Seinen Frieden finden – Das Lachen des Geckos [Rezension]

Seinen Frieden finden – Das Lachen des Geckos [Rezension]

Félix Ventura geht einer ungewöhnlichen Tätigkeit nach: Er handelt mit erfundenen Vergangenheiten. Seine Kunden sind Minister, Landbesitzer und Generäle, Menschen der neuen angolanischen Oberschicht. Sie alle blicken in eine gesicherte Zukunft, was ihnen jedoch fehlt, ist eine glanzvolle Vergangenheit. Ventura erstellt neue Stammbäume für sie, beliefert sie mit Fotografien von illustren Vorfahren und versorgt sie mit glücklichen Erinnerungen.
Doch eines Nachts kommt ein Fremder in sein Haus, dem er eine neue angolanische Identität verschaffen soll. Venturas Schöpfung auf den Namen José Buchmann beginnt den Fremden so sehr zu fesseln, dass er sich zunehmend mit der erfundenen Person identifiziert und sich auf die Suche nach den Figuren seiner gekauften Vergangenheit begibt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Buch noch lange, lange aufgeklappt gehalten
  2. Wieder wissen, warum ich das Buch beim ersten Lesen so gefeiert habe
  3. Es zurück in mein Regal gestellt, damit ich es in ein paar Jahren wieder lesen kann

Mein Eindruck zu Das Lachen des Geckos:

Geckos sind unfassbar schöne und spannende Tiere, eigentlich eher kleine Mini-Drachen. Lachen assoziiere ich mit einer ausschließlich menschlichen Fähigkeit, weswegen ich diese Irritation sofort mochte. Und tatsächlich – das fällt mir jetzt erst auf – ist das tatsächlich ein Thema, das im Buch behandelt wird. „Das Lachen des Geckos“ ist also ein perfekter Titel. Ob manche Geckos wirklich lachen können, habe ich übrigens nicht herausfinden können. Im Buch wird es behauptet. Aber mit der Wahrheit nimmt es das Werk nicht so genau …

Stärken des Buchs:

Schon auf den ersten Seiten merkt man, dass dieses Buch anders ist. Denn der Erzähler ist ein Gecko, der in einem Haus in Angola lebt. Er beobachtet den schwarzen Albino Félix Ventura, dem das Haus gehört. Dieser handelt mit falschen Vergangenheiten und hat einen seltsamen neuen Kunden. José Buchmann identifiziert sich nämlich bald mehr mit seiner neuen Identität als mit seinem wahren Ich. Dazu kommt noch Ângela, in die sich Félix verliebt. Aber der Gecko bringt auch seine eigenen Geschichten mit. Denn in seinem früheren Leben war er ein Mensch und die Erinnerungen haben ihn nicht verlassen. In den Träumen treffen sich Félix und der Gecko und führen Gespräche. Die Geschichte ist also randvoll gefüllt mit Skurrilität.

Dabei hat die Geschichte so viel Tiefgang, dass ich das Gefühl habe, ich müsste es jeden Monat neu lesen, um ja jeden weisen Satz zu behalten. Die Geschichte spielt mit Wahrheit, aber auch mit der Theorie von Seelen. Dabei verliert sie zu keinem Punkt die Leichtigkeit, selbst wenn es tragisch wird. Nein, man liest das Buch mit einem konstanten Lächeln (manchmal flüstert man vielleicht unbemerkt „Woah!“) und ich habe nie ein Buch mit einem solchen beflügelten Herzen beendet wie dieses. Es ist ein Rezept für das Glück.

Sprachlich ist „Das Lachen des Geckos* ebenso der Hammer! Starke, kurze Sätze, zwischendurch Experimente mit Satzstrukturen, denen man aber immer gut folgen kann.

Ich habe das Buch damals gekauft, weil ich mehr aus fremden Ländern lesen wollte. Und Angola war so ungefähr das Land, über das ich so rein gar nichts wusste. Das Buch vermittelt also noch nebenbei eine neue Kultur, sogar geschichtlich bekommt man einiges mit. Dabei drängt es sich aber nicht auf, man bekommt nicht diesen ätzenden Infodump. Eher kleine Snippets und bei Interesse kann man danach noch recherchieren. Ich hab diese Einsicht sehr genossen.

Das Lachen des Geckos, Foto: Magret Kindermann
Das Lachen des Geckos, Foto: Magret Kindermann

Schwächen des Buchs:

Das einzige, was mir einfällt, ist, dass ich einige Zeilen brauchte, bis ich verstand, dass der Gecko nun aus seinem früheren Leben berichtet. Für einen Moment dachte ich, die Erzählperspektive hätte gewechselt. Das hat mich kurz aus dem Buch rausgeworfen, was schade ist. Das hielt sich aber nur etwa eine halbe Seite lang und dann hatte ich mich wieder gefangen.

Mein Fazit zu Das Lachen des Geckos:

Es gibt kaum ein Buch, das ich so sehr feiere wie Das Lachen des Geckos*. Dennoch glaube ich, dass es nur wenige Leser für Werke wie diese gibt. Wer Philosophie mag und Bücher, die zur Reflexion anregen, wird es ebenso lieben wie ich. Es ist einmalig und ich habe es schon so vielen Leuten empfohlen. Wenn mich jemand fragen würde, was für einen Lesegeschmack ich habe, würde ich sagen: „Das Lachen des Geckos“. Und derjenige wüsste Bescheid.

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Das Lachen des Geckos

José Eduardo Agualusa

Gegenwartsliteratur
Hardcover, 184 Seiten

erschienen bei A1

26. August 2015

ISBN 978-3-940666048

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Magret liest nie, ohne dabei zu schimpfen. Am wenigsten mag sie wiedergekäute Ideen, leere Worthülsen oder Floskeln. Dafür steht sie auf Experimente, selbst wenn sie schiefgehen. Die Figuren sind ihr wichtiger als der Plot. Daher liest sie vor allem Entwicklungsromane, klassische und welche der Gegenwartsliteratur.

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