Vielleicht doch lieber eine Trilogie? – Das Mädchen aus Glas

Vielleicht doch lieber eine Trilogie? – Das Mädchen aus Glas

Berlin, 1913. Die adelige Elisa leidet unter einer bis dahin kaum bekannten Krankheit: sie hat Knochen wie aus Glas gemacht. Ihre Eltern umsorgen sie voller Bange, doch als es ans Heiraten geht, geben sie ihre Hand nicht dem Arzt, der sie seit Kindertagen liebt, sondern einem Draufgänger und Frauenhelden: Louis Lindquist. Die beiden hassen sich vom ersten Augenblick und auch nach der Hochzeit wird es nur langsam besser.

 

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mir überlegt, was man alles hätte besser machen können.
  2. Mir ein neues Buch geholt.
  3. Einen Tee gekocht.

Mein Eindruck zu “Das Mädchen aus Glas”:

“Das Mädchen aus Glas” lässt mich mit gespaltenen Gefühlen zurück. Als ich das Buch angefangen habe, hätte ich es fast abgebrochen, so schlimm fand ich es. Julie Hilgenbergs Charaktere waren für mich nicht glaubwürdig, die Liebesgeschichte nicht nachvollziehbar und ständig konnte man die Bemühungen der Autorin herauslesen, ihre gut gemeinte Recherche möglichst überall und oft einzubauen, egal ob es dort überhaupt reinpasst oder nicht. Ab der Hälfte ca. wurde es dann langsam besser, die Charaktere sympathischer und nachvollziehbarer, und als ich das Buch dann ausgelesen hatte … hab ich sie irgendwie vermisst. Das erste Mal, dass ein Buch, das ich am liebsten weggeschmissen hätte, tatsächlich noch besser geworden ist.

Stärken des Buchs:

Vor allem Louis Lindquist habe ich nach dem Lesen vermisst. Er ist ein Draufgänger und Lebemann, der den Frauen nicht abgeneigt ist, doch auch eine geheime liebevolle und fragile Seite hat. Für ihn ist die Ehe mit Elisa fast noch mehr Strafe als für sie, doch gleichzeitig arrangiert er sich wesentlich schneller damit und verliebt sich schließlich auch in seine Frau. Ganz allgemein waren die Charaktere auch nicht schlecht ausgearbeitet, eher Typen (der Draufgänger, der Zweifler, die Leidende, die Blondine) als echte Charaktere, aber trotzdem recht plastisch. Die Kapitel wechseln immer wieder zwischen Elias, Louis’ und Wilhelms Sicht, was für eine gewisse Abwechslung sorgt. Schön war auch das Ambiente der Zehner und Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, wie eben erwähnt, mit ausführlichen Recherchen, die ich der Autorin auch hoch anrechnen will.

Schwächen des Buchs:

Trotzdem waren alle Punkte meines Lobes gleichzeitig die Punkte, die mich vor allem in der ersten Hälfte des Buches gestört haben: Charaktere haben sich nicht ihren Charakterzügen entsprechend verhalten, sondern “handlungskonform”. Damit meine ich, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, dass die Charaktere früh eine eigene Stimme entwickelt hatten, die Autorin diese aber ignoriert hat, um ihre Handlung plotgemäß voranzubringen – und das vor allem Anfangs mit einem eher dilettantischen Schreibstil. Hätte sie hingegen auf ihre Charaktere gehört, hätten Elisa und Louis schon früher zueinander gefunden, insgesamt lebendiger gewirkt und man hätte sich ziemlich viel langwierige Handlung sparen oder diese spannender gestalten können.

Die Handlung war damit gleichzeitig unerträglich lang (in der ersten Hälfte) und viel zu gehudelt (wie man in Österreich sagt – also ging viel zu eilig voran) in der zweiten Hälfte. Vom Zeitraffer her hätte man aus dem Buch locker eine Trilogie machen können (das hab ich auch noch nie empfohlen, aber glaubt mir, hier macht es Sinn!). In diesem Fall hätten die Charaktere dann auch ausreichend Zeit gehabt, sich sinnvoll zu entwickeln und wären nicht so platt geblieben, außerdem hätte man die Handlung dann entspannter aufbauen können. Vor allem Elisas Rebellion kam wesentlich zu kurz, obwohl diese ja eigentlich die zentrale Entwicklung des Buches hätte darstellen sollen.

Ein weiterer Kritikpunkt geht an die schreckliche Verwendung der Zeitenfolge, die ich als Germanistin leider als katastrophal empfunden habe, und das Lektorat im Allgemeinen, das meiner Ansicht nach leider weder Julie Hilgenbergs Schwächen gedämpft noch Stärken herausgearbeitet hat.

Das Mädchen aus Glas. Foto: M. D. Grand

Mein Fazit zu Das Mädchen aus Glas:

Ihr seht, ich bin ein bisschen hin- und hergerissen. “Schön und feinfühlig”, wie der Klappentext es verspricht, war das Buch für mich leider nur stellenweise, vor allem gegen Ende hin, ab dem Zeitpunkt, wo die Autorin endlich beschließt, die fadenscheinigen Gründe, warum Elisa und Louis sich doch nicht mögen, bleiben zu lassen, und die beiden endlich näher zusammenführt. Wilhelm bleibt leider das ganze Buch über unsympathisch, dafür gewinnen andere Charaktere über die Kapitel tatsächlich an Tiefe, so sehr, dass man sie am Ende sogar ein bisschen vermisst. Das volle Potential des Buches wurde dabei mit Sicherheit nicht ausgeschöpft, was ich sehr schade finde. Alles in allem vergebe ich daher nur 2,5 Sterne für “Das Mädchen aus Glas”, wobei die erste Hälfte 1 Stern und die zweite Hälfte 4 Sterne verdient.

Du willst wissen, welche Bücher M. D. Grand wirklich gefallen haben? Hier geht’s zum Überblick über ihre Rezensionen.

 

Das Mädchen aus Glas

Julie Hilgenberg

Liebesroman Historischer Roman
Softcover, 510 Seiten

erschienen bei Diana

11. Mai 2020

ISBN 978-3453360570


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