Die große Weirdness – Memoiren und Falschinformationen

Die große Weirdness – Memoiren und Falschinformationen

Memoiren und Falschinformationen: Ein Schauspieler namens Jim Carrey erlebt skurrile Abenteuer und unbequeme Existenzkrisen. Warum eine bessere Inhaltsangabe kaum möglich ist, erkläre ich weiter unten.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Brunch.
  2. Romanüberarbeitung.
  3. Spaziergang.

Infos vorab zu Memoirs and Misinformation:

Seit November 2020 gibt es „Memoirs and Misinformation“ in deutscher Sprache unter dem Titel „Memoiren und Falschinformationen“ zu kaufen. Allerdings habe ich das Original gelesen und kann daher nichts zur Übersetzung sagen. Der Einfachheit halber verwenden wir in dieser Rezension allerdings den deutschsprachigen Titel.

Mein Eindruck zu „Memoiren und Falschinformationen”:

Es gibt für mich mehrere Gründe, Jim Carrey zu mögen. Für mich ist weniger sein Talent, Grimassen zu schneiden und Menschen zum Lachen zu bringen, interessant, obwohl das natürlich wertvoll ist, sondern viel mehr, dass er immer nach sich selbst sucht und (auch öffentlich) herauszufinden versucht, wer er als Mensch und als Künstler ist, wen und was er hinter den Grimassen versteckt. Jim Carrey ist erheblich vielschichtiger, als ihn manche*r vielleicht einschätzt. In „Memoiren und Falschinformationen“ lässt er neben seiner witzigen und durchgeknallten Seite auch Einblicke zu in erheblich düsterere Gefilde seiner Psyche. Es sollte klar sein, dass „Memoiren und Falschinformationen“ keine Autobiografie darstellt und sämtliche Figuren (inklusive des Protagonisten „Jim Carrey“) eben fiktive Figuren sind. Auf dem Buchrücken wird Carrey allerdings mit den Worten zitiert: „None of this is real and all of it is true”. Genau so habe ich das Buch interpretiert: Als skurriles, überdrehtes und durch Humor verschleiertes Abbild dessen, was Jim Carrey glaubt, das Jim Carrey ist. Offenkundig ist kaum etwas in „Memoiren und Falschinformationen“ jemals so passiert, aber dennoch lässt das Buch tief blicken.

Stärken des Buchs:

„Memoiren und Falschinformationen“ spielt häufig genau auf der Messerschneide zwischen Humor und Depression, zwischen Unterhaltung und existenziellem Horror, zwischen einer witzigen Erinnerung und der großen Traurigkeit, die einsetzt, wenn man realisiert, dass die Erinnerung und die damit verbundenen Menschen nie wiederbelebt werden können. Ich persönlich mag das. Humor zur Verschleierung von Traurigkeit, Angst und Minderwertigkeitsgefühlen zu verwenden, aber eben nicht zur kompletten Verdeckung, sondern lediglich zur Abfederung, zur vorsichtigen Übergabe an das Publikum zu nutzen, ist eine große Kunst. Carrey schafft das immer wieder, aber stolpert auch und stürzt ins manisch Skurrile oder ins ungefiltert Schmerzhafte. Diese Mischung und die allgemeine überdrehte Weirdness muss man mögen, um mit „Memoiren und Falschinformationen“ etwas anfangen zu können.

Jim Carrey verwandelt nicht bloß sich in eine Romanfigur, sondern auch andere bekannte Stars. Nicolas Cage taucht in überzeugender Weise auf und spielt besonders im Sci-Fi-Dystopie-Part (ja, ich weiß, mehr dazu später) eine wichtige Rolle. Als Filmfan hatte ich beim Lesen viel Spaß damit, verschiedene Stars in Rollen zu sehen, die gleichzeitig passend, überspitzt und manchmal kontradiktionär zur allgemeinen Auffassung der Person wirken, aber oft als satirische Blicke auf die Filmindustrie und ihre Mitwirkenden zu verstehen sind. Dieser satirische Blick durchzieht das Buch, ist allerdings manchmal zu speziell geraten und man bekommt das Gefühl, man müsste selbst im Filmbetrieb sein oder wenigstens im Umfeld Hollywoods leben, um alles zu begreifen.

Ehrlichkeit scheint nicht unbedingt ein Punkt zu sein, den man mit einem derart überdrehten Buch verbinden würde, aber akzeptiert man die Prämisse, dass alle noch so skurrilen Elemente einer tieferen Wahrheit dienen, die verschleiert dargestellt werden soll, oder zur Ablenkung einiger Tatsachen benutzt werden, kann man aktiv suchen und fündig werden, wo Jim Carrey selbst, nicht die Figur, sich versteckt. Manche Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend, besonders an die Eltern, wirken so echt und oft so traurig, dass man sie für den Kern des ganzen Projekts halten kann. „Memoiren und Falschinformationen“ ist keine Autobiografie, aber man lernt dennoch einiges. Das Innenleben, die Zweifel an sich selbst, die großen Fragen, die Carrey bewegen, wirken ebenfalls echt. Damit scheinen Authentizität und Intimität durch all das Chaos, die sich zu entdecken lohnen. So erkläre ich mir im Übrigen auch den Titel selbst.

Im Rahmen der wahrscheinlich authentischen Selbstsuche tauchen immer wieder die Themen der Versuchung und der Versprechen von Erlösung und Glück auf sowie der Suche danach. Der Schauspieler und Autor Jim Carrey lässt die Figur Jim Carrey im Grunde immer wieder fragen: Was treibe ich hier eigentlich? Ergibt das Sinn? Gibt es einen Sinn? Man kann „Memoiren und Falschinformationen“ als Gedankenkreisel lesen, in den man gerät, wenn man überkontempliert und sich noch den letzten Fitzel Muße, Entspannung oder Glück zuschanden denkt. Weil inmitten des Chaos damit etwas steht, das ich nachvollziehen kann und das Figur sowie Autor sympathischer machen, auch und weil beide sich selbst nicht wirklich zu mögen scheinen, gilt dies für mich als großer Pluspunkt.

Mein Englisch ist gut genug, um einen Roman zu lesen und Filme sowie Serien auf Englisch zu schauen, aber ich bezweifle, dass ich alle sprachlichen Feinheiten erfassen konnte. Spürbar für mich war jedoch, dass die Sprache zum allgemeinen Verwirr- und Widersprüchlichkeitsspiel beigetragen hat, indem sie verschiedene Genres simulierte, besonders trocken war an besonders skurrilen Stellen und allgemein mit einem teils überzogen literarisch wirkenden Ausdruck unterstrich, dass man das Gelesene nicht ernstnehmen sollte, während immer die Frage im Hinterkopf bleibt: Oder doch? Außerdem gibt es einige sprachliche Blüten, die fürs Wiederlesen zu markieren sich lohnen.

In „Memoiren und Falschinformationen“ hält sich Jim Carrey an keine Regeln. Während ich das hier schreibe, überlege ich noch immer, welchem Genre dieses Buch zuzuordnen ist. Ich kann versprechen, dass man beim Lesen immer wieder überrascht wird. Satire, Sci-Fi, Dystopie, Komödie, Tragödie, Survival, Action, Abenteuer. Alles ist enthalten und nichts davon ist langweilig. Dieses Buch ist ein absoluter Trip und ich bin fest davon überzeugt, dass Jim Carrey etliche Ideen untergebracht hat, die es nicht in seine Filme geschafft haben.

Schwächen des Buchs:

Das Problem an der Geschichte ist, dass sie keine Geschichte ist. „Memoiren und Falschinformationen“ ist eine Zusammenwürfelung skurriler Szenen und Abschnitte, die eine Weile eine Geschichte verfolgen und dann wegdriften, um einer anderen Geschichte Raum zu geben. (Ein bisschen wie das Leben, oder?) Immer wieder dachte ich: „Okay, jetzt weiß ich, worum es geht“, nur um dann festzustellen, dass ich falsch lag. Ein roter Faden in der Handlung wäre nett gewesen, auch wenn es einen roten Faden im Innenleben des Protagonisten gibt: die ständige Frage, was überhaupt Realität ist und was er selbst darin zu suchen hat.

Weiter oben schreibe ich, dass Jim Carrey in „Memoiren und Falschinformationen“ keine Regeln befolgt und dass er im Buch Dinge verbaut, die er nicht in Filmen umsetzen konnte oder kann. Leider beinhaltet das auch, dass er Themen, Bilder, Vergleiche und Witze nutzt oder wenigstens streift, die unangenehm aufstoßen können. In der Phase beispielsweise, in der er glaubt, den Geist Mao Tsetungs zu beschwören, hält er eine Rede mit chinesischem Akzent und verbindet vorher skurrile Witze mit den Bildern des Massensterbens in China zu Zeiten des „Großen Sprungs nach vorn“. Unmöglich, das filmisch umzusetzen, und im Buch bekommt man ein seltsames Gefühl dabei. Ich kam mehrmals nicht umhin, mir einzugestehen, dass Jim Carrey wortwörtlich ein reicher alter weißer Mann ist. Geht er zu weit? Ich bin mir nicht sicher. Aber gelegentlich ist es haarscharf. Dass er seine Figuren die Schwierigkeit der Thematik ausdrücklich betonen lässt, entschärft die Sache kaum, sondern zeigt lediglich, dass ihm bewusst ist, was er da tut. Desweiteren missfällt mir die Darstellung weiblicher Figuren, weil sie, vielleicht von Gwyneth Paltrow abgesehen, entweder scharf auf sein Geld und seine Berühmtheit sind, oder aber als Mutterersatz dienen. Außerdem weiß ich nicht, ob die Darstellung eines Suizidversuchs wirklich nötig ist für so ein Buch.

Ich reiße den Inhalt und die abgehandelten Themen nur oberflächlich an. Man merkt schon, das Buch ist ziemlich vollgestopft.

Mein Fazit zu Memoiren und Falschinformationen:

„Memoiren und Falschinformationen“ wird von (im weitesten Sinne) Fans von Jim Carrey gelesen werden. Wenn ich es innerhalb seiner Auftritte und Filme einordnen müsste, wäre es emotional bei „Man On The Moon“, geistig bei seinem Auftritt in „Comedians In Cars Getting Coffee“ und von der Überdrehtheit her bei „The Mask“. Leider konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass das Buch niemals auf den Markt gekommen wäre, wenn es nicht von Jim Carrey geschrieben worden wäre. Der Name trägt hier das Werk und das Werk funktioniert nur, wenn man mit dem Namen genug Assoziationen verbindet. Aber hey, es ist unterhaltsam.

Denke ich an Freund*innen und Bekannte, weiß ich genau, dass einige das Buch lieben würden und einige nichts damit anfangen könnten.

PS: Wie bewerten?

Dieses Buch ist das blanke Chaos und ich fühle mich sehr unwohl damit, eine simple Bewertung abzugeben. Daher schlüssele ich es ein wenig auf in Unterkategorien beziehungsweise fasse das oben Geschriebene zusammen:

  • Roter Faden: 2/5
  • Gedankliche Tiefe: 3.5/5
  • Unterhaltung: 4/5
  • Ausdruck: 4/5
  • Kreativität: 4.5/5
  • Minuspunkt für Unbehagen bei schwierigen Themen: 1
  • Bewertung insgesamt: 3/5

Du willst mehr von Matthias lesen? Hier gelangst du zu seinen Rezensionen.

Memoiren und Falschinformationen

Jim Carrey und Dana Vachon

Satire
Softcover, 272 Seiten

erschienen bei Droemer

02. November 2020

ISBN 978-3-426282588
Jetzt für 20,00 € kaufen

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