Warum was tun, wenn man stumm, bemitleidend und passiv sein kann? – Die Verlobten des Winters

Warum was tun, wenn man stumm, bemitleidend und passiv sein kann? – Die Verlobten des Winters

Ophelia wächst in einer Welt auf, die zerhackstückelt wurde und nun schweben noch Restlandstücke wie Inseln herum. Sie wird zwangsverheiratet an einen Typen, den so gut wie alle ermorden wollen. So wird auch sie zur Zielscheibe.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Geschimpft
  2. Mich geärgert, weil jemand damit Geld macht
  3. Mich geärgert, weil so viele das Buch als „Meisterwerk“ betiteln

Mein Eindruck zu Die Spiegelreisende – Die Verlobten des Winters:

Das Buch ist der perfekte Beweis, warum man nicht um jeden Preis dicke Bücher machen sollte. Wenn die Autorin den ersten Teil von 535 Seiten auf 50 Seiten reduziert hätte, wäre daraus sicherlich was Feines geworden. Hier ist das Problem: Der fette erste Teil der bejubelten Reihe ist gar kein Buch. Es ist ein ödes Vorgeplänkel zur eigentlichen Geschichte.

Stärken des Buchs:

Sprachlich gesehen hat mich das Buch nicht genervt. Hier und da war es schwurbelig und aufgebläht, aber an sich hat der oder die Lektor*in einen guten Job gemacht. Bis auf den Punkt, dass sie der Autorin hätte raten sollen, den Klopper auf den Vorspann zu verschieben.

Die Idee ist nett, wenn auch nicht neu. Ich hatte beim Lesen ja konstant das Lied der Gorillaz im Kopf, in dem überall diese Inselstücke im Video herumfliegen. Das ist hübsch.

Die Figuren sind nicht klischeehaft, was eine Wohltat sein könnte, wenn …

Schwächen des Buchs:

… die Hauptserson Ophelia mal was machen würde. Sie macht nämlich 535 Seiten lang nichts. Gar nichts! Sie wird an einen anderen Ort verschifft, steht nur passiv nebenbei. Wenn sie mal den Mund aufmacht, sind alle anderen Figuren total überrumpelt, weil sie ja so einen eigenen Kopf hat! Wenn sie mal andeutet, dass sie ja mal was machen könnte, macht sie schnell wieder nichts. Der Höhepunkt der Verarsche ist erreicht, als sie sich als stummen, männlichen Dienstboten verkleiden muss, um für die zweite Hälfte des Buches noch mehr im Nichtstun zu bemitleiden. Richtig höhnisch wird es dann, als der Schlusssatz des Buches frei zitiert lautet: „Boah, ich könnte ja mal was machen.“ Glaubt mir, ich hätte „Die Verlobten des Winters“ gerne ein wenig Verstand eingeprügelt.

Alle Personen haben ununterbrochen schlechte Laune und wollen sich gegenseitig umbringen. Ich bin froh, das Buch noch im Oktober beendet zu haben, denn nun im November hätte es mich hochkant in eine Depression geschleudert. In diesem Buch gibt es nicht ein Scherz, nicht eine leichte Szene. Wer sich permanent so ernst nimmt, muss ja zwangsläufig Verstopfung kriegen.

Magret hört "Die Spiegelreisende" auf ihrem Smartphone. Foto: Magret Kindermann
Magret hört “Die Spiegelreisende” auf ihrem Smartphone. Foto: Magret Kindermann

Ja, die Idee mit den zersplitterten Inseln ist nett. Deswegen wollte ich das Buch wohl auch lesen, ich stellte mir alles luftig vor. Davon sieht man aber nichts, denn die Leute sind größtenteils drinnen und alles ist voller Illusionen, damit die nicht sehen müssen, dass sie in einer Inselwelt leben. Im Grunde möchte man während des Lesens nur das Fenster öffnen, um mal ordentlich durchzulüften.

Da Ophelia nur passiv hin und her geschleudert wird, passieren ihr die Dinge recht zufällig. Sie bestimmt in den wenigsten Fällen, dass sie mal was selbst bestimmt. Einmal büchst sie aus, um sich umzuschauen. Ich jubelte innerlich, endlich würde was passieren! Sie kam halt nicht mal bis zur nächsten Straßenecke, da wurde sie von den Feinden entdeckt und sie war wieder fremdbestimmt. Gähn. Dazu gibt es eine Szene, in der ihr ein Bösewicht etwas erzählt, was er sie im Anschluss vergessen lässt. Sie hat zwar ein komisches Gefühl, aber dann findet sie nichts mehr heraus und die Szene wird völlig irrelevant. Außer das der Leser weiß, dass das ein schlimmer Finger ist, aber das interessiert eh niemanden und ein paar Seiten weiter weiß Ophelia es dann auch offiziell.

Jeder Satz ist überdramatisiert. Das ist so eine typische Masche in all den gehypten Büchern. Anstatt dass man einfach sagt, was passiert und wie die Leute eben reagieren, und den Lesenden entscheiden lässt, inwieweit ihn das nun berührt, wird alles ständig auf die Tränendrüse gehauen. Das ist anstrengend und schlechte Literatur.

Zum Thema Frauenrolle: Ist das der verdammte Ernst der Autorin? Die Frauen werden zwangsverheiratet, sagen nichts, spielen sich gegenseitig aus, werfen sich den Männer an den Hals, sind schwanger, alt oder Anstandsdamen. Es gibt nicht einmal weibliches Personal. Die Frauen sind einfach nur da, dürfen nicht wiedersprechen und werden maximal geduldet. Es ist zum Kotzen. Es gibt auch keinerlei Ausbruch einer weiblichen Figur, alle spielen das Spiel schön mit.

Ach ja, es gibt auch noch Magie. Ophelia etwa kann durch Spiegel reisen, aber nicht zu weit, weil sie ja ihre Verwandten nie wieder sehen soll. Das erscheint konstruiert. Außerdem kann sie Gegenstände lesen, also was mit ihm passierte. Das nutzt sie aber kaum, weil es ohne Erlaubnis natürlich verboten ist. Praktisch, so stellt man sicher, dass die Hauptperson des Buches ja wirklich nichts tut.

Mein Fazit zu Band 1 von “Die Spiegelreisende”:

Ich habe häufig gelesen, „Die Spiegelreisende“ sei so geil wie Harry Potter. Ich möchte darauf hinweisen, dass J.K. Rowling Geschichten erzählen kann. Christelle Dabos versteht das Prinzip einer Geschichte nicht. Sie kann höchstens Sätze bilden. Hurra. Wer noch nicht genug von dem Unsinn hat: Von dem Schwachsinn gibt es noch drei weitere Bände. Statt von einer Tussi zu lesen, die nichts tut, tue ich doch lieber selbst nichts. Vor allem nicht weiterlesen.

Du willst mehr von Magret lesen? Hier gelangst du zu ihren Rezensionen.

Die Spiegelreisende – Die Verlobten des Winters

Christelle Dabos

Fantasy Jugendbuch
Hardcover, 535 Seiten

erschienen bei Insel Verlag

10. März 2019

ISBN 978-3-458177920


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Magret liest nie, ohne dabei zu schimpfen. Am wenigsten mag sie wiedergekäute Ideen, leere Worthülsen oder Floskeln. Dafür steht sie auf Experimente, selbst wenn sie schiefgehen. Die Figuren sind ihr wichtiger als der Plot. Daher liest sie vor allem Entwicklungsromane, klassische und welche der Gegenwartsliteratur.

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