Urkomisch und wahr – Der Letzte macht den Mund zu [Rezension]

Urkomisch und wahr – Der Letzte macht den Mund zu [Rezension]

Michael Buchinger ist ein österreichischer YouTuber, der auf der Plattform vor allem durch sein Format “Hass-Liste” bekannt ist. In seinem Buch “Der Letzte macht den Mund zu” erklärt er unter anderem, dass er fremde Menschen grundsätzlich nicht hasst, sie aber anstrengend findet und sich wünscht, sie würden nicht existieren. Mit schlagfertiger Sprache und einem herrlichen selbstironischen und humorvollen Stil gibt er Einblicke in sein Leben, etwa in Kapitel wie “Ehrlich nervt am längsten”, “Mein erstes Dickpic”, “Diesen Leuten kann man nicht vertrauen” oder “Im Internet hilft nur Humor”.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. “Rhabdomyolyse Urinfarbe” gegoogelt
  2. Aus dem Fenster geschaut, denn es war 00:29 Uhr und draußen lärmten Wildgänse, ich meine, was zum…?!
  3. “Lange Beine, kurze Lügen” im Netz aufgesucht und den Klappentext verspeist

Mein Eindruck zu Der Letzte macht den Mund zu:

Diese sehr unterhaltsame Anekdoten-Sammlung ist in etwa so unterhaltsam, als würde man beim Lesen ständig gekitzelt werden. Nur eben nicht so anstrengend und erzwungen. Ich hasse es, gekitzelt zu werden, und bin mir sicher, dass auch der Autor dieses schönen Buches auf diese körperlichen Angriffe verzichten kann.

Mit im Buch sind abseits der oben genannten Auszüge von Kapitelüberschriften ein Survival-Guide für die Feiertage, Michael Buchingers Erfahrungen mit One Night Stands und vieles mehr, was entweder mich als Leserin selbst betrifft, oder einfach nur aus dem Leben des Autors berichtet und sehr leicht zu lesen ist.

Ich bin begeistert von jeder Seite dieses Buches. Mit meiner durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit von 40 – 50 Seiten pro Stunde konnte ich bei Der Letzte macht den Mund zu* nicht mithalten. Ich glaube, es waren 60 pro Stunde, und diese verflixten Stunden haben sich stillschweigend so oft vermehrfacht, dass ich das Buch aus Versehen innerhalb von drei Tagen ausgelesen habe.

Stärken des Buchs:

Michael Buchinger und ich haben vor allem eine Sache gemeinsam: Snackophilie. Damit möchte ich gerne bei den Stärken des Buchs einsteigen, denn sie zeigen den Humor und die Eloquenz, die Buchinger an den Tag legt. Zum Beispiel schreibt er auf Seite 8 gleich im Vorwort:

“Es kann sein, dass ich mitten im [Völkerball] das Feld verlassen habe, um mein Pausenbrot zu verzehren.”
Später auf Seite 9 heißt es, die anderen Kinder hätten ähnlich laut gejubelt, wie Michael es selbst sonst tat, “wenn jemand Das Buffet ist eröffnet! verkündete.” Bei diesen und ähnlichen Sätzen musste ich beim Lesen tatsächlich laut lachen.

Bisher dachte ich, ein Buch sei unterhaltsam, wenn ich beim Lesen schmunzeln muss, aber gerade Michael Buchingers Liebe zu Snacks und Essen stimmt so sehr mit meiner  eigenen Snack-Mentalität überein, dass ich wirklich zum ersten Mal seit den ersten zehn Seiten von Antoine Monots “Vertrauen Sie mir, ich tu’s ja auch” laut gelacht habe. Und das hört nicht auf! Weder die Snackliebe noch die Lacher gehen im Verlauf des Buches verloren.

Absolut geniale Verkaufsargumente

Auch, wenn das vielleicht nicht direkt unter das Zitatrecht fällt, kann ich nicht anders, als noch zwei weitere Belege für meine Begeisterung anzubringen:

“Während du Eat Pray Love nachspielst, widme ich mich meinem eigenen Projekt namens Eat Eat Eat.” Seite 73
“Mindestens drei Mal in der Woche geht er um sieben Uhr morgens – eine Uhrzeit, zu der ich mich gerade in der Tiefschlafphase befinde und von Baklava träume – zum Crossfit.” Seite 231

Aber nicht nur bei meinem derzeitigen Lieblingsthema ist Michael Buchinger herrlich selbstironisch. Er haut Wahrheiten raus, wie etwa, dass im Internet nur Humor ein wenig Selbstironie hilft, um zu überleben, und er wendet die Tipps, die er in “Buchingers Goldene Regeln” nennt, sofort selbst an. Im Gegensatz zu anderen humorvollen Büchern habe ich kein Bisschen das Gefühl, dass Michael übertreibt oder sich etwas ausdenkt, das an Torsten Sträter erinnernd für meinen Geschmack etwas over the top ist.

Ansonsten habe ich natürlich mit meinem kritischen Auge einen Wert auf Rechtschreibung gesetzt und auf den obligatorischen Das-Dass-Fehler gewartet. Der kam aber nicht. Drei Kommafehler, ansonsten nichts. Saubere Arbeit, absolut empfehlenswert, und es war sicher nicht das letzte Mal, dass ich ein Buch dieses großartigen Autors gelesen und hier für euch rezensiert habe.

Gemeinheiten sind gemein?

Dabei hackt der Autor an keiner Stelle auf einer Gruppe von Menschen herum, die sich durch “Der Letzte macht den Mund zu” angegriffen fühlen könnten. Das ist eine wahre Kunst! Ich habe zuletzt “Machen Sie sich frei!” aus dem Jahr 2007 gelesen und bin mir sicher, das Buch hätte heutzutage einen Shitstorm ausgelöst. Michael Buchingers Werk kann keinen Shitstorm auslösen, denke ich mir, obwohl ich weiß, dass, wenn man nach etwas sucht und seine Fühler auf Sensibilitätsstufe 1000 von 100 stellt, bestimmt etwas findet, womit man Michael Buchinger haten kann.

Insgesamt geht es aber bei den Menschen, die Michael negativ hervorhebt und sich über sie lustig macht, immer um Verhaltensweisen. Leute, die “rechts stehen, links gehen” auf Rolltreppen nicht begriffen haben oder Leute, die Michael zu Kostümparties einladen. Übrigens, lieber Michi: Die Sache mit den Kostümen kommt erschreckend oft in deinem Buch vor. Ist das so eine Sache in Österreich? Mein Beileid!

Es gibt keine konkrete Menschengruppe, die negativ betitelt wird. Eher schreibt der Autor Sätze wie:

“Leuten zu sagen, dass sie sich bitte mal am Riemen reißen sollen, ist ein ähnlich guter Rat wie […] “Sei doch nicht so dick!” Seite 118

Das finde ich absolut okay, und jeder, der nicht über sich selbst lacht, wenn er oder sie dieses Buch liest und sich angesprochen fühlt, sollte sich locker machen. Und die Finger von Twitter lassen.

Buchcover zu Der Letzte macht den Mund zu von Michael Buchinger - Foto: Kia Kahawa
Der Letzte macht den Mund zu von Michael Buchinger – Foto: Kia Kahawa

Schwächen des Buchs:

Was zum Geier hat Michael Buchinger gegen Buffets? Definitiv eine Schwäche des Buchingers – äh, des Buchs! Er hat zwar erklärt, warum er Buffets nicht mag, aber offensichtlich war er noch nicht bei einem richtig guten Asiaten oder Mongolen, wo die Speisen unter anderem gefroren oder roh auf dem Buffettisch liegen und vor den eigenen Augen dann frisch zubereitet werden.

Auf Seite 124 sagt der Autor außerdem, dass er keine Ramen-Nudeln mag. Höchst unsympathisch. Und als dritte Schwäche des Buches: Michael findet laut eigener Aussage auf Seite 102 Katzenbabys anstrengend. Das kann ich vielleicht im Entferntesten verstehen, aber das prangere ich trotzdem an.

Im Ernst: Ich muss Schwächen auflisten, damit dieser Beitrag nicht abmahnfähig als nicht-gekennzeichnete Werbung ist, auch wenn ich nicht für diese Rezension bezahlt oder auch nur mit einem kostenlosen Rezensionsexemplar versorgt wurde. Ich habe “Der letzte macht den Mund zu” selbst gekauft, und darf trotzdem nicht rein positiv über das Buch schreiben.

Also, liebe Abmahnanwälte: Nichts tun, denn ich finde das Impressum ziemlich hässlich, und die Lektorin wurde nicht in der Zeile über dem Buchsatz genannt. Gefällt mir nicht. So!

Mein Fazit:

Was kann ich groß noch sagen? Diese Rezension zu “Der Letzte macht den Mund zu* ist eine einzige Lobhymne, und ich bin restlos begeistert. Das Buch ist für absolut jeden zu empfehlen, der in der Lage ist, ein Buch zu lesen und weiß, wie das Internet funktioniert. Alternativ kann man diese beiden Fähigkeiten selbstredend kombinieren und sich das E-Book zulegen.

Ich freue mich sehr auf “Lange Beine, kurze Lügen*, dem zweiten Werk von Michael Buchinger, das im November 2018 erschienen ist.

Du magst unsere Rezensentin Kia Kahawa? Hier findest du all ihre Rezensionen im Überblick!

Der Letzte macht den Mund zu

Michael Buchinger

Sachbuch
Softcover, 240 Seiten
erschienen bei Ullstein
14. Juli 2017
ISBN 978-3-548376783

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Kia über Frauenfiguren

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Beim Buchensemble gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

3 Replies to “Urkomisch und wahr – Der Letzte macht den Mund zu [Rezension]”

  1. Liebe Kia,
    das ist ja mal eine tolle Buchempfehlung. Ich kannte das Buch gar nicht, aber so wie Du es beschreibst und die Auszüge daraus, trifft es voll meinen Humor. Kommt definitiv auf meine Wunschliste! Danke für den tollen Tipp.
    Übrigens finde ich Eure Buchensemble großartig!
    Liebe Grüße
    Isabel

    1. Hey Isabel,
      danke für deinen Kommentar.
      dann pack doch gleich noch “Lange Beine, kurze Lügen” dazu. Die Rezension dazu folgt in etwa zwei Wochen 🙂
      Liebe Grüße

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