seinen eigenen Weg für ein gute Balance finden.

Wo siehst du deinen Buchblog in fünf Jahren?

Fünf Jahre ist ja fast schon eine sozialistische Planungsdimension. Was in fünf Jahren ist, kann man nicht wissen. Und nach den Erfahrungen der Pandemie, die einige Lebensentwürfe über den Haufen geworfen hat, noch mal weniger.
Eigentlich glaube ich, dass ich keinen Blog mehr schreiben werde. Ist so meine Erfahrung, dass ich Dinge für eine Zeit sehr intensiv betreibe, dass sie dann aber von etwas Neuem abgelöst werden, was wiederum besser passt. Anderseits lese ich seit über 40 Jahren – also werde ich mich vielleicht auch weiterhin darüber austauschen wollen.
Wer weiß …

Wenn du mehr von David uns seinen Rezensionen erfahren möchtest, besuche den Buchblog edition ars und hinterlasse liebe Grüße vom Buchensemble!

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