Liegen lassen? – Die liegende Frau

Liegen lassen? – Die liegende Frau

Nach dem ICE-Unglück von Eschede 1998 liegt Barbara Dahlmann für etwa 20 Jahre im Koma. Langsam kämpft sie sich durch Traumwelten in die Realität zurück, um vergessene und verdrängte Wahrheiten über sich und ihre Familie zu erkennen.

Autor Wolfgang Ehemann hat mir ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Essen mit der Familie.
  2. Spaziergang.
  3. Neue Bücher bestellt.

Mein Eindruck zu “Die liegende Frau”:

Wolfgang Ehemann versucht mit „Die liegende Frau“ ein realitätsverwischendes Verwirrkunststück mit Bezügen zur literarischen Romantik und eine gleichzeitige Zusammenfassung und Kommentierung der gesellschaftlichen Entwicklung über etwa 20 Jahre hinweg, was leider etwas schiefgeht.

Stärken des Buchs:

Grundsätzlich gefällt mir das Konzept des Buches. Sowohl die Anlehnung an die Epoche der Romantik, die mit Hilfe der berühmten Blume von Coleridge einen schönen Bogen vom Anfang zum Ende schlägt, als auch die Idee der verzerrten Realität der komatösen Person. Das war auch der Grund, warum ich „Die liegende Frau“ lesen wollte.

Das 20 Jahre dauernde Koma Barbara Dahlmanns zu nutzen, um den Leser*innen die gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands und der Welt noch einmal vor Augen zu führen, weil die Figur eine vermeintlich neutralere Perspektive als entrückte Beobachterin einnimmt, die in ihrer Lage eben nicht eingreifen, sondern nur beobachten kann, ist ebenfalls eine interessante Idee. Das Konzept stimmt also.

Den Einstieg in „Die liegende Frau“ bildet ein Prolog, der das Unglück von Eschede in gekonnt journalistischem Ton und dennoch spannend beschreibt. Dieser Beginn macht Lust auf mehr. Man lernt die Umstände kennen, die zum Koma Barbara Dahlmanns führten, und kann später auf die Beschreibungen und Vorstellungen des Unfalls zurückgreifen, wenn er in der Geschichte aufgegriffen wird.

Ebenfalls spannend fand ich die Szenen, in denen Barbara nahe an der Schwelle zum Aufwachen steht, Eindrücke der Außenwelt mitbekommt, aber nicht kommunizieren kann und deshalb der unerreichbaren Realität und deren Bewohner*innen völlig hilflos ausgeliefert ist. Versucht man sich in diese Situation hineinzuversetzen, wird es bedrückend. In der ersten Hälfte des Romans versucht die Protagonistin außerdem, ihr Leben und ihre Erinnerungen zusammenzusetzen, und entdeckt sich und ihre Erfahrungen wieder. Diese schrittweise Entwicklung ist über Strecken sehr gelungen.

Da Selfpublisher*innen gerne wegen der angeblich mangelnden formalen Qualität ihrer Werke kritisiert (oder eher vorverurteilt) werden, halte ich es für valide, zu erwähnen, dass der Buchsatz sauber ist und ich weniger Rechtschreib- oder Flüchtigkeitsfehler habe entdecken können als in den allermeisten neueren Verlagsbüchern.

Als letzte Stärke kann man vielleicht noch sagen, dass ein Buch, das man immer mal wieder anschreit, nicht langweilig ist, oder? Hm.

Schwächen des Buchs:

Kann man das dicke fehlende Aber hinter jedem einzelnen der vorherigen Absätze heraushören?

Was mir am allermeisten an „Die liegende Frau“ fehlt, sind Wärme, Sensibilität und ein Gespür für Fettnäpfen, die man besser vermeiden sollte. Ein großer Teil der zweiten Buchhälfte besteht aus den Gesprächen zwischen der Hauptfigur und einem „Therapeuten“. Diese Therapiegespräche wirken eher wie brutale Gefechte, die auf Seiten der Hauptfigur wie eine Verteidigungsschlacht geschlagen werden, und auf Seiten des „Therapeuten“ rücksichtslose Angriffe darstellen. Und da kommen dann Sätze vor, in denen eine Sirene in meinem Kopf angeht, die „Boomer-Mentalität“ schreit. Ein Beispiel dafür wäre diese Passage: „Sie müssen lernen, psychische Belastungen hinzunehmen. Sie müssen solche Dinge aushalten, müssen Stärke zeigen. Trainieren Sie Ihre Härte im Nehmen, aber entwickeln Sie bei Bedarf auch Flexibilität. Nicht jeden Schlag muss man einstecken. Man kann auch mal ausweichen. Dann aber, ohne gleich umzufallen, wenn Sie wissen, was ich meine.“ Das sagt der „Therapeut“ zur suizidgefährdeten Hauptfigur, die 20 Jahre im Koma gelegen hat, sich nicht mehr in der Welt zurechtfindet und die nächsten Familienangehörigen verloren hat. Dieser „Therapeut“ und sämtliche Szenen, in denen er vorkommt, haben mich furchtbar aufgeregt. Ich bin tatsächlich laut geworden auf der Lesecouch.

Eines der erwähnten „Fettnäpfchen“, die sich tatsächlich nicht wie absichtliche Angriffe lesen (benefit of the doubt an dieser Stelle), sondern wie ständig wieder auftauchende Ungeschicklichkeiten, ist die Geschlechter-Thematik. Die Hauptfigur ist sich im Koma nicht immer sicher, welches Geschlecht sie hat. Mehrmals kommt das Thema auf und es ist – ich möchte nicht spoilern – durchaus dominant im Plot. Es handelt sich hier nicht um eine Geschichte über Transsexualität, sondern um einen vermeintlichen Kunstgriff, und bei solchen Ideen ziehe ich lautstark Luft durch die Zähne. Wenn dann an anderer Stelle der Film Matrix erwähnt wird, der laut Buch (und leider auch laut etlichen anderen Quellen) gemacht ist von den „Gebrüdern Wachowski“, die aber beide trans sind, sondern als die „Geschwister Wachowski“ benannt werden müssen, die außerdem erklärt haben, dass Matrix die Geschichte einer trans Person darstellen soll, ist das im Zusammenhang mit dem vorgenannten Missgriff äußerst unangenehm. Ich betone noch einmal, dass es sich nicht wie eine Attacke liest, sondern wie ein unaufgeklärter Missgriff nach dem anderen. Das waren nur Beispiele. Höchstwahrscheinlich würden diese Punkte von vielen Leser*innen komplett überlesen werden, aber wohl nicht von den meisten Besucher*innen dieser Website. (Wenn ich mich übrigens in diesem Text zwischendurch umständlich ausdrücke im Bezug auf die Hauptfigur, liegt das an der eben besprochenen Geschlechter-Thematik im Buch und daran, dass ich trotz allem möglichst wenig spoilern möchte.) Weiter geht’s.

Der Einstieg in „Die liegende Frau“, direkt nach dem Prolog, ist ein interessanter, aber hochgradig anstrengender Part. Die geistige Verwirrung der komatösen Hauptfigur wird durch ein Durcheinander der Sprache dargestellt. Grammatik, Wortstellung und Rechtschreibung sind zerworfen. Die Idee ist eigentlich gut. Leider war ich derart mit der Entzifferung der Sätze beschäftigt, dass mir der Inhalt völlig abging. Mehrmals habe ich geblättert, um herauszufinden, wann der Stil sich endlich wandelt. Man braucht Hartnäckigkeit für diesen Part. Ich war versucht, das Buch wegzulegen. So früh im Roman ist das ein fataler Impuls.

Springen wir zu einer eher witzigen Schwäche von „Die liegende Frau“. Der im Klappentext angepriesene „sprachliche Witz“ liest sich für mich wie eine Anhäufung von Dad Jokes. Ich stelle mir vor, wie junge Menschen an einem Tisch sitzen, während Vati ähnliche Witzchen zum Besten gibt, und sämtliche Zuhörer*innen aus dem Augenverdrehen nicht mehr herauskommen. So ist es mir auch gelegentlich ergangen. Dieser Minuspunkt bringt mich zum Schmunzeln, auch weil ich weiß, dass manche Leser*innen darauf anspringen werden. Man kann nicht behaupten, dass der Autor nicht mit Sprache gespielt hätte. Tatsächlich spürt man, dass hier jemand Ahnung von Sprache hat und sich viele Gedanken gemacht hat. Geschmackssache, denke ich.

Kann man in Büchern von Mansplaining sprechen? Wenn ja, dann hier. Ich muss sagen, ich fühle mich als Leser entmündigt, wenn man mir Metaphern im Text selbst erklärt. Auch interessiert mich nicht die Geschichte der Türklingel (oder die Funktionsweise eines Faltbootes oder die Beschaffenheit der Bettwäsche der Hauptfigur oder ihrer Schuhe …), wenn der Plot gerade an einem Knackpunkt ist (oder sein sollte).

Möglicherweise werden manche Leser*innen auch auf die Aufarbeitung und Kommentierung der gesellschaftlichen Entwicklung der 20 Jahre seit 1998 positiv reagieren, und ich schreibe ja auch weiter oben, dass die Idee interessant ist. Leider lesen sich diese Passagen manchmal wie Infodump, sind gelegentlich an Stellen verbaut, an denen sie die Story nicht nur nicht weiterbringen, sondern aktiv stören, und erwecken häufig den Eindruck, dass da jemand unbedingt seine Meinung loswerden musste. Dieser Meinung, die deutlich die Sprache von Gerechtigkeit und Humanität spricht, wiederum kann ich mich fast immer anschließen, finde die Passagen trotzdem störend im Buch. Das hätte man besser verbauen können. Dass manche der Kommentare und im Buch eingebauten Kritikpunkte, beispielsweise dass Leute ständig auf ihre Smartphones starren, völlig abgegriffen sind und man sie bereits tausendfach gehört und gelesen hat, hilft hier keineswegs. An anderer Stelle denkt man „Achja, das ist ja damals geschehen“.

Der Erzählstil von „Die liegende Frau“ ist sehr trocken. Sehr sehr trocken. In den Teilen, die im Absatz zuvor beschrieben worden sind, passt das durchaus. Aber spätestens in den Dialogen stört es immens. „Ich kenne niemanden, der so spricht“ ist wohl kaum ein Argument, aber die Dialoge lesen sich teilweise derart hölzern, dass man sich unmöglich zwei Menschen dazu vorstellen kann. Das wiederum führt bei mir dazu, dass ich die Struktur der Dialoge stärker lese als deren Inhalt, und diese Struktur besteht immer mal wieder aus diesem uralten Fehler schlechter Dialoge:
Person A: „Ich schreibe einen Dialog.“
Person B: „Einen Dialog? Wie geht denn das?“
Person A: „Wie das geht? Das sage ich dir.“
Wortwahl und Ton der einzelnen Figuren sind währenddessen kaum bis gar nicht vom Erzählton zu unterscheiden.

Kombiniert man diese Dialoge mit der Darstellung des völlig unsensiblen „Therapeuten“ und einer Hauptfigur, die irgendwann all ihre Probleme mit Logik zu lösen versucht und exakt 17 Zeilen benötigt, um den Tod des einzigen Kindes zu bereden, von Figuren, die sich allesamt unsensibel und rücksichtslos bis hin zu creepy verhalten, sowie eines Abschiedsbriefes, der an eine Person gerichtet sein soll, aber in der 3. Person Singular gehalten ist und somit jedwede emotionale Nähe von sich weist, erhält man ein Werk, dem es vor allem anderen an Gefühl und Figurentiefe mangelt.

Mein Fazit:

Ich tue mich wirklich ausgesprochen schwer, eine Rezension zu verfassen, die mir selbst das Autorenherz brechen würde, sehe aber keinen anderen Weg, sofern ich überhaupt über „Die liegende Frau“ schreiben soll. Ein Roman, der mir beim Lesen Begriffe wie Dad Jokes, Boomer-Mentalität, emotionslos, Mansplaining und Fettnäpfchen aufzwingt, ist eine interessante Erfahrung, die ich mir normalerweise erspart hätte, aber ich wollte das zugesandte Rezensionsexemplar nicht ungenutzt lassen, nachdem ich einer Rezensionsanfrage zugestimmt hatte.

Nach der harschen Kritik möchte ich sagen, dass es mit Sicherheit ein Publikum für „Die liegende Frau“ da draußen gibt. Ich selbst zähle offensichtlich nicht dazu.

Du willst mehr von Matthias lesen? Hier gelangst du zu seinen Rezensionen.



Die liegende Frau

Wolfgang Ehemann

Gegenwartsliteratur
Softcover, 258 Seiten

erschienen bei Books on Demand

05. Oktober 2020

ISBN 978-3-752606300

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