Gruseltrip in die menschliche Psychologie – Die unterirdische Sonne [Rezension]

Gruseltrip in die menschliche Psychologie – Die unterirdische Sonne [Rezension]

Fünf Jugendliche werden in einem Keller festgehalten. Sie haben ein Badezimmer, einen Fernseher und eine Tür, die jeden Tag geöffnet wird. Immer wenn die Tür aufgeht, wird einer von ihnen nach oben geholt. Manchmal auch mehrere. Was oben geschieht, bleibt jedoch ein Geheimnis, denn wer darüber spricht, wird getötet haben sie gesagt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Nachgeschaut, welche Bücher der Autor sonst so schreibt (offenbar war das Buch selbst für ihn ungewöhnlich).
  2. Mein Zimmer aufgeräumt.
  3. Mir ein neues Buch zum Lesen rausgesucht.

Mein Eindruck zu Die Unterirdische Sonne:

Die Unterirdische Sonne* ist ein Buch, wie ich es so noch nie gelesen habe. Genretechnisch irgendwo zwischen Jugendbuch und Thriller habe ich die Empfehlung irgendwo auf Instagram oder Twitter aufgeschnappt und dann direkt bestellt – obwohl ich normalerweise keines der beiden Genres lese. Warum habe ich trotzdem danach gegriffen? Schwer zu sagen. Einerseits fand ich das Cover sehr ansprechend, andererseits wollte ich wohl einmal meinen Horizont erweitern. Das ist mir auf jeden Fall gelungen, auch wenn das Buch für einen Thriller erstaunlich unthrillerhaft war. Es ging nicht um einen spannungsreichen Fall und dessen grandiose Lösung, wie man es in Krimis kennt und auch um keinen irren Killer, der gewissenhaft Leute meuchelt. Eigentlich ging es um Psychologie, Gedankenspiele und die Fragestellung: Was macht eine Entführung und Misshandlung mit Jugendlichen?

Stärken des Buchs:

Die größte Stärke der Geschichte liegt meines Erachtens in der Abwesenheit der Geschichte. Der Autor erzählt von fünf Jugendlichen, die entführt und in einem Keller eingesperrt werden. Dabei ist es egal, wie das passiert ist oder warum, man weiß nicht, was die Entführer mit ihnen machen, sobald sie „nach oben“ gehen. Die Jugendlichen sind dort, im Keller, und darauf reduziert sich auch ihr ganzes Leben. Dieses Kondensat aus Gedanken und Gefühlen fängt hervorragend die schmerzhafte Psychologie des Opferseins ein, lässt den Leser die Ohnmacht spüren und auch die Wut. Es tut richtig weh, das Buch zu lesen.

Die Perspektive springt dabei von Protagonist zu Protagonist, damit man mit jedem mitleiden kann, manchmal mitten im Satz und lässt so eine subtile Spannung aufkommen, da man immer nur die Gedanken eines einzelnen kennt und die Grundstimmung damit oft nicht ganz greifbar ist. Dazu kommt eine äußere Spannung, vor allem als sich die Situationen gegen Ende hin immer und immer weiter zuspitzen. Aber Achtung: Für einen Thriller-Liebhaber gilt das wohl nicht als Spannung, denn alles Tatsächliche geschieht dabei fast ausschließlich außerhalb des Fokus, also hinter der Bühne – im sogenannten „oben“. Dadurch bleiben wichtige Fragen unbeantwortet, bis am Ende nur noch die Frage bleibt, ob es überhaupt relevant ist, diese Fragen zu beantworten. Ich finde Nein.

Die unterirdische Sonne, Foto: M. D. Grand
Die unterirdische Sonne, Foto: M. D. Grand

Schwächen des Buchs:

Dennoch glaube ich, dass andere Leser diese passive Spannung und die unbeantworteten Fragen in Die Unterirdische Sonne* nur schwer ertragen können. Für Fans von offenen Enden und solchen Geschichten, die einen auch ein bisschen unbefriedigt zurücklassen dürfen (was auch hervorragend zur Stimmung passt), ist das Buch auf jeden Fall eine gute Wahl; wer das nicht mag oder sich einen handfesten Thriller erwartet: Unbedingt Finger davon lassen!

Als zweiter negativer Punkt kommt die Sprache hinzu: Die Sprache ist zwar gut gemacht, aber genau wie die Handlung und die Perspektivenwechsel etwas gewöhnungsbedürftig (dieses Wort beschreibt das Buch echt am Besten). Gerade für mich als Österreicherin war die Bundesdeutsche Umgangssprache manchmal anstrengend. Sie schafft es, oft das Tempo herauszunehmen, was mit der ohnehin schon mangelnden Handlung dann langatmig wirkt. Vor allem die Märchen und Träume, die sich die Jugendlichen zwischendurch erzählen, wirken für mich unpassend und ich habe die Message davon – ganz ehrlich – auch zum Teil einfach nicht verstanden. Leider erstrecken sie sich seitenweise, was einen völlig aus der Story wirft. Anderen könnte das durchaus gefallen (?), mir persönlich war es zu viel Stilbruch.

Mein Fazit zu Die unterirdische Sonne:

Am Ende kann ich dafür guten Gewissens vier Sterne vergeben, da mich das Ungewöhnliche und „Andere“ an dem Roman sehr überzeugt hat. Wer also mal „was Anderes“, genreunabhängiges lesen will, ist hier auf jeden Fall richtig. Geeignet ist es für alle, die auch härtere Kost ertragen und kein Problem mit offenen, unbeantworteten Fragen haben. Dabei ist es völlig egal, ob sie normalerweise Jugendbücher oder Thriller lesen, weil das Buch sowieso in keines der beiden Genres passt. Für einen Thriller ist es zu langweilig und für ein Jugendbuch viel zu brutal, die Aufschrift „Ab 16 Jahren“ kann ich definitiv unterschreiben. Dennoch mag ich genau das und eigentlich möchte ich mehr so genrefreie Bücher lesen. Falls jemand also Vorschläge hat: immer her damit.

Willst du mehr von M. D. Grand lesen? Hier geht’s zu all ihren Rezensionen.

Die unterirdische Sonne

Friedrich Ani

Thriller Jugendbuch
E-Book, 335 Seiten

erschienen bei cbt

24. Februar 2014

ISBN 978-3-570162613

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M. D. Grand

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

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